Ausgabe #124

Aus der Chefredaktion: Atheisten sind arrogant!

01.12.2018 - Tahir Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser, 

ich habe schon oft Diskussionen mit Menschen geführt, die ihre Vernunft als alleiniges Mittel zur Wahrheitsfindung ansehen und ausschließlich an Dinge glauben, die sie mit ihren fünf Sinnen wahrnehmen können. Ich habe große Zweifel z.B. an ihrer Theorie von der Entstehung des Universums. Einige Male endete mein Streit um das bessere Argument in der Konfrontation mit albernsten bis absurden Einwänden gegenüber der Existenz Gottes. 

Vor ein paar Jahren begegnete ich einer besonders absurden Frage. Mein Gegenüber sagte: “Gehen wir davon aus, dass Gott existiert und allmächtig ist. Wenn das tatsächlich so wäre, was ich nicht glaube, könnte er solch einen schweren Stein erschaffen, den er selbst nicht tragen kann?”. 

Ich dachte kurz nach und versuchte ihm die Absurdität dieser Forderung an Gott an einem Gleichnis zu verdeutlichen: “Stell dir vor, du bist ein Programmierer, der ein Spiel entwickelt. Dir gelingt es eine Welt zu kreieren, die ähnlich komplex und vielfältig ist, wie die unsere. Nun komm ich zu dir und stelle dir die Frage: ‘Kannst du in deiner fiktiven Welt einen solch schweren Stein erschaffen, den du selbst nicht tragen kannst?’. Wie würdest du darauf reagieren? Würdest du mich nicht auslachen und sagen, dass du echt bist, während dein Spiel rein fiktiv ist, dass du ja viel mehr bist als dieses Spiel, außerhalb und jenseits davon.” 

Auf dieses Gleichnis folgte ein Schweigen. Keine Entgegnung. Nichts. Später wurde mir klar, dass diese Frage äußerst beliebt unter Atheisten war, sozusagen als letzte Waffe, um den Gläubigen vor Augen führen zu können, wie widersinnig, irrational und rückständig doch der Glaube an einen Allmächtigen Gott sei.

Mir waren Agnostiker schon immer weitaus sympathischer als Atheisten. Während für Agnostiker die Gottesfrage bisher ungeklärt ist oder nicht klärbar war, schließen Atheisten die Möglichkeit vollkommen aus, dass es einen Gott überhaupt geben könnte. Hier trifft Demut auf Arroganz, Offenheit auf Ignoranz. Denn der Agnostiker ist sich über die Begrenztheit des menschlichen Wissens, Verstehens und Begreifens bewusst, während der Atheist glaubt, es besser zu wissen, alles verstanden und begriffen zu haben.

Ich muss hier aber auch sagen, dass die meisten Atheisten, die ich im echten Leben (nicht im Netz) getroffen habe, eigentlich gar keine richtigen Atheisten waren. Es stellte sich nämlich häufig im Laufe des Gesprächs heraus, dass sie gar nicht so strikt die Existenz einer schöpferischen Kraft verneinten, wie es ihre Selbstbezeichnung als “Atheist” suggerierte. Immer, wenn ich dann korrigierend einwarf: “Das heißt jetzt aber, dass du eher ein Agnostiker bist, oder?”, folgte die Antwort: “Ah okay… heißt das so? Gut, dann bin ich das!”. 

Ich selbst bin Monotheist. Ich verstehe mich als “Gläubigen”, der aber nicht naiv und stur glaubt, sondern den Glauben als Beginn einer Reise zur Gewissheit durch Erfahrung betrachtet. Nach langem Ringen mit mir selbst und meiner Religion komme ich zu keinem anderen Schluss als der ersten logischen Annahme zu folgen, dass alles Existierende geschaffen wurde. Das macht mich nicht zwangsläufig zum Kreationisten, der an eine sechstägige Schöpfungsgeschichte glaubt. Der Glaube an eine Evolution von Milliarden von Jahren steht für mich nicht im Widerspruch zu meinem Gottesglauben. Eher ist es eine Evolution, die blind vorangeschritten und gesteuert von willkürlichen Selektionskräften gewesen sein soll.

Alles untersteht dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Das Universum muss also einen intelligenten Designer gehabt haben, der weil dieser unendlich ist, etwas endliches schaffen konnte. Es war keinesfalls der Zufall. Denn “Zufall” würde ja bedeuten, dass aus einer Vielzahl von Möglichkeiten eine bestimmte willkürlich auserwählt und umgesetzt wurde. Doch wer schuf die Möglichkeiten? Nimmt man allerdings nur für einen Moment an, dass es doch der Zufall war, der den ersten Stein des Anstoßes setzte oder wie sinnige Theorien behaupten, den “Urknall” auslöste, dann entstehen in mir zwangsläufig folgende Fragen: Was ist explodiert? Woher kam die Materie? Woher kam die Energie? Woher kam der Raum, worin alles expandierte? Woher kam die Ordnung? Woher kam die Information?

An dieser Stelle kann ich die Äußerung des Physikers Albert Einstein nur unterschreiben, der sagte: "Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind."

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Beste Grüße,
Tahir Chaudhry
Chefredakteur

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