Corona-Maßnahmen

Auf der Suche nach der verlorenen Mitte

01.12.2021 - Mike Kauschke

Zeiten der Krise sind Zeiten der Mythen. Wenn das feste Gefüge einer Weltsicht und einer sozialen Ordnung ins Wanken gerät, wenn sich Unsicherheit und Ungewissheit breitmachen, dann suchen wir nach Sinnhaftigkeit und Gewissheit. Ganz sicher ist die Corona-Pandemie eine Zeit der Unsicherheit und des wankenden Weltgefüges. Welche mythischen Dynamiken zeigen sich hier in unserem Umgang mit Informationen, Meinungen und Medien? Und wo finden wir Geschichten, die wir miteinander gestalten können und nicht gegeneinander?

Wie der Mythos eine Gesellschaft zerstören oder heilen kann

In den vergangenen Monaten erlebte ich vermehrt Gespräche über die Dynamiken der Corona-Pandemie, in denen ich den Eindruck hatte, dass nicht so sehr die konkreten Menschen miteinander sprechen, sondern bestimmte Erzählungen oder Narrative über das, was geschieht. In verschiedenen Gesprächen hörte ich von ganz unterschiedlichen Menschen ähnliche Argumente, Informationen und eine ähnliche emotionale Stimmung. Es gibt Menschen, die die Maßnahmen der Regierung weitgehend angemessen finden, um eine gefährliche Pandemie einzudämmen. Sie sehen mit Besorgnis, dass rechtspopulistische Kräfte und andere Akteure wie Russland die Diskussion um die Corona-Maßnahmen zu einer Destabilisierung der Demokratie nutzen. Und dann gibt es Menschen, die schon den Untergang dieser Demokratie voraussehen und der Überzeugung sind, dass diktatorische Strukturen eingesetzt und Freiheitsrechte unangemessen oder bösartig beschnitten werden. Sie sehen die Corona-Maßnahmen als überzogen, unnötig oder vermuten dahinter eine verborgene Agenda. Natürlich ist das eine vereinfachte Darstellung, aber wahrscheinlich kennen viele von uns solche Gespräche, die sich in eine intensive emotionale Erregung aufschaukeln können. Bis hin zur Trennung von Freundschaften.

Immer wieder habe ich mich gefragt, was da eigentlich geschieht. Als wir an dieser Ausgabe arbeiteten, kam mir der Gedanke, dass es vielleicht auch mit dem Mythischen zu tun hat. Das Mythische hier in dem Sinne verstanden, dass es immer Geschichten, Erzählungen, Narrative gibt, durch die wir Welt verstehen. Der Mythenforscher Joseph Campbell spricht hier von der soziologischen Funktion des Mythos, die eine bestimmte soziale Ordnung unterstützt und bestätigt. Ein Mythos erklärt mir die Welt, wirkt der Ungewissheit entgegen, ermöglicht mir, mich in den Ereignissen zurechtzufinden. Er ordnet die chaotische Welt auch in einen Sinnzusammenhang, in dem ich mich so wahrnehme, dass ich einen sinnvollen, selbstwirksamen Platz darin erhalte.

Medien und Mythen

Unsere heutige Welt ist besonders komplex und unsicher geworden, insbesondere in der Zeit der Corona-Pandemie. Wir haben es mit komplexen Entwicklungen und Dynamiken zu tun, die wir selbst kaum überschauen können. Deshalb sind wir auf die Medien angewiesen, die uns Informationen geben, durch die wir das Geschehen verstehen und einordnen können. Aber Medien geben uns nicht nur Fakten, sie betten diese Fakten unweigerlich in Sinnzusammenhänge, Geschichten, Narrative und häufiger, als uns bewusst ist, auch in mythische Begriffe ein. »Die Faktizität dessen, was wir tun«, so der Philosoph Gert Scobel, »koppelt sich über uns und die Medien zurück mit den Geschichten, die wir uns über uns und unser moralisches Handeln erzählen. Die Fakten vermischen sich mit unserer Erzählung über das bzw. diejenigen Menschen, die wir sein wollen. … In Geschichten erzählen wir uns, wer wir eigentlich sind und, weil wir so sind, auch entsprechend – anders! – handeln sollten. Diese Rückkopplung zwischen Fakten und Normativität bzw. Fakten und Fiktion ist viel zu wenig beachtet und meiner Ansicht nach im moralischen Diskurs weitgehend vergessen worden.«

In den Gesprächen, die ich vorhin geschildert habe, kam es mir manchmal vor, als würden verschiedene Medienkanäle miteinander reden und sich streiten und nicht so sehr die jeweiligen Menschen. Ich erlebte Gespräche, in denen die Beteiligten auf einer tiefen philosophischen, gedanklichen und auch spirituellen Ebene ein Grundverständnis der Welt und grundlegende Werte teilten. Trotzdem ging bei dem Gespräch über »Corona« ein tiefer Riss durch die Versammelten. Diese Dynamik fiel mir auf, weil ich in den vergangenen Monaten ein möglichst breites Spektrum von Medien angeschaut habe. Verschiedene etablierte Medien, kritische Medien bis hin zu den sogenannten Alternativmedien. Wenn ich dann Menschen ihre Argumente vorbringen hörte, klang darin auch eine bestimmte Sinnstruktur, ein Narrativ und manchmal auch ein Mythos mit, der mir aus den entsprechenden Medien bekannt war. Ich will damit nicht sagen, dass wir einfach nur die Geschichten bestimmter Medien übernehmen, natürlich wird dieser Prozess immer auch geprägt durch eine eigene Meinungsbildung. Aber mir scheint, wir sind uns oft der mythischen Kraft nicht bewusst, mit der bestimmte Informationen in übergreifende Geschichten eingebettet werden, die immer mitkommuniziert werden.

In unterschiedlicher Intensität setzen Medien ihre Informationen in eine bestimmte Geschichte, die manchmal mythische Züge hat. In vielen Alternativmedien lautet diese übergreifende Geschichte vereinfacht gesagt ungefähr so: Es gibt eine globale korrupte Elite, die die Menschheit zu unterjochen versucht, neue diktatorische Strukturen etablieren und uns die Freiheit nehmen will. Deshalb ist das Corona-Virus nur ein Vorwand oder wurde absichtlich in die Welt gesetzt, um diese Agenda umzusetzen. In vielen etablierten Medien lautete das übergreifende Narrativ in den letzten Monaten etwa so: Das neue Corona-Virus ist extrem gefährlich, bedroht uns akut mit dem Tod, deshalb sind auch ungewöhnliche Freiheitseinschränkungen gerechtfertigt. Menschen, die diese Maßnahmen kritisieren, machen sich verdächtig, Feinde der Demokratie zu sein.


Muster der Bedeutung

Aber wie erhalten die Geschichten, durch die wir die Ereignisse der Welt in einen Sinnzusammenhang fügen, ein mythisches Element? Zunächst einmal geht es dabei nicht allein um faktische Geschichten mit rational zu erfassenden Tatsachen, die zusammengefügt werden, sondern auch um ein tieferes Erklärungsmuster. Mythen schaffen Bedeutungsmuster in einem scheinbar beliebigen Geschehen. Deshalb sind Verschwörungsmythen »eine Extremform der Musterbildung«, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erklärt. Diese Muster in unseren Narrativen ermöglichen uns, eine Identität zu finden, uns als selbstwirksam, als Helden dieses Mythos zu erfahren. Es ist ja interessant, wie das Motiv des Heldischen auf verschiedenen Seiten kommuniziert wurde. Es gab Werbespots der Bundesregierung, in denen das Zuhausebleiben im Lockdown als Heldentat beschrieben oder auch der Entschluss, sich impfen zu lassen, in eine Aura des Helden gekleidet wird, der sich für die Gemeinschaft einsetzt. Bei den Kritikern der Maßnahmen gibt es den Heldenmythos der Widerstandskämpfer, die sich gegen die Corona-Maßnahmen wehren oder dagegen protestieren. Die Querdenker-Bewegung lebte aus diesem Heldenmythos, der sich in seinen Extremformen auf die WiderstandskämpferInnen der NS-Zeit wie Sophie Scholl oder die Bürgerrechtler der DDR bezog. Wenn ich Anhänger eines solchen Heldenmythos bin, dann sehe ich mich in einem gerechten, heldenhaften Kampf für die Wahrheit gegen andere, die sich dieser Wahrheit verwehren. So entstehen dann im Extremfall Feindbilder, wie sie hinter Chiffren wie «Covidioten« und »Schlafschafen«, »Widerstandskämpfern« und »Mainstreamgläubigen« stehen. Ein weiteres mythisches Element ist die Nutzung von symbolischen Bildern, mit denen Geschichten einen visuellen und emotionalen Attraktor erhalten. Auch in der Kommunikation zum Corona-Virus haben symbolische Bilder ihre Kraft entfaltet. Die Bilder des Virus selbst mit seinen »Stacheln« wurden verbunden mit dramatischen Botschaften über seine Gefährlichkeit zu einem solchen Symbol. Auf der anderen Seite wurde der Mund-Nasen-Schutz für Kritiker der Maßnahmen zum Symbol für eine als unangemessen wahrgenommene Einschränkung der Grundrechte. Solche Symbole werden zu Trägern einer dahinterliegenden Botschaft, seien es die tödliche Gefahr des Virus oder der drohende Verlust der Freiheit.

In der Corona-Debatte konnte man beobachten, wie oft solche archetypischen Grundmuster angesprochen wurden, die emotional höchst aufgeladen sind. Sei es die Angst vor dem Tod, dessen Realität in unserer Gesellschaft häufig verdrängt wird und mit der Corona-Pandemie ins Bewusstsein rückte. Oder die Angst vor dem Verlust der Freiheit und Selbstständigkeit. Hier werden dann häufig Bezüge zur DDR-Diktatur gezogen und man befürchtet die Formung diktatorischer Strukturen.

Wenn existenzielle Ängste aktiviert werden, wird leicht ein mythisch aufgeladener Raum geöffnet. Diese mythischen Elemente führen zu einer starken Identifizierung mit einer Seite, dem einen Narrativ, und der Abgrenzung von der anderen Seite, dem anderen Narrativ. Sie führen zu einem Krieg der Welterklärungen, den der Komplexitäts- und Medienforscher Daniel Schmachtenberger als einen »War on Sense-Making« beschreibt. Dann werden Gespräche, wie ich sie geschildert habe, zu einem stellvertretenden Schlachtfeld, auf dem bestimmte Geschichten mit mythischen Elementen über die Welt miteinander kämpfen, wobei die Metapher des »Krieges« selbst mythische Motive anspricht. Wir selbst und unsere Beziehungen und möglicherweise am Ende sogar unsere Demokratie bleiben dabei erschüttert und vielleicht sogar zerbrochen zurück.

Das mythische Element, das den unterschiedlichen Welterklärungen innewohnt, schafft die Verbundenheit unter »Gleichgläubigen« und die Abgrenzung gegen die »Andersgläubigen«. Diese Dynamik ist gegenwärtig auf allen Seiten der Debatten zu beobachten und wird durch die sozialen Medien verstärkt, die im Prinzip von dieser mythischen Struktur leben. In der Blase des eigenen Facebook-Feeds erschafft mir der Algorithmus eine eigene mythische Welt mit bestimmten Geschichten, Helden und Symbolen. Ausgehend von meinen Interessen und politischen Überzeugungen erhalte ich die Informationen, die zu meiner schon bestehenden Weltsicht passen. Mein eigener Mythos wird gefüttert und aufgebläht, als wäre er die ganze Welt.


Zerbrochene Informationsökologie

Von diesen privaten mythischen Welten gibt es in der heutigen Informationsökologie, wie es Schmachtenberger nennt, unzählige. Durch die Fragmentierung droht diese Ökologie zu zerbrechen und damit auch das soziale Gefüge einer Gesellschaft. Denn wenn wir in parallelen Welten leben, die mythisch aufgeladen sind, finden wir kaum noch Zugang zu einem Gemeinsinn, einem öffentlichen Raum, in dem wir unterschiedliche Sichtweisen konstruktiv miteinander bewegen können. Darin spüren wir auch die Wirkung des Mythos, denn wenn ein Bedeutungszusammenhang diese mythische Aufladung hat, ist er eben nicht mehr nur eine Sichtweise der Wirklichkeit neben und mit anderen, sondern die Wirklichkeit, die Wahrheit. So genutzt kann der Mythos einen Horizont der Guten und der Bösen, der Verbündeten und der Gegner, des Wir und der anderen öffnen. Solche Einordnungen ermöglichen eine besonders starke Gewissheit und Identität. Wenn ich weiß, wer die Bösen sind, dann fühle ich mich in tiefster Gewissheit in ein sinngebendes Muster eingebunden. Und mein Leben erhält Sinnhaftigkeit daraus, dass ich auf der richtigen, der guten Seite stehe. Wenn sich dieser Kosmos der guten und bösen Mächte aufspannt, befinden wir uns auf mythischem Gebiet.

Die Dynamik polarisierender Gegensätze wird auch absichtlich von unterschiedlichsten Interessengruppen eingesetzt, um gesellschaftliche, demokratische Strukturen zu schädigen. Deshalb erklärt Schmachtenberger etwa, dass wir in einem »Krieg« leben, der mit Narrativen, mit Informationen, mit Falschinformationen und mythischen Bedeutungsmustern geführt wird. Der Mechanismus dabei ist, dass man die schon bestehenden Differenzen und Meinungsverschiedenheiten einer Gesellschaft zunehmend radikalisiert, polarisiert und auch »mythifiziert«, indem man Inhalte teilt, die diese Polarisierung unterstützen, also das Muster von Gut und Böse fördern. Diese Inhalte mit einer entsprechenden Erregungskraft kommuniziert, sprechen vor allem die Emotionen der Nutzer an und erzeugen Resonanz in den schon bestehenden Glaubenssystemen. Es geschieht ein »Limbic hijack«, das limbische System übernimmt, in dem es nur Freund oder Feind gibt, nur Kampf, Flucht oder Erstarrung. Dann wird etwas »wahr«, weil es sich für mich aufgrund meiner schon bestehenden Weltsicht oder meines mythischen Kosmos als wahr anfühlt.


Kontrolle loslassen

Mit welcher Welterklärung wir uns auch verbunden fühlen, wenn sie in eine Aufteilung in Gut und Böse mündet, wirkt hier auf allen Seiten noch ein tieferer mythischer Attraktor. Es ist der Mythos der Kontrolle selbst, in dem ich meine Gegner im Schach halten oder besiegen muss, um meine Vorstellung der guten Welt durchzusetzen. Es ist der Mythos, der uns als Zivilisation antreibt, die Kontrolle über die Natur zu erlangen und eigentlich alle Lebensvorgänge bis hin zu Gesundheit und Tod unter Kontrolle zu bekommen. Einhergehend damit ist das Narrativ der Trennung, wie es Charles Eisenstein nennt. Dass wir getrennt sind vom Lebendigen und deshalb eben die Macht haben, absolute Kontrolle auszuüben. Mit der ökologischen Katastrophe und einem Phänomen wie Corona wird dieser Mythos der Kontrolle stark angeschlagen. Und vielleicht kann man die polarisierenden Sichtweisen aller Seiten auch ein Aufbegehren dieses alten Mythos der Kontrolle nennen.

Was heute geschieht, lädt uns aber vielleicht auch ein, einen neuen Mythos zu umarmen, ein neues Narrativ aufkommen zu lassen. Eisenstein bezeichnet es als das Narrativ der Verbundenheit oder des Interseins. Und es sind schon viele Keime einer solchen neuen Geschichte der Lebendigkeit und der Mitgeschöpflichkeit sichtbar.


Verbindende Mythen

Wir sehen heute, dass eine solche Dynamik eine Gesellschaft spalten und entzweien kann. Es wird offensichtlich, dass wir neue Geschichten, neue Narrative und auch neue Mythen brauchen. Was könnten die Elemente solch eines Mythos sein, der uns einen Weg aus der Polarisierung eröffnet?

Zunächst einmal wäre es einer, der die Ungewissheit annimmt, im Wissen, dass das Lebendige nie sicher, gewiss oder verfügbar ist. Schmachtenberger empfiehlt auf dem Weg zu solch einer neuen ungewissheitsfähigen Haltung die Reflexion darüber, wie oft wir Sichtweisen, von denen wir dachten, sie seien hundertprozentig wahr, später als unwahr erkannt haben. Aber, so führt er aus, es ist uns nicht möglich, unsere gegenwärtigen Überzeugungen so radikal zu hinterfragen. Aber genau das ist nötig auf dem Weg zu einem besseren Verstehen der Welt: immer wieder neu mit leeren Händen dazustehen und mit frischem, ungebundenem Blick auf die Welt zu schauen.

Ungewissheit, so Schmachtenberger weiter, kann sich dann sogar befreiend anfühlen, denn ich weiß, wenn ich mir einer Sache ganz sicher bin und genau weiß, was richtig ist und wer die Schuldigen sind, dass ich dann ganz sicher der Agenda irgendeiner Kriegspartei im Informationskrieg folge. Ungewissheit oder der hinterfragende Blick auf die eigenen Ansichten ist damit ein Schritt in mehr Kontrolle, nicht weniger. Denn zumindest werde ich dann weniger von einer bestimmten Meinungsfront kontrolliert.

Der erste Schritt besteht also darin, vom Schlachtfeld zurückzutreten und in einem heroischen Akt mir selbst einzugestehen, dass meine eigenen Sichtweisen falsch sein könnten. Daraus erwächst das Interesse, den anderen zuzuhören. Und mit solch einer Haltung können wir zu Helden der Wahrheitssuche werden, die immer ein dynamischer Prozess ist und von uns fordert, unsere Sichtweisen und die anderer zu prüfen. Schmachtenberger empfiehlt, sich mit ebenjenen Medien-Kanälen auseinanderzusetzen, die den eigenen Überzeugungen entgegenlaufen: Was bewegt Menschen, auf diese Nachrichten zu hören? Was ist das Signal darin? Was ist das Anliegen, was sind die Werte, die dort ausgesprochen werden? Welche teilweise Wahrheit spricht darin? Mit der gleichen Haltung kann ich in Gespräche gehen. Ich habe immer wieder erlebt, dass sich ein Gespräch verändert, wenn wir nicht nur die Narrative bestimmter Medien miteinander verhandeln, sondern einander fragen, warum wir diese Erklärung plausibel und zutreffend finden: Welche deiner Werte gehen damit in Resonanz? Welche biografischen Erfahrungen werden angesprochen? Welche traumatischen Erlebnisse werden berührt? Welche Visionen einer lebenswerten Welt findest du darin?

Dann sind wir in einem anderen Gespräch, in dem es nicht nur um Informationen geht, sondern um „Herzensdinge“, wie es der Philosoph Byung-Chul Han nennt. Er sieht unsere Welt durch eine Informationsflut angetrieben, die uns die Verbindung zu den konkreten Dingen unserer Erfahrung und Beziehung überlagert: „Informationen allein erhellen die Welt nicht. Sie können sie sogar verdunkeln. Ab einem bestimmten Punkt sind Informationen nicht informativ, sondern deformativ.“ Dadurch kommt uns das, was wirklich „Hand und Fuß“ hat – und damit der andere Mensch – abhanden. Aber in der konkreten menschlichen Begegnung können wir uns verbunden fühlen, auch wenn wir andere Informationen und die Geschichten, in die sie eingebettet sind, für zutreffend halten. Dazu muss ich aber so offen sein, dass ich meine Geschichte immer auch relativieren kann und die Möglichkeit offenlasse, dass sie nicht oder nur teilweise der Wahrheit entspricht.

Ein nächster Schritt liegt darin, zu verstehen, von welchen Kern-Narrativen ausgegangen wird, von dem aus dann ganze Narrativ-Cluster entstehen. Und dann die Frage: Was sind die Evidenzen, auf die diese Erklärungen aufbauen? Wie gesichert sind sie? Gerade bei Verschwörungsmythen sind es einige wenige Inhalte, die auf Evidenz basieren, die dann aber ausgeschmückt und mit erfundenen und verfremdeten Tatsachen erweitert und verknüpft werden. Denn natürlich hat ein Bill Gates durch sein Vermögen viel Macht und übt Einflussnahme aus, was man kritisieren kann. Aber ihm Weltmachtgelüste oder die angestrebte Dezimierung der Menschheit anzudichten, ist dann der Schritt in den Mythos. Die reale Gefährlichkeit des Corona-Virus kann man anerkennen, daraus einen Killer-Virus zu machen, ist der Schritt in den Mythos.

Das heißt, wir müssen als Gesellschaft ganz neu und viel umfassender lernen, mit einer Informationswelt umzugehen, die darauf angelegt ist, uns zu mythifizieren und zu Eindeutigkeit zu bringen, zur Gewissheit. Damit ist aber diese Informationsökologie nicht mehr nachhaltig, nicht friedensfördernd. Schmachtenberger erklärt deshalb die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung über die Mechanismen der Meinungs- und Mythenbildung. Mit einem Blick in die Geschichte sieht er stabile Demokratien immer begleitet von einer Phase der Aufklärung, der innerlichen Entwicklung der Menschen, um die Welt besser verstehen zu können. In ähnlichem Sinne plädiert Bernhard Pörksen für einen gesellschaftlichen Fokus auf die Medienkompetenz, von ganz früh an. Wir müssen wieder und ganz neu lernen, Tatsachen von Annahmen, Ereignisse von Mythen, Wirklichkeit von Fiktion zu unterscheiden.


Die offene Mitte

In der hier angesprochenen Haltung eröffnet sich ein Raum jenseits der getrennten, gegeneinander gerichteten Geschichten: wenn ich die Identifikation mit einer bestimmten Sichtweise lockere und die mögliche Wahrheit der anderen Sichtweisen in Betracht ziehe. So entsteht ein offener, unbesetzter Raum, in dem dann fundiertes, nicht polarisierendes Verstehen und echter Dialog der Perspektiven möglich sind. Die Philosophen Markus Gabriel und Gert Scobel bezeichnen in ihrem Buch »Zwischen Gut und Böse« diesen offenen Raum als die »radikale Mitte«. In ihrer Analyse fehlt gerade in der Corona-Pandemie häufig diese offene Mitte, in der unterschiedliche Wissensdisziplinen und Experten in einen offenen, vielstimmigen, mehrdimensionalen Dialog miteinander treten, um gemeinsam herauszufinden, was das richtige Vorgehen ist für das Ganze der Gesellschaft. Dieser offene Raum spannt sich auf und ist weiter als die polarisierenden Narrative mit ihrer mythischen Kraft.

Dieser offene Raum der radikalen Mitte kann selbst zur Grundlage eines neuen Narrativs und auch eines neuen Mythos werden. Vielleicht könnten wir ihn als Mythos der offenen Mitte bezeichnen. Das ist ein Mythos, den wir gemeinsam gestalten. Um die Frage, wer wir als Menschen sein wollen, gemeinsam und nicht gegeneinander beantworten zu können, braucht es diese radikale offene Mitte des Dialogs. Das Zuhören, das Verstehenwollen ist dabei die Grundtugend. Damit sind wir in diesem Mythos der mitfühlenden Verbundenheit und schöpferischen Ungewissheit aufgerufen, zu Helden des Zuhörens zu werden.

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Etwas erweiterte Version eines Artikels in evolve Ausgabe 31 / 2021 “Wir alle leben in Mythen: In welchen wollen wir leben?”

 

Erstveröffentlichung in evolve-magazin.de

Mike Kauschke (mike-kauschke.de) ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des Magazins evolve.

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