Ausgabe #129

Aus der Chefredaktion: Den Wert begreifen

01.03.2019 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser, 

nicht alles, was einen Preis hat, ist auch unbedingt von Wert. Meine kleine Tochter braucht keinen großen Schnickschnack, kein gekauftes Spielzeug, um glücklich zu sein. Stattdessen reichen ein paar völlig normale Haushaltsgegenstände, um sie in großes Staunen zu versetzen und ein herzerfülltes Lachen von ihr zu bekommen. Ein roter Schlüsselbund, die hell aufleuchtende Wärmelampe über dem Wickeltisch oder eine Packung Mini-Filmtabletten, die gut geschüttelt in ihrem Klang wohl die teuerste Rassel übertreffen. Für die Spielzeugindustrie ist das, was ich hier schreibe, wahrscheinlich geschäftsschädigend. Und doch wird es über kurz oder lang so sein, dass diese Industrie unsere Kinder mit ihren einprägsamen Werbejingles, -motiven und -slogans einfängt und in ihnen Bedürfnisse weckt, die uns jahrelang beschäftigt halten werden. Nein, dieser Unterton impliziert keinen Appell gegen die Konsumkultur, sondern für eine bewusste Konsumkultur.

Letztens habe ich ein Interview mit Dr. Teuchert-Noodt gelesen. Ich empfehle allen Eltern, es unbedingt zu lesen. Die Neurobiologin und Hirnforscherin kritisierte darin den beschlossenen „Digitalpakt“. Demzufolge sollen fünf Milliarden Euro für Tablets, Smartphones und interaktive Whiteboards in deutschen Schulen ausgegeben werden. Länder wie Südkorea, Australien, Holland und einzelne US-Bundesstaaten, so Teuchert-Noodt, hätten das digitale Lernkonzept an Schulen bereits wieder abgeschafft – aufgrund des mangelnden Lernerfolges. Die starke Beschäftigung mit digitalen Medien führe dazu, dass das räumliche und zeitliche Denken der Kinder abnehme und Konzentrationsschwächen und Aggressionen der SchülerInnen wuchsen. Zudem werde die Entwicklung wichtiger neuronaler Vernetzungen im Gehirn verhindert, die für die Analyse komplexer Sachverhalte notwendig sei. Wenn Teuchert-Noodt recht hat, gibt der deutsche Staat unnötig Milliarden von Euro aus, obgleich ein kreativer Umgang mit der analogen, "stinknormalen" Welt weitaus vielversprechender wäre. Der Wert des analogen Lernens und der Preis des digitalen Lernens unterscheiden sich nicht nur, sie werden vollkommen falsch eingeschätzt. 

In der aktuellen MILIEU-Ausgabe haben wir wieder einige interessante Beiträge für euch bereitgestellt. Eine Frage des MILIEUs behandelt das Thema Krieg im Zusammenhang mit unterschiedlichen Traumata der Beteiligten. Der erste Teil des Interviews mit dem Philosophen und Bürgerrechtler Dr. Cornel West beschäftigt sich mit dem verlorengegangenen Wert der Wahrheit, dem Preis des Lebens und die Notwendigkeit des Kampfes gegen das Ego. Ein spannendes Gespräch. Lest selbst! 

Beste Grüße,
Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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