Ausgabe #125

Aus der Chefredaktion: Das Laufen lernen

15.12.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

es gibt ein schönes Adenauer-Zitat: "Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont". Daran musste ich denken, als ich neulich herausfand, wie Babys das Laufen lernen. Gut, dazwischen lagen einige gedankliche Schritte. Vor dem ersten Aufrichten, dem ersten Robben, den ersten Krabbelversuchen bis hin zur ersten holprigen Erkundungstour auf zwei Beinen, liegt das scharfe Sehen. In den ersten Wochen können nämlich Neugeborene nicht viel sehen: alles, was weiter als 20 Zentimeter entfernt liegt, wird unscharf wahrgenommen. Die Augen tun sich schwer damit, Gegenstände und Personen in ihrer Umgebung zu fokussieren. Sie versuchen es trotzdem, aber weil die Augenmuskulatur zu schwach ist, fallen ihnen immer wieder die Äuglein zu und sobald sie sich öffnen, schielen sie. Doch sie geben nicht auf.

Spannend ist, dass die Entwicklung des Sehvermögens unmittelbar an die Entwicklung der Motorik geknüpft ist: sobald Babys in die Ferne sehen können, packt sie die Neugier und der Forschergeist. Sie suchen stets die große Herausforderung. Die Grundlage dessen ist, dass sie das Bedürfnis haben, das Objekt ihres Interesses mit ihren Händen und Füßen zu erreichen, die Dinge selbst zu erfahren und über sie zu Staunen. Aus all dem lässt sich für mich ein Rückschluss auf die Welt der Erwachsenen ziehen. Es gibt zu viele Menschen, die nicht über ihren Tellerrand schauen, weil es bequem ist, zu viele, die ihre Augen verschließen, damit sie selbst nicht aktiv werden müssen, zu viele, die ihre Welt bewusst klein halten, damit sie selbst ja auch in ihrem Zentrum bleiben. Ich glaube: Die höchste Grenze, die durch unsere Fähigkeiten erreicht werden kann, stellt gleichzeitig auch den Sinn unseres Lebens dar. Erst diese Einstellung bildet das Fundament für Offenheit, Einsicht, Erkenntnis und Fortschritt - physisch, psychisch und spirituell.

Auch in der aktuellen MILIEU-Ausgabe wollen wir euren Blick für neue Denkweisen und Lebenswelten schärfen. In unserem Interview mit dem Motivationstrainer Dr. Biyon Kattilathu geht es um Faktoren, die Jugendliche unglücklich machen und um die Fähigkeit, die Dinge "abzuhaken". Der Polit-Psychologe Michael Griesemer schlägt neun zentrale Maßnahmen gegen die AfD für Medienschaffende vor und Catherine Gray beschreibt in ihrem neuen Buch, warum ein nüchternes Leben viel berauschender sein kann, als man es sich vorstellen kann. Viel Spaß beim Entdecken neuer Beiträge!

Beste Grüße,
Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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