Ausgabe #120

Aus der Chefredaktion: Sich überraschen lassen

01.10.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

vor ein paar Tagen war ich auf einem "Begegnungsfest" im Rahmen der Interkulturellen Wochen eingeladen. Zwei Freundinnen und ich kündigten uns mit einem eigenen kleinen Poetry Slam-Auftritt an. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich so meine Bedenken, wie dort alles so sein würde, vor allem wie wir wohl ankommen würden. Die Gegend war ländlicher als gewohnt, das Publikum war älter als sonst. Tatsächlich war ich ein wenig irritiert, als wir dann alle zu hören bekamen: "Sie können aber gut Deutsch sprechen" und wie überraschend das doch war! Immer wieder mussten wir antworten: "Wir sind ja auch hier aufgewachsen". Was soll's, das macht wohl immer noch das Kopftuch. Jedenfalls ließen wir uns nichts anmerken und lauschten weiter dem Programm. Ein armenisches Mädchen sang ein Lied in ihrer Muttersprache, ihr Vater saß am Keyboard, der Bruder an der Gitarre. Eine Musikgruppe trommelte mit Leib und Seele vom Leben. Kleine Mädchen tanzten, turnten und hoppsten herum. Von überall schallte es nur: "Aww-sind-die-süß".

Irgendwann, als das Programm kurz vorm Ende stand, fragten wir uns, ob wir überhaupt noch an die Reihe kämen. Doch dann: Manege frei! Meine Freundin war besonders mutig. Sie trug ihren aller ersten Poetry-Slam-Text überhaupt vor. Und der hatte es in sich. Sie erzählte von ihrem Heranwachsen in Deutschland, den vielen Vorurteilen, mit denen sie täglich konfrontiert war. Und doch könne sie sich mit Deutschland identifizieren, auch nach Chemnitz, nach vielen Kämpfen und Konflikten. Die Reaktion der dort Anwesenden war eindeutig: es war der längste und lauteste Applaus des gesamten Abends. Vor meinem Auftritt hatte mich eine Begegnung mit einer älteren Dame dazu gezwungen, meinen vorzutragenden Text spontan mit einem anderen auszutauschen. Sie hatte mir nämlich erzählt, wie schwer sie es hätte, bei all dem Leid auf der Welt an Gott zu glauben. Ich bat die Dame um etwas Geduld. Meine Antwort gäbe es später auf der Bühne. Ich trug meinen Text "Und du klagst Gott an?" vor. Nachdenkliche Gesichter. Applaus. Ende gut, alles gut. Die Moderatorin trat ans Mikro und erzählte, dass sie zu Tränen gerührt war. Ähnliches schilderten andere aus dem Publikum.

Dazu fällt mir ein Song von Curse ein:

Eigentlich wollt' ich erst gar nicht herkomm'
Zu viel Dies, zu viel Das, du weißt schon
Es gibt für alles einen Grund
Ausreden müssen wir nicht finden, die finden uns
Doch irgendwie bin ich jetzt hier gelandet
Auf dieser Insel hier mit euch gestrandet
Und es fühlt sich ganz schön gut an
Ich bin froh, dass ich den Mut fand
Glück ist kein Ort, sondern Zustand

Und erst seit ich da bin, weiß ich wie es ist
Weiß ich wie es ist

Gut, dass es nie zu spät ist, um das zu erkennen und sich einzugestehen.

In der aktuellen Ausgabe haben wir wieder einige spannende Texte für euch parat. Unter anderem ein Interview mit dem Filmregisseur Erik Poppe, der über das schreckliche Attentant auf Utoya einen Film gedreht hat. Eine Bilanz nach zehn Jahren Finanzkrise ziehen unsere Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich. Außerdem berichtet Lars Jaeger von den gefährlichen Auswirkungen des Silicon Valleys auf unsere Gesellschaft.

Viel Freude beim Lesen!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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