Ausgabe #145

Aus der Chefredaktion: Das Andenken bewahren

01.12.2019 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

einmal kam mein Vater in mein Zimmer und musterte meinen Schreibtisch aufmerksam. Ich fand ihn damals ziemlich heruntergekommen, heute würde ich ihn mit viel Wohlwollen wahrscheinlich als shabby-chic bewerten. Jedenfalls war ich unsicher, wie mein Vater es denn finden würde, dass ich ihn bemalt und mit irgendwelchen Sprüchen vollgekritzelt hatte. Als sein Blick dann mittig-links auf den Spruch "Nur wer selbst schön ist, kann Schönheit sehen." fiel, erstrahlte sein Gesicht vor Begeisterung. Er wandte sich plötzlich zu mir und lobte mich außerordentlich dafür, dass ich ihn dazu erwählt hatte, auf meinem Tisch zu stehen. Das weise Wort zu schätzen war ihm in dem Fall wohl wichtiger, als ein häusliches System von Recht und Ordnung.

Meine jüngere Schwester und ich galten in unserer Großfamilie fast schon auf eine Art als siamesische Zwillinge, aber genauso heftig stritten wir uns manchmal auch. Nach einem langen, lauten Streit liefen wir zum Briefkasten, um uns die neue Post zu schnappen. Wir fanden dort einen Brief mit einem anonymen Absender. Wir öffneten ihn und mussten lachen. Denn unser Vater wollte uns durch diesen Brief auf eine humorvolle Weise mitteilen, dass wir doch bitte etwas an unserer Lautstärke arbeiten sollten und auch, wenn uns langweilig sei, wir uns etwa mit einem Zeichenblock beschäftigen könnten. Ist das nicht wunderbar?

Ich bin eine von acht Kindern. Manchmal frage ich mich, im Hinblick auf meine kleine Tochter, wie meine Mutter das alles geschafft hat. Denn wir haben es ihr nicht immer leicht gemacht. Einmal, als wir sie länger gestrietzt haben, ging mein Vater mit einem Ausschnitt aus einem Werbeprospekt zur Küchentür. In Großbuchstaben stand darauf: "MUTTER IST KEINE MASCHINE, KAUF DIR EINE!". Er klebte diesen Spruch an die Tür, damit wir immer daran erinnert wurden, Rücksicht auf unsere liebe Mutter zu nehmen. Das nenn ich mal kreativ!

Ich könnte zig wunderschöne Erinnerungen an meinen Vater erwähnen, die ich nicht vergessen kann. Aber ehrlich gesagt, gab es für mich im Chaos des Alltags nur selten Momente, in denen ich bewusst reflektieren konnte, wie außergewöhnlich mein Vater war. Seine Kreativität, Wertschätzung und Gelassenheit, aber vor allem sein absolutes Gottvertrauen machten ihn zu einer schönen Lichtgestalt, wenn es mal um uns herum finster wurde. Dann reichte "plik-plik-plik-plik-plik", das vertraute Geräusch der Schreibmaschine bis tief in die Nacht hinein, die hoffnungsvollen Worte der Gewissheit in seinen Ansprachen am Freitag in der Moschee oder seine große Dankbarkeit für die kleine Dinge im Alltag. Gott weiß, ich vermisse das.

Ich wünschte, ich könnte ihn jetzt einfach anrufen, wenn ich seine Stimme hören möchte. Und zu gern hätte ich seinen Rat gehört, als ich studiert habe, als ich geheiratet habe, als ich in eine neue Stadt gezogen bin, als ich bei Poetry Slams aufgetreten bin oder als meine Tochter geboren wurde. Ich vermisse meinen Vater - seit neun Jahren. Natürlich kann ich nicht mehr als das. Ich kann keinen Fluss aufhalten. Jeder Moment ist einzigartig. Die Endlichkeit würdigt das Leben. Es gibt Menschen, die werden mit der Zeit weiser, andere einfach nur alt. Mein Vater ging so früh mit einer unglaublichen Weisheit und Erkenntnis. Und es gibt Menschen, die hinterlassen ein großes finanzielles Erbe, aber lassen einen damit ärmer zurück als zuvor, in geistiger Leere. Was mein Vater mir hinterlassen hat, hat mich innerlich tief berührt, bereichert und gestärkt. Nicht nur für mich und meine Familie, sondern für Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus.

Für viele Menschen war Hadayatullah alias Paul-Gerhard Hübsch ein 68er Polit-Aktivist, ein herausragender Lyriker, eine Beat-Legende, ein eloquenter Musikkritiker, ein spiritueller Wegweiser, ein großartiger Sachbuchautor, ein Brückenbauer zwischen den Kulturen und vieles mehr. Ich bin also nicht die einzige, die ihn vermisst. Auch mein Mann vermisst ihn sehr. Je näher er ihn durch sein Werk, seine Briefe und Notizen, meine Erinnerungen und die Darstellung anderer kennenlernt, desto trauriger macht ihn die Tatsache, meinen Vater nicht in seinem Leben kennengelernt zu haben.

Mein Mann, der Gründer von diesem Magazin, hat Jahre lang eine Idee mit sich herum getragen. Erst kürzlich hat er sie umgesetzt und das Crowdfunding-Projekt "Hadayatullah - 68, Gott und die Nullzeit" gestartet. Er möchte, dass das Andenken an meinen Vater bewahrt wird. Mit der Unterstützung derjenigen, die meinen Vater kannten oder kennenlernen wollen, wird er im kommenden Jahr einen Dokumentarfilm produzieren. Bereits nach einer Woche konnte Tahir mit 20 Unterstützerinnen und Unterstüzern mehr als die Hälfte des ersten Fundingziels erreichen. Ich bin zu tiefst dankbar und sehr gespannt, wie es weitergeht und was alles noch möglich ist. 

Mit diesem Ausschnitt aus einem Gedicht meines Vaters möchte ich euch die aktuelle MILIEU-Ausgabe ans Herz legen:

... Mehr zu sein als Schein,

Mehr zu werden als Erden,

Mehr zu geben als Piranja-Leben,

Mehr zu erfahren als wir in 100 Jahren

Lernen könnten, entkernen könnten,

Erwärmen könnten, umschwärmen könnten,

Ach, das Bild, das wir von uns machten,

Zerfloss in bleierner Stille,

Unser Wille Ohnmacht,

Ausgelacht wurden wir von den Größen,

Verachtet, weil wir uns entblößten,

Selten auch beweint,

Eingedenk der Lieder: wo meine Sonne scheint,

Und wo meine Sterne stehn,

Da kann man der Hoffnung Land und der

Freiheit Licht in der Ferne sehn,

Aber zu viele kamen nicht an,

Zu viele verrottet, verstorben, verlassen,

Zu viele verwirrt, verirrt, verwest,

Aber einige haben die Suche nach der blauen

Blume nicht aufgegeben,

Einige, die schweben, die heben immer wieder

Die Steine auf, die auf ihren Weg gerollt

Werden wir Groll und Laster, Hohn und Zaster,

Wanderer, kommst du an da,

Dann höre auf den, der sah,

Der nicht abgespritzt wurde,

Von fremder oder eigener Hand,

Der den Verstand schärfte,

Der sich impfen ließ gegen den Ausverkauf,

Der nicht aufhört zu fragen,

Was die Sagen zu verkünden haben,

Was die heiligen Schriften offenbaren,

Von Eingebungen heimgesucht und nicht verflucht,

Immer auf der Suche, immer in Bewegung...

 

Beste Grüße,
Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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