Ausgabe #106

Aus der Chefredaktion: Sich erinnert fühlen

15.02.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

wir sind sehr vergesslich. Wir erinnern uns nur noch wenig an das, was wir im Kindesalter erlebt haben. Meist nur aus Erzählungen wissen wir, was unsere damaligen Vorlieben und Interessen waren. Auch können wir uns nicht daran erinnern, wie viel Mühe sich andere Menschen damals machten, um uns zufrieden zu stellen und glücklich zu machen. "Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung und nichts eher als eine Wohltat", so lautet ein treffendes Sprichwort.

Wenn ich meine Familie in Frankfurt besuche, mit meinen Nichten und Neffen spiele und spreche, Anteil nehme an ihren Gedanken, kunterbunten Träumen und verrückten Ideen, weiß ich nicht, wie vieles davon später bei ihnen in Erinnerung bleiben wird. Aber es macht mir bewusst, wie viel ich anderen Menschen zu verdanken habe, die mir Zeit geschenkt haben - besonders meinen Eltern, die unzählige Anstrengungen und Entbehrungen auf sich nahmen, obwohl sie aus Erfahrung sicher wussten, dass ich diese Momente wohl bald wieder vergessen würde. Wie ein Fass ohne Boden, in das man andauernd Wasser füllt? Nein. In Augen meiner Nichten und Neffen sehe ich die Essenz dessen, was von der Zeit, Nähe und Zuwendung, die ich ihnen gebe, übrig bleibt: Liebe.

Eine Freundin von mir, die eine lange, schwere Krankheit hinter sich hat, wollte sich unbedingt auch an alle schönen Erlebnisse erinnern können, die sich im Alltag auch in kleinen Begegnungen und Vorfällen spiegelten. Sie begann, jeden Tag auf mehreren kleinen Zetteln zu notieren, was ihr gut tat: das Gedicht einer Freundin, die Gitarre ihres Vaters oder die Briefe ihres Patenkindes.

Zum Jahresende leerte sie ihre Zettelbox und war erstaunt darüber, was sie alles schon wieder vergessen hatte. Umso besser tat es ihr jetzt, sich an Vergessenes zu erinnern. Es ist gerecht, nicht alles zu vergessen. Und manchmal kann es ausreichen, sich selbst in seinen Nichten und Neffen wiederzuentdecken, wie sie Pantomime spielen, von den Süßigkeiten naschen und den Großen auf die Nerven gehen.

In der neuen MILIEU-Ausgabe haben wir hoffentlich Artikel, Gedichte und Interviews für euch, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Interview mit der Islamwissenschaftlerin Prof. Gudrun Krämer geht es um die wissenschaftlich korrekte Auseinandersetzung mit einer Weltreligion zwischen Phobie und notwendiger Kritik. In dem Essay von Dr. Cornel West geht es um die Krise in den USA und einen prophetischen Widerstand gegen Lüge, Täuschung und Ungerechtigkeit. Viel Spaß beim Lesen!

Beste Grüße,
Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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