Ausgabe #127

Aus der Chefredaktion: Der Depression begegnen

01.02.2019 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren,
Liebe Leserinnen und Leser,

viele Menschen haben Angst vor dem Versagen. Viele sind zu streng mit sich selbst. Und viel zu viele glauben, sie müssten die eine bestimmte Sache erreichen oder besitzen, um es verdient zu haben, geliebt zu werden. Kennt ihr solche Menschen in eurem Umfeld oder würdet ihr euch gar selbst zu diesen Menschen zählen?

Der meistgelesene Artikel des letzten Jahres trägt den Titel: "Warum ist Selbstmord verboten?". Verrückt, nicht wahr? Irgendwie auch nicht. Wir wissen ziemlich genau, woran es liegt, dass sich so viele Menschen für das Thema Selbstmord in irgendeiner Art und Weise interessieren. Einer EU-Statistik zufolge leidet hierzulande jeder Zehnte an einer Depression, die die Hauptursache von Suiziden sind. Eine erfolgreiche Behandlung dieser Krankheit senkt das Risiko für suizidale Handlungen.

Ich habe eine ehemalige Studienkollegin und Freundin, die seit einiger Zeit schwer depressiv ist. Leider verschließt sie sich mir mittlerweile völlig. Ihr Verhalten ist für schwer Depressive typisch. Sie schneiden sich allmählich von der Außenwelt ab. Sie reagiert also weder auf Whatsapp-Nachrichten (obwohl ich weiß, dass sie sie liest) noch auf Anrufe. Vor wenigen Wochen sah ich in einem Traum, wie meine Freundin sich etwas Schreckliches anzutun gedenkt. Nachdem ich aufwachte, war ich panisch: ich schrieb ihr Nachrichten, aber sie las sie nicht mal mehr. Ich rief unzählige Male bei ihr an, aber sie hob nicht ab. Einige Stunden später kam ein erstes Lebenszeichen. Sie war tief berührt und unglaublich dankbar dafür, dass ich an sie gedacht hatte, mich um sie sorgte.

Ich habe nun meine Freundin nach ihrer Anschrift gefragt und will ihr gerne das Buch "Rebellion der Sehnsucht" von meiner Schwester zuschicken, weil ich glaube, dass es ihr gut tun könnte. Dieses Buch hält nicht nur der Gesellschaft einen Spiegel vor, sondern bricht auch mit den falschen Erwartungen der Gesellschaft, den falschen Idealen der Konsumkultur und den falschen Vorstellungen vom Sinn des Lebens. Es ist ein Plädoyer für eine dringende Auseinandersetzung mit den wesentlichen Fragen des Lebens.

In dem Kapitel "Die Liebe ist tot - es lebe die Liebe" richtet sie sich wie folgt an die junge Generation: "Die Liebe ist eure Rebellion, sagt ihr mir. Die Liebe hat euch befreit glaubt ihr. Aber steckt ihr nicht eher fest, im Getriebensein und Niemals-Ankommen und Immer-Auf-Der-Suche-Sein? Im Nie-Wirklich-Zufrieden-Sein und ewigen Da-Geht-Noch-Was-Denken? Eure radikale Freiheit ist die Unfreiheit des Unentschiedenen, Ungefähren, des Gefangensein im Warten auf den richtigen Moment. In der Schleife des Paralysiert-seins durch ein Überangebot, das euch seine Warenlogik aufdrängt, bis ihr kapituliert. Wenn ihr ehrlich seid, dann seid ihr nämlich gar keine Rebellen und die Liebe ist nicht eure Rebellion, sie ist eure Depression."

Unser Umgang mit Betroffenen ist leider nicht immer angemessen. Wir alle kennen den inneren Impuls, der uns dazu verleitet, wegzuschauen, wenn wir in unserem Alltag etwa auf körperlich-behinderte oder obdachlose Menschen stoßen. Diese Begegnungen erzeugen negative Gefühle und es ist uns unangenehm, sich mit solchen Problemen zu beschäftigen. Im Falle schwerst depressiver Menschen, die selbstmordgefährdet sind, möchten wir uns ungern vorstellen, wie Menschen derart leiden, dass sie sogar im schlimmsten Fall bereit sind, ihrem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. Wir müssen den zuvor erwähnten inneren Impuls unbedingt bekämpfen, weil wir damit womöglich Leben retten können.

Viel Spaß beim Entdecken neuer Beiträge!

Beste Grüße,
Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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