Ausgabe #132

Aus der Chefredaktion: Der pakistanische Journalist ist entlarvt!

15.04.2019 - Tahir Chaudhry

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

im Rahmen meiner Arbeit für diverse Medienhäuser habe ich nicht wenige Journalisten getroffen, die Vertreter einer relativistischen Weltsicht und moralischen Indifferenz waren. In unserer zunehmend wertelosen Gesellschaft überrascht das sicher nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die die Lüge als eine legitime Form der Unterhaltung normalisiert, sie in "Notfällen" als Mittel zur Vertuschung und Beschönigung akzeptiert, sie an einem Tag des Jahres, dem 1. April, sogar gesellschaftlich erwartet und anerkennt. Vor diesem Hintergrund habe ich mich dann immer gefragt, wie sich meine Kollegen wohl entscheiden, wenn sie vor den großen und kleinen Gewissenskonflikten und moralischen Abwägungen stehen (besonders beim Verfassen von Berichten, Reportagen und Porträts), die über die Glaubwürdigkeit, Authentizität und schließlich über den Erkenntniswert ihrer Geschichten entscheiden. Denn eine Verantwortung vor sich selbst gibt es nicht. Der Mensch kann sich in jedem Fall von ihr entbinden.

Ende 2018 wurde der größte Fälschungsskandal im deutschsprachigen Raum seit den Hitler-Tagebüchern aufgedeckt. Der SPIEGEL-Reporter Claas R. hatte mehr als 50 Reportagen manipuliert und frei erfunden. Immer, wenn ihm der Zugang zur Geschichte fehlte, die nötigen Protagonisten absagten, es der Schlagzeile an Brisanz mangelte oder die Spannung in den Szenen ausblieb, log der Reporter. Seine Täuschungsmanöver bekamen zunehmend System und seine Geschichten waren irgendwann einfach zu schön, um wahr zu sein. Der Reporter flog auf, gab die Fälschungen zu und verließ den SPIEGEL. Er begründete sein Handeln mit: "Es war die Angst vor dem Scheitern" und "mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde". Darüber war ich weder verblüfft noch empört. Denn ich glaube, wer kleine Abweichungen von der Wahrheit verharmlost, der wird irgendwann ohne Scheu auch große Lügen erzählen.  

Anfang 2019 wurde in den öffentlich-rechtlichen Medien über die zweifelhaften Thesen und dubiosen Methoden eines pakistanisch-stämmigen Journalisten berichtet. Ich kannte ihn sogar persönlich. Über einen Chat hatte er vor einigen Jahren sein erstes Buch beworben und mich später auf einer Veranstaltung angesprochen. Dass dieser Journalist es mit der Wahrhaftigkeit nicht so streng nahm, wurde mir spätestens klar, als er im urdusprachigen Fernsehen, das meine Eltern regelmäßig konsumieren, seine eigenen Wahrheiten regelrecht herbeiberichtete. Der Journalist hatte gelernt, die richtigen Knöpfe zu betätigen, um gehört und gesehen zu werden. Allmählich brachte das auch mehr und mehr Aufträge ein (sein Freund, der seine Abrechnungen zu Gesicht bekam, spricht sogar von bis zu fünfstelligen Beträgen pro Auftrag).

Schnell wurde mir klar, dass mein Wissen über einen dreisten Täuscher, der sich „Journalist“ nannte, mich dazu verpflichtete, dazu beizutragen, dass dieser aus dem Verkehr gezogen wird, da er nicht nur einem ganzen Berufsstand schadete, sondern auch den Menschen, die Opfer seiner Skandalisierung und demagogischen Zuspitzung wurden. Ich stürzte mich daraufhin für eine Woche in eine investigative Recherche. Nur über einen Bruchteil der Ergebnisse meiner Recherche kann ich hier schreiben...

Ich sprach zuallererst mit den Opfern. Die Moscheegemeinden und ihre Gläubigen konnten mir eindeutig belegen, dass der Journalist vieles erfunden hatte und gar nicht vor Ort gewesen sein konnte, um zu recherchieren und wenn doch, dann stimmten die Fakten einfach nicht: Namen, Funktionen, politische und religiöse Ausrichtungen, äußerliche Merkmale der beschriebenen Personen oder theologische Aussagen. In all den Städten und Bezirken, wo der Journalist sein Unwesen trieb und islamische Verbände beschuldigte, haben heute rechte Parteien Aufwind bekommen, da sie ihre Hetze auf die "Recherchen" des Journalisten stützten.

Mittlerweile gehörten zu seinen Auftraggebern nicht nur pakistanische, sondern auch deutsche Medienhäuser, die auf seine Expertise vertrauten. Welche Expertise? Der als „Pakistan-Experte“ oder „Terrorismus-Experte“ gehandelte Journalist, war bald auch noch „Flüchtlings-Experte“ „Islam-Experte“ und „Iran-Experte“ – eine österreichische Zeitung titelte sogar „Top-Experte“. Ein Pakistaner islamischen Glaubens zu sein, der aus einem vom Terrorismus gebeutelten Land nach Deutschland geflüchtet war und den Iran mehrfach bereist hatte, reichte absurderweise dafür aus.

Wie konnte er sich in Pakistan als Reporter etablieren? Er hatte irgendwann erkannt, dass es nur notwendig war, das Volksego einer stolzen Nation zu streicheln. Die mantraartige Wiederholung des Satzes „Pakistan ka naam roshan karna“ (zu Deutsch so viel wie: den Namen Pakistans erstrahlen lassen) in seinen Beiträgen, stieß mir zunehmend übel auf. Die Effektivität solcher Streicheleinheiten in Pakistan bestärkte den Journalisten darin, dieselbe Strategie auch in Deutschland anzuwenden – mit Erfolg. Fortan bot er sich als Kronzeuge der Klage an: Ich bin Muslim und Flüchtling. Alles, was ihr Deutschen über Muslime und Flüchtlinge denkt, kann ich nur bestätigen. Große Boulevardblätter im deutschsprachigen Raum, aber auch überregionale Zeitungen kauften seine Berichte, die er durch Dritte schreiben ließ.

Steile Thesen funktionieren immer dort besser, wo generelle Unwissenheit und Ressentiments vorherrschen. Und so fing er an zu sagen, was die Mehrheit hören wollte. Der Journalist veröffentlichte zwei Bücher, die ihm weitere Tore als Reporter öffneten. Genauer genommen ließ er auch dieser Bücher schreiben. In unzähligen Facebook-Gruppen suchte er nach Ghostwritern für seine Bücher, vorzugsweise waren es Politik- oder Islamwissenschaftler, die sich mit den Themen rund um die Flüchtlingskrise und islamistische Radikalisierung auskannten. Infolge der Veröffentlichung gab der Journalist zahlreiche Interviews, in denen er häufig dieselben Satzschablonen nutzte, wie z.B.: „Wir haben in Deutschland lächerliche Gesetze“, „Die [Verfassungsschützer] wissen gar nicht, was in ihren Moscheen abgeht“ oder „Was ich damals prophezeit habe, dass passiert jetzt jeden Tag in Deutschland: überall irgendwo Messerstechereien, überall Frauenvergewaltigungen“. 

Das hört sich nicht nach Größenwahn an? Auf seiner Website behauptet der Journalist sogar, Deutschland habe aufgrund seiner Einmischung in die Debatte Gesetze und Strategien im Umgang mit Flüchtlingsfragen überarbeitet. Natürlich.

Abschließend untersuchte ich die Biografie des Journalisten und fand heraus, dass dieser eindeutig vorgab, jemand zu sein, der er nicht war. Auf seiner Website und in mehreren Interviews hatte er etwa behauptet, er habe in Indien gelebt und gearbeitet, er sei mithilfe eines Stipendiums nach Deutschland gekommen, er habe die Hauptschule in Deutschland und eine Mittlere Reife in Pakistan abgeschlossen, er habe an einer pakistanischen Privatuni Politik studiert. Aus verwandtschaftlichen Kreisen hieß es allerdings, dass der Journalist in Indien weder gelebt noch gearbeitet habe, dass er durch Schleuser nach Deutschland gekommen sei und sich am Flughafen als Sohn einer anderen Familie ausgegeben habe, dass er nie irgendeinen Abschluss – weder in Deutschland noch in Pakistan – geschafft habe und dass er den Uni-Abschluss gekauft hätte, nachdem er wegen Schleusertätigkeiten inhaftiert worden war und im Gefängnis den Wunsch entwickelte, Journalist zu werden.

Egal, mit wem ich aus seinem Freundeskreis und familiären Umfeld sprach, erzählte man mir, der Journalist sei jemand, der es beherrsche, Lügengeschichten zu Profit zu machen. In einem Porträt, das in einer überregionalen Tageszeitung erschien, hieß es passend dazu, der Journalist habe als Kind gelernt, den Leuten Dinge anzudrehen, um seine Familie zu ernähren.

Hier musste ich stoppen. Ich hatte eine Menge Informationen und Informanten zusammen. Jetzt wollte ich ihn endlich treffen und ihn mit den Ergebnissen meiner Recherche konfrontieren. Ich baute über einen Chat langsam vertrauen auf und bat den Journalisten darum, mir seine Version der Geschichte zu erzählen. Zuerst zeigte er sich freundlich und sehr offen für ein Gespräch. Nach und nach folgten jedoch verschiedene Ausreden: er arbeite an einer Stellungnahme, die viel Zeit und Geld koste, dann behauptete er, sein Anwalt habe ihm verboten, darüber zu sprechen, später hieß es, der Deutsche Journalisten-Verband habe ein Redeverbot verhängt. Irgendwann kapierte er, dass ich mehr vorhatte als nur seine Version der Dinge zu erfahren und dass ich darüber schreiben wollte. Er sagte, er vertraue mir nicht und ich sollte aufhören, ihm Fragen zu stellen und sie schriftlich per Mail einzureichen. Nachdem ich dies tat, lud er zum Gespräch in seine Wohnung ein. Kurz darauf folgte eine Absage. Dann folgte doch eine Zusage unter der Bedingung, dass eine Vertrauensperson dabei sein solle. Wenige Tage später kam allerdings die endgültige Absage.

Der Journalist schrieb mir, er habe kein Geld, um gerichtlich gegen die bereits gegen ihn erschienenen Berichte vorzugehen und: „Ich bin erstmal arbeitslos und habe zwei kleine Kinder“. Unsere letzte Unterhaltung im Chat, nachdem ich kritische Fragen zu seiner Biografie gestellt hatte, endete mit den Worten: „Ich bin auch nur ein Mensch, da kann auch schon mal ein Fehler passieren. Werde in Zukunft sehr viel drauf acht geben. Wir alle Menschen machen Fehler!“. Dann brach der Kontakt ab. Monate später folgte schließlich die lange angekündigte Stellungnahme, die wesentliche Fragen jedoch nicht beantwortete. Kurz darauf nahm der Journalist erhebliche Änderungen auf seiner Wikipedia-Seite und privaten Website vor. Ob sie nun der Wahrheit entsprechen, wäre zu prüfen. Es kann aber durchaus sein, dass der Journalist die Lügen oft genug wiederholt hat, sodass sie für ihn selbst zur absoluten Wahrheit geworden sind.

Werde ich über den Journalisten noch etwas schreiben? Solange er nicht wieder zum Feind der Wahrheit wird, wohl eher nicht. Ich bin gespannt, so wie ihr gespannt auf unsere 132. Ausgabe sein könnt. Viel Spaß beim Lesen! 

Beste Grüße,
Tahir Chaudhry
Chefredakteur

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