Ausgaben #146 und #147

Aus der Chefredaktion: Echte Perlen suchen

01.02.2020 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

"Wenn ein Verrückter einen Stein in den Fluss wirft, nützen 100 Weise nichts, um ihn zu finden." Ich finde dieses Zitat eines Unbekannten in verschiedenen Kontexten grandios, aber in diesem Fall geht es um meinen Serienkonsum und so manche Worte und Handlungen, die in den Drehbüchern niedergeschrieben wurden. Klar, Serien sollen und wollen vor allem unterhalten. Wer nach einem langen Arbeitstag entspannen möchte, hinterfragt daher eher selten denn Sinn und die Logik einer Serienhandlung. Jedenfalls finde ich selten Serien, die meinen Ansprüchen gerecht werden. Deshalb schaue ich ziemlich wenig Serien. Ich will, dass sie mich überraschen und zum Nachdenken anregen, sonst schalte ich ab und, ich hoffe, nicht zu spät aus.

Kürzlich habe ich die Serie "The Messiah" gesehen. Diese Serie wurde enorm öffentlichkeitswirksam beworben. Vor allem den Zeitpunkt der Ausstrahlung finde ich spannend. Im kollektiven Unterbewusstsein scheinen Kunst- und Kulturprodukte, die die Themen "Endzeit", "Weltkrieg" oder "Apokalypse" behandeln, eine immer stärkere Rolle zu spielen. Ich freue mich schon sehr auf Christopher Nolans "Tenet", wo von einer Katastrophe die Rede ist, die weit aus schlimmer als ein "nuklearer Holocaust" sein soll.

Mit der Endzeitvorstellung ist auch das Erscheinen einer messianischen Figur eng verbunden. "The Messiah" spielt mit den Sehnsüchten, die alle großen Weltreligionen in dem Menschen wecken. Es finden sich in ihnen tatsächlich Vorhersagen über die Wiederkunft von Jesus, Buddha, Krischna oder Zarathustra. Die Serie zeigt, wie Menschen andere Menschen zu ihren Götzen und Projektionsflächen machen, weil sie ein tiefes Bedürfnis nach einer höheren Aufgabe, nach Sinn und Bedeutung verspüren. Es war auffällig: die "Gläubigen" versuchen den falschen Messias auf verschiedene vermeintlich übersinnliche Fähigkeiten zu reduzieren und sind dabei völlig gefangen in ihren eigenen Erwartungen und Konstruktionen. So sehr gefangen, dass derjenige, der den "Messias" geschickt haben soll, völlig außer Acht gerät. Im Vordergrund steht nur noch Vergemeinschaftung, Sensation, Unterhaltung und die schnelle, einfache Beseitigung all ihrer Probleme. Alles, was einer stärkeren Arbeit an sich selbst, an dem Moralverhalten bedarf, wird missachtet. Solange der "Messias" wie ein Marvel-Held nach den Wünschen der Menschen handelt, sind sie bereit, über jeden offensichtlichen Zweifel hinwegzusehen und ihm blind zu folgen. Die Arbeitsteilung ist klischeehaft: das hilflose, verzweifelte Volk auf der einen Seite, wartet auf die einzige, wundersame Rettung in Form eines Helden mit übersinnlichen Fähigkeiten auf der anderen Seite. 

Genau an dieser Stelle sehe ich einen Mehrwert in der Serie. Sie ist eine gesellschaftliche Psychoanalyse. Die Serie gibt keine Antworten. Sie wirft Fragen auf. Sie streut enorme Zweifel und Hoffnungslosigkeit. Der Nachgeschmack ist bitter, denn "The Messiah" manifestiert ein negatives Menschen-, Gottes- und Religionsbild. Alles habe einen Makel. Die Welt sei voller Lüge, Heuchelei und Schwäche. Der Mensch sei allem hilflos ausgeliefert, da seine Wahrnehmung ihn immer täuschen könne. Jede tiefe Liebe, jede reine Wahrheit und jeder echte Glaube an eine große Idee, eine höhere Macht wird als naiv, widersinnig und gefährlich zurückgewiesen. Religionsstifter werden mit narzisstischen Täuschern und Magiern gleichgesetzt, die nichts weiter als eine besondere Menschenkenntnis besitzen und einige Tricks gelernt habe, um Massen zu manipulieren und zu beherrschen. Diese Diskreditierung der Religion als "Opium für's Volk" und reine Märchenerzählung und Massensuggestion kommt ganz und gar nicht überraschend. Und vor allem finde ich diese Sicht der Dinge nicht überzeugend. Nur weil es Perlen aus Plastik gibt, die dem Original mit bloßem Auge ähnlich sehen, beweist das nicht, dass es keine echten Perlen gäbe, oder dass Perlen an und für sich eine Konstruktion sind und nicht existierten.

Leo Tolstoi hat einmal sehr schön geschrieben: "Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht allen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rührt, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an Gott glaubst, an den du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn jemand an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, so heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist."

Wenn ihr jetzt keine Lust habt, womöglich schon wieder von einer Serie enttäuscht zu werden, so habe ich eine Empfehlung für euch. DAS MILIEU wagt den nächsten Schritt. Wir haben ein eigenes Video-Format produziert. Die monatliche Sendung "Grenzgänger" ist einzigartig. Darin wird solange mit dem prominenten Interviewpartner gesprochen, bis es an der Tür klingelt. Dann betritt ein Überraschungsgast das Set. Jemand, der einen Blick über die Grenzen der beiden Lebenswelten eröffnet. In der ersten Folge besuchen wir den Rapper Prinz-Pi, der auf einen Ex-Milliardär und Finanzhai trifft. Viel Spaß! Ich freue mich auf eure Rückmeldungen.

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry  
Chefredakteurin

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