Ausgabe #107

Aus der Chefredaktion: Falsche Gefühle erkennen

01.03.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

egal, ob unsere Werbung im Fernsehen, die Smileys unserer besten Freundin auf Whatsapp oder das neuste Youtube-Musikvideo, überall wird dicker aufgetragen als nötig, Gefühle werden strategisch eingesetzt und vermarktet. Oder erleben die Protagonisten in dem Werbespot, den wir sehen, tatsächlich das Paradies auf Erden, wenn sie das beworbene Produkt benutzen? Und lachen wir tatsächlich Tränen oder sind wir tatsächlich Hals über Kopf errötet, wenn wir jene Smileys versenden? Oder spüren Musiker echten Liebeskummer, wenn sie das in ihrem Musikvideo voller Herzschmerz verkünden?

Tatsächlich wird es immer schwieriger echte Gefühle zu erkennen und zu zeigen. Authentizität wird immer mehr zur Pose – "wahre Emotionen" sind immer häufiger die "Ware Emotionen". Wen wundert es also, dass der US-Präsident Trump in seinen diversen Auftritten außergewöhnlich viele Superlative verwendet, um besonders starke Emotionen beim anderen auszulösen, wie Wissenschaftler jüngst analysierten. "Ich bin die am wenigsten rassistische Person, die Sie jemals interviewt haben", hat Trump gesagt. Und auch: "Niemand respektiert Frauen mehr als Donald Trump".

Das Misstrauen gegenüber Gefühlsbekundungen in der Werbung, Politik  und den sozialen Medien ist gemeinhin verbreitet. Aber was passiert, wenn wir beginnen, uns zu langweilen, wenn die großen Gefühle in der Realität ausbleiben, weil sie nicht mehr offen zur Schau gestellt werden? Wir übersehen die Zwischentöne. Übersehen die echten Gefühle und werden unsensibel für alles, was nicht aufgeplustert, gehyped und wie erwartet aufs Tablett mit drei leuchtenden Hinweispfeilen serviert erscheint. Und vielleicht werden wir auch ungeduldiger mit uns selbst und unserer Umgebung, wenn wir immer schwerer zu begeistern sind.

In der neusten MILIEU-Ausgabe haben wir ein Interview mit der bis vor Kurzem noch jüngsten Bundestagsabgeordneten Deutschlands, Ronja Kemmer (CDU), geführt. Eine Politikerin, die aufgrund eines Superlativs plötzlich besonders viele mediale Anfragen erhielt. Zwei Weltreisende erzählen über Ihre Erfahrungen mit der größten internationalen Kommune der Welt. Und der Philosoph Dr. Christoph Quarch spricht über die Bedeutung von der Selbsterkenntnis im Hinblick auf die Vielzahl an sozialen Kontakten. Viel Spaß beim Durchstöbern der neuen Ausgabe!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry

Chefredakteurin

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