Ausgabe #121

Aus der Chefredaktion: Ich habe Mitleid mit Kanye und MJ!

15.10.2018 - Tahir Chaudhry

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Autorinnen und Autoren,

letzte Woche traf der Rapper Kanye West (auch bekannt als Ye) den US-Präsidenten Donald Trump im Oval Office zum "Arbeitslunch". Kanye hielt dort einen 10-minutigen Monolog über Verbrechen in Chicago, die Rettung der US-Industrie, Gefängnisreformen, Turnschuhe, wasserstoffbetriebene Flugzeuge und über seinen mentalen Zustand, der völlig in Ordnung sei, denn Ärzte hätten die Auswirkungen seines Schlafentzugs nur falsch interpretiert. Abschließend umarmte er Trump mit den Worten: „Ich liebe diesen Kerl". Die Verwirrung stand Trump ins Gesicht geschrieben. Außer ein "Das war ziemlich beeindruckend" bekam der nämlich nichts über seine Lippen. Schließlich trug ja einer der einflussreichsten Künstler der Welt seine "Make America Great Again"-Kappe. Trump schwieg also lieber, so wie alle anderen schweigen werden, denen die Geld- und Marketingmaschine namens Kanye West noch Profit bringt. Nach zahlreichen Twitter-Postings und Late-Night-Auftritten, die nach der Absetzung seiner Tabletten zustande kamen, müsste allerdings schon allseits bekannt sein, dass sich da ein Mann mit ernsthaften mentalen Problemen seit langem zum Spott der Welt macht. Kanye mag zwar ein Ausnahmekünstler sein, aber für mich ist er schon längst ein Opfer und ich habe Mitleid mit ihm.

Vor einigen Wochen traf ich Dieter Wiesner, den ehemaligen Manager von Michael Jackson. Das war für mich besonders interessant, denn in der meiner intensiven Beschäftigung mit dem Leben von MJ, gab es noch viele offene Fragen. Mit meinen beschränkten Menschenkenntnissen und Einsichten in MJ's Gedankenwelt war ich jedoch vor ein paar Jahren zu dem Schluss gekommen: Michael Jackson war naiv, hochsensibel, paranoid und größenwahnsinnig. Er war es gemacht worden. 

Durch gierige Manager, die ihm die Kindheit nahmen. Er wollte sein Leben lang dieses Kind sein, das er niemals sein durfte.
Durch seinen Vater, der ihn misshandelte und dazu zwang, immer mehr Leistung zu bringen. Er wollte sein Leben lang den Idealen genügen, die man ihm eingetrichtert hatte. 
Durch die vielen Enttäuschungen durch Menschen, die sein Vertrauen missbrauchten. Er suchte sein Leben lang nach echter Freundschaft, an deren Existenz er immer wieder zweifelte.
Durch Geschäftspartner, die ihn nur daran maßen, wie viel Aufmerksamkeit und Umsatz er generierte. Er sehnte sich nach echter Anerkennung, die er brauchte, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Seine Antwort auf all das? Die Kindheit, das Kindsein, das Kindbleiben, Peter Pan, Neverland.

Ich glaube nicht, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stimmten. Davon war auch Dieter Wiesner überzeugt. Er glaubt an einen gezielten Mord an MJ, geplant von denjenigen, aus deren Fesseln er sich zum Ende seines Lebens zu befreien versuchte. Er wollte aus der Musikbranche aussteigen, seinem Personal kündigen, seinen einflussreichen Anwälten und mächtigen Managern, von denen er sich verraten und verkauft fühlte. Er wollte das Marvel-Universum aufkaufen und fortan Filmproduzent werden. In dem Prozess der Flucht aus dem Milliarden-Musikgeschäft hätten mächtige Akteure durch Psycho-Spielchen, durch Rufmordkampagnen, Abschottung und medikamentösen Überdosierung seinen Tod herbeigeführt.

Dieter Wiesner hat alle Bänder seiner Mailbox aufbewahrt, die MJ nachts mit seinen Hilferufen füllte. In einer flüstert MJ: "I don't know if I should tell you this. I don't know who may be listening. There may be a group of people...they want to get rid of me." [...] "I cant talk about it over the phone. I don't know what's going to happen, I just feel...in my soul. Only God knows. They could shoot me, they could stab me, they could frame me and say I overdosed on drugs. They can do a lot of things." [...] "It's not the government. It's more than the government. But I don't know...I don;t care about my life anymore, I just want my children to be okay, my little angels. I want them to be safe."

MJ wie Ye waren und sind für viele Fans götterähnliche Figuren, erfolgs-besessene Revolutionäre und hyper-geniale Künstler, für die Profiteure jedoch willenlose Geldmaschinen, bloße Hüllen, die man nach Belieben ausbeutet und fallen lässt. Für mich sind es Menschen. Und Menschen brauchen Liebe, Geborgenheit und Vertrauen, aber auch einen offenen und ehrlichen Umgang. 

In dieser Ausgabe haben wir für euch ein Interview mit dem Rapper Massiv über seine Alltagsmarotten, Authentizität im Rap, seinen Verzicht auf Schimpfwörter und über die arabischen Familienclans der Berliner Unterwelt. Außerdem gibt es ein Interview mit dem Buchautor Lukas Rietzschel über die Motivation hinter seinem Roman, die Gründe für den Rechtsextremismus in Deutschland sowie die Frage der Radikalisierung junger Menschen. Im MILIEU-Mosaik haben wir 15 gefragt: "Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären das?". Spannend oder? Viel Spaß beim Durchstöbern der Ausgabe #121.

Beste Grüße,

Tahir Chaudhry
Chefredakteur

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