Ausgabe #122

Aus der Chefredaktion: Mobbing zerstört Leben!

01.11.2018 - Tahir Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren,
Liebe Leserinnen und Leser,

es wird viel geschrieben über die Mängel unseres Bildungssystems, über Bildungsverlierer und über Schulformen, die soziale Ungleichheit verstärken. Doch die Wenigsten, die darüber schreiben, haben das am eigenen Leib erfahren müssen. Die Süddeutsche Zeitung hat mir als ehemaligen Hauptschüler die Möglichkeit gegeben, diesen anderen, sehr persönlichen Blickwinkel auf diese Themen zu liefern. Dafür machte ich eine Zeitreise zurück in meine Hauptschule, die Bugenhagenschule in Schleswig. Darüber schrieb ich einen Erlebnisbericht, der in der SZ-Wochenendausgabe im beliebten "Buch Zwei" vom 27./28. Oktober 2018 veröffentlicht wurde.

In "Wir waren Hauptschüler" durfte ich zum einen über meine persönlichen Erfahrungen als Hauptschüler berichten. Und zum anderen machte ich mich 13 Jahre nach unserem Abschluss auf die Suche nach meinen ehemaligen Mitschülern. Über mehrere Wochen hinweg gelang es mir, Kontakt zu 15 von 22 Mitschülern aufzunehmen. Am Ende blieben fünf davon übrig, die ihre Erlebnisse mit mir teilen wollten. Es waren Geschichten von Glück und Unglück, von Karrieren und Sackgassen, vom Überleben und auch vom Sterben.

In den Tagen nach der Veröffentlichung erhielt ich hunderte begeisterte Zuschriften via Post, E-Mail und Social Media. Mir war klar: der Text besaß eine besondere Stärke durch den Mut der Protagonisten, offen mit ihren Erfahrungen und Erkenntnissen umzugehen. Ich hatte Roberto treffen können, dem meine Mitschüler in sein Essen spuckten, den ein Lehrer vorführte als er mehrfach daran scheiterte, einen Text vorzulesen. Ich traf auch Christoph, der von meinen Mitschülern für eine Stunde in einen Streugutkasten gesperrt wurde, der an eine Heizung gekettet wurde, um ihn mit Margarine und Mettwurst zu beschmieren. Aber ich hatte auch diejenigen treffen können, die damals andere ausgelacht, gemobbt und geschlagen haben.

Was mich an all dem am meisten erschütterte, war die Geschichte von Roberto. Ich kannte ihn länger als alle anderen meiner Mitschüler. Er wurde schon auf der Grundschule gehänselt, auf der Hauptschule wurde es aber noch viel schlimmer. Ob auf dem Schulweg, im Bus, auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer - überall machte man ihn zum Gespött. Es war grausam. Tag für Tag. Und was das mit einem Menschen macht, erzählte er mir bei unserem Treffen. Mir war zwar zuvor bewusst, dass das alles sehr schmerzhaft gewesen sein musste, aber ich hatte mir nicht ausmalen können, welche heftigen Auswirkungen diese tagtäglichen Angriffe auf seinen Lebenslauf hatten. Es war ein einziges Trauerspiel: Die Geschichte mit seinen Eltern, sein Aufwachsen als Adoptivkind, sein Leiden als Opfer von Mobbing, sein Scheitern ohne Schulabschluss, die Erfahrung mit verschiedenen Suchterkrankungen oder sein Leben am Existenzminimum.

Man kann es nicht oft und deutlich genug sagen: Mobbing zerstört Leben! Auch wenn es zu Beginn nur harmlose Lästereien sind, sie können am Ende zu systematischer Ausgrenzung führen. Durch die Isolation des Opfers kommt es schnell zu einer Abwertung und Entmenschlichung. So verlieren die Täter jegliches Mitgefühl und werden hemmungslos in ihren Angriffen. Dann ist alles möglich: von Beleidigung über Erpressung, Diebstahl, Körperverletzung, Freiheitsberaubung bis hin zur sexuellen Gewalt.

Das heißt für Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern: die Kinder sensibilisieren, im Alltag genauer hinschauen, Opfer ernst nehmen, Lästereien unterbinden, situationsabhängig reagieren, Konsequenzen für die Täter durchsetzen, einen Schul- oder Klassenwechsel in Betracht ziehen und in schweren Fällen einen Psychologen oder das Jugendamt einschalten. Dafür braucht es starke Lehrer. Die können jedoch nur in starken Schulen bestehen. Doch die Tatsache, dass wir fast täglich von Sparmaßnahmen im Bildungssystem, schlecht ausgestatteten Schulen, überfüllten Klassen, dem Lehrermangel und Unterrichtsausfällen hören, macht deutlich, dass Bildung in diesem Land nicht als der wichtigste Sektor angesehen wird. Solange sich darin nichts ändert, wird es teuer für uns und unsere Kinder, die unsere Zukunft sind.

Ich halte es mit JFK, der sagte: "Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung"... für gelangweilte Kinder von enttäuschten Eltern in überfüllten Klassenzimmern durch überforderte Lehrer, die in maroden Schulen angestellt sind. Aber zumindest kann man heute sagen: Hauptschule adé!

In Ausgabe #122 haben wir euch ein Interview mit dem österreichischen Rapper mit nigerianischen Wurzeln über seine Erfahrungen mit Rassismus durch die Wiener Polizei vorgestellt. Zudem spricht der mehrfach preisgekrönte Regisseur Wim Wenders im Interview über den Mangel an Spiritualität im Kino und seine aktuellen Projekte "Papst Franziskus" und "Grenzenlos". Marc Friedrich und Matthias Weik beschäftigen sich in ihrem Artikel mit unserer Rüstungspolitik und dem politischen Verhältnis zu Saudi-Arabien. Außerdem stellen wir euch das neue Buch "Müllkommanix - Ohne Abfall lebt's sich leichter" von Verena Klaus mit einem Auszug vor.

Beste Grüße,

Tahir Chaudhry
Chefredakteur

 

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