Politische Musliminnen

Aufbegehren unterm Schleier

25.08.2013 - Khola Maryam Hübsch

Wie politisch dürfen Frauen in der islamischen Welt sein? Sie gehören zu den engagiertesten Aktivisten des arabischen Frühlings - ob in Ägypten oder unlängst auch in der Türkei. Doch muslimische Fundamentalisten sprechen Frauen das Recht an politischer Teilhabe ab - und bestrafen sie sogar mit sexueller Gewalt.

Jung, städtisch und vor allem: weiblich - so werden die Teilnehmer der Arabellion häufig beschrieben. Auffällig viele Frauen nahmen an den Protesten in der arabischen Welt sowie bei den Aufständen in der Türkei teil. Ohne die aktive Teilnahme der Frauen hätten diese Bewegungen nicht eine solche Durchschlagskraft entfalten können.


Deutlich wurde - entgegen weit verbreiteten Vorstellungen -, dass muslimische Frauen selbstverständlich Teil des öffentlichen Lebens sind, die Gesellschaft prägen und politisch aktiv partizipieren. Und das bereits vor den Protestbewegungen. Auch wenn es noch viel zu tun gibt auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft, so fällt doch auf, dass ein Wandel sichtbar wird: In Ägypten gibt es beispielsweise dreimal so viele weibliche Universitätsprofessoren wie in Deutschland. Und in der Türkei sind 12 Prozent der Führungskräfte weiblich - in Deutschland nur halb so viele.

Gezielte Vergewaltigung
Zugleich schockieren Berichte aus Kairo, denen zufolge an der Revolte beteiligte Frauen immer häufiger Opfer von sexueller Gewalt werden. Beobachtet wird, die Muslimbrüder würden gezielte Vergewaltigungen organisieren, um Frauen aus dem öffentlichen Leben zurückzudrängen. Und in der Türkei sehen Frauen ihren Platz in der Gesellschaft von der Politik des Regierungschefs Tayyip Erdogan bedroht, die unter dem Label „konservativ-islamisch“ verbucht wird.

Es vermittelt sich der Eindruck, es sei originär islamisch, Frauen von jeder Möglichkeit zu gesellschaftlichem Engagement fernzuhalten. Nicht zuletzt die Salafisten propagieren ein solches Islambild, wobei sie vorgeben, sich am Frühislam zu orientieren. Verwundern muss daher, dass eindeutige Stellen im Koran sowie Passagen aus der Frühgeschichte des Islams von Islamisten jeglicher Coleur offensichtlich ausgeblendet werden, wenn es um die Frauenfrage geht.

Wie erklärt man es sich etwa, dass der Koran die Königin Saba als weise und gerechte Herrscherin beschreibt? (Koran Sure 27: Verse 23-45). Eine Frau, lange vor Angela Merkel an der Spitze des Staates, die im Koran als vorbildliche Staatsführerin gelobt wird. Das ist alles andere als eine islamisch begründete Legitimation, Frauen mit Gewalt aus der Öffentlichkeit zu drängen. Auch zur Zeit des Propheten waren die Frauen aktiv an gesellschaftlichen Prozessen beteiligt. Aisha, die jüngste Frau des Propheten, ist eine der wichtigsten Gelehrten und bedeutende Überlieferin des Islams. Sie war politisch einflussreich.

Mutige Kämpferin
Dass Frauen des Frühislams sich auch in Männerdomänen behaupteten, zeigt vor allem das berühmt gewordene Beispiel einer Gefährtin des Propheten, Umm Amara, die in den frühislamischen Verteidigungsschlachten mitkämpfte und von der es heißt, dass sie mutiger als viele Männer das Leben des Propheten verteidigte. Ähnliches gilt für Khaula bin al-Azwar al-Kindiyyah, ebenfalls eine Gefährtin des Propheten. Ihr couragiertes Engagement ist bis heute legendär unter Muslimen. Während einer Schlacht leitete sie eine Truppe von Kämpfern so überzeugend, dass viele sie fälschlicherweise für den damals berühmten Feldherren Khalid ibn al Walid hielten. Die Verwunderung war groß, als sich herausstellte, dass der heldenhafte Anführer eine Frau ist.

Das Bekanntwerden ihrer Identität führte jedoch nicht dazu, dass sie abgehalten wurde, sich weiterhin zu engagieren, im Gegenteil. Khaula wurde beauftragt, weitere Truppen zu führen. Khaula gilt als Heldin. Immer wieder benennen Muslime im Gedenken an ihren Mut und Einsatz ihre Töchter nach ihr. Auch mein Vater, der viele Jahre Imam an der historischen Frankfurter Nuur-Moschee war, gab mir daher ihren Namen.

Angelehnt an den islamischen Mahdi und Reformer Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, war mein Vater der Überzeugung, dass das Zeitalter der religiösen Kämpfe mit der Waffe vorüber sei. In einer Überlieferung des Propheten heißt es: „Ein wahres Wort gegen einen Tyrannen ist der größte Jihad“. Und: „Die Tinte eines Schülers ist wertvoller als das Blut des Märtyrers.“ So wie die Frauen damals mit dem Schwert kämpften, sollten sie für eine gesellschaftliche Entwicklung mitkämpfen dürfen, bei der es um einen freiheitlichen Kampf der Argumente, um einen Jihad der Feder und des Wortes geht.

Wenn selbsternannte Verteidiger des Islams meinen, sie müssten Frauen, die sich selbstbewusst engagieren, durch sexuelle Gewalt einschüchtern, dann können sie sich nicht auf den Islam berufen. Sie mögen sich damit brüsten, Frauen im Namen eines ursprünglichen Islams ihrer grundlegenden, freiheitlichen Rechte zu berauben, machen sich aber lächerlich, wenn man weiß, dass es ein wichtiges Anliegen des Frühislams war, Frauenrechte zu stärken, und es unzählige Beispiele für den prägenden Einfluss von Frauen auf die Gesellschaft gibt.

Aufgeblähtes Ego
Das ist auch der Grund, warum viele Musliminnen sich nicht entmutigen lassen und deutlich unterscheiden zwischen den Islamisten, die die Religion für politische Zwecke instrumentalisieren, und ihrem islamischen Glauben. Gefordert wird während der Proteste daher nicht nur immer wieder die Trennung von Staat und Religion, die der Prophet Muhammad im Vertrag von Medina selbst praktizierte. Muslimische Aktivistinnen betonen auch, dass sie sich nicht vom Islam unterdrückt fühlen, sondern von politisch motivierten Männern, die den Islam für ihre Zwecke pervertieren.

Was dagegen hilft, hat Malala, die vom britischen Ex-Premier Gordon Brown als „mutigstes Mädchen der Welt“ bezeichnete Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan, kürzlich deutlich gemacht. In ihrer Rede vom 12. Juli 2013 im UN-Parlament war sie sich einig mit den vier muslimischen Friedensnobelpreisträgerinnen von 2003 und 2011, die allesamt Vorkämpferinnen für Demokratie und Frauenrechte sind: Die absurde Vorstellung extremistischer „Gotteskrieger“, der Islam verwehre der Frau Grundrechte wie das Recht auf politische Partizipation und Bildung, habe nichts mit der Religion zu tun, sondern sei vor allem dem niedrigen Wissensstand über die islamischen Quellen geschuldet. Extremisten kennen anscheinend weder die Königin Saba, noch Umm Amara und Khaula - und haben damit ganz offensichtlich weder den Koran gelesen noch die Überlieferungen des Propheten oder die frühislamische Geschichte studiert.

Sie scheinen ihre Wissenslücke mit einem aufgeblähten Ego zu kompensieren, ganz der einsteinschen Formel gemäß: „More the Ego, lesser the knowledge“. Und vergessen damit, dass es das wichtigste Ziel des Islams ist, den Menschen dazu zu bringen, einen Jihad gegen sein eigenes Ego zu kämpfen und seinen Mitmenschen zu dienen - egal ob Mann oder Frau, ob Gottgläubiger oder Atheist.

Foto: © Yoey Yan

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