Ausgabe #133

Aus der Chefredaktion: Die Zeit nutzen

01.05.2019 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

wir empfinden es als Zeitverschwendung, wenn wir auf jemanden warten müssen. Wenn aber jemand anderes auf uns warten muss, betrachten wir es oft wohlwollend als notwendiges Übel. Warum haben wir eigentlich ständig das Gefühl, Sie würden zu viel kostbare Zeit verlieren? Aber dann, wenn Sie die Zeit hätten, etwas Sinnvolles zu tun, "chillen" wir lieber. Ohne dieses Phänomen jetzt pseudo-wissenschaftlich analysieren zu wollen, meine ich zu erahnen, woran es liegen könnte. Ich denke, es gründet in der Illusion, zu meinen, alle Dinge selbst in die Hand nehmen zu können, vor allem die Zeit vollständig kontrollieren zu können. 

Es ist wichtig, die richtige Mitte zu finden und eine Gelassenheit im Umgang mit Situationen, die uns als Zeitverschwendung erscheinen. In dem wunderbaren Kinderbuch "Der kleine Prinz" (auch für Erwachsene von großem Wert) gibt es eine Stelle, in der der kleine Prinz auf einen Händler stößt, der durststillende Pillen verkauft. Man solle ihm gemäß nur eine Pille pro Woche schlucken und habe kein Bedürfnis mehr zu trinken. "Warum verkaufst du das?", fragt der kleine Prinz. "Das bringt eine große Zeitersparnis", antwortet der Händler. "Experten haben dies berechnet. Man kann dreiundfünfzig Minuten pro Woche einsparen." Der kleine Prinz sagt: "Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?". Der Händler entgegnet: "Man macht damit, was man will…". Daraufhin folgt die tiefsinnige Antwort des kleinen Prinzen: "Ich würde, wenn ich mir dreiundfünfzig Minuten erspart hätte, gemütlich zu einem Brunnen gehen …".

Wer weiß, vielleicht würden mir auf dieser Strecke einige Zeilen für ein Gedicht einfallen, die mir dazu verhelfen, eine wichtige Erkenntnis in passende Worte zu kleiden. Vielleicht würde sich auf dem Weg ein erfrischendes Gespräch mit einem bis dahin unbekannten Nachbarn ergeben, das mich besonders inspiriert. Oder vielleicht würde ich an jemanden denken oder für jemanden beten, den ich lange Zeit vernachlässigt habe... Aber vielleicht geschieht auch nichts von alldem, aber du weißt trotzdem nicht, welche Version deiner Zeitnutzung die wertvollste oder schönste gewesen wäre. 

Vor einigen Tagen traf ich eine alte Dame im Rahmen einer Kampagne für ein aufgeklärtes Frauenbild im islamisch-religiösen Kontext. Sie war voller Vorurteile und ich versuchte ihr meine Vorstellungen als Muslima entgegenzusetzen. Doch keine Chance. Die Frau hörte wohl am liebsten sich selbst sprechen. Egal, was ich zu vermitteln versuchte und wie oft ich es wiederholte, meine Antworten auf wichtige Fragen und falsche Urteile, blieben ohne Reaktion. Ich hatte zum Schluss den Eindruck, dass es reine Zeitverschwendung war, überhaupt das Gespräch mit ihr gesucht zu haben. Sie wollte doch eh weiter in ihrer Blase leben, in ihrer Komfortzone hocken statt sich auf die komplexe Welt mit ihren Schattierungen einzulassen. Andererseits: wer bin ich, dass ich wüsste, wie viel ich unter Umständen erreicht habe und was unser Gespräch - vielleicht im Nachhinein - bewirkt hat?

Jedenfalls solltet ihr jetzt eure Zeit dazu nutzen, um die neue Ausgabe zu erkunden. Viel Spaß!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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