Ausgabe #130

Aus der Chefredaktion: Terror beginnt mit Worten!

15.03.2019 - Tahir Chaudhry

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

kurz bevor der Massenmörder am vergangenen Freitag die Anschläge auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch verübte, stellte er sein Manifest online. Es soll erklären, was unerklärlich ist: Ein Mensch tötet 50 andere Menschen, weil sie für ihn keine Menschen sind. Jegliches Motiv, ob in einem Satz oder in einer ganzen Abhandlung niedergeschrieben, ist nicht in der Lage, dieses Massaker zu rechtfertigen. 

Warum habe ich das furchtbare Manifest dennoch gelesen? Ich versuchte mich darauf einzulassen, mich hineinzufühlen, um zu begreifen, woher dieser Hass kommt. Es führte mir nicht nur knallhart vor Augen, wozu Menschen als Produkte ihrer jeweiligen Einflüsse verkommen können, sondern auch wie sich der öffentliche Diskurs ändern muss, wo wir neue Grenzen in der Sprache setzen sollten und wie wir Volksverhetzung in der politischen Kultur entlarven können.

Das Manifest trägt den Titel „The Great Replacement“ („Der große Austausch“): 74 Seiten voller Hass und Wut. Darin beantwortet der Attentäter Fragen, die nach seinem Massaker von allen Seiten aufgeworfen werden könnten - teilweise trollhaft-ironisch in Anlehnung an die neofaschistische Netzkultur, aber größtenteils sehr ernsthaft, weil er sich selbst in der Tradition anderer neofaschistischer Mörder und Vordenker sehen möchte.

In den ersten Zeilen will der Attentäter festhalten, worum es ihm im Kern geht: „Es sind die Geburtenraten. Es sind die Geburtenraten. Es sind die Geburtenraten.“ Er beschreibt sich als einen „einfachen weißen Mann“, der sich für die Zukunft seines Volkes einsetze. Es gehe um den „Überlebenskampf“ gegen eine fremde Rasse, Kultur und Religion. Die „Masseneinwanderung“ sei in Wahrheit eine „Invasion“ und ein „Völkermord“.

Das Manifest habe ich in meinem Artikel "Das Manifest kommt mir sehr bekannt vor" zusammengefasst und kommentiert.

Ich halte das Manifest von Brenton T. nicht für das Machwerk eines Irren, sondern eines neofaschistischen Ideologen, der eine kohärente Lehre niederschreibt, der eine globale Bewegung von Rechtsradikalen anhängt. Für noch viel gefährlicher als Politiker und Medienschaffende, die sich diese Lehren für ihren Profit zur Nutze machen, halte ich die Architekten von rassistischen und islamfeindlichen Ideologien. Sie tarnen sich als „Islam-Kritiker“ und „Freiheitskämpfer“, doch sind Hetzer, die sich einer ausgeklügelten Rhetorik bedienen, die stets die Grenzen der Volksverhetzung streift. Die Thesen etwa eines Thilo Sarrazin, eines Hamed Abdel-Samad oder einer Necla Kelek weisen eine große ideologische Schnittmenge zu der Ideologie auf. In meinem Artikel liefere ich dafür mehrere Beweise.

Ich gebe diesen Propagandisten zwar keine direkte Schuld an der Diskriminierung oder gar an den Verbrechen von Rechtsextremisten, aber doch Mitschuld an der Schaffung einer bestimmten Atmosphäre. Einer Atmosphäre, in der das, was vermeintlich nicht gesagt werden darf, auch richtig sein muss. Einer Atmosphäre, die eine Verrohung der Sprache vorantreibt und Hass-Reden salonfähig macht. Einer Atmosphäre, die Ängste und Fehlurteile der Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer Minderheit schürt und andauernd ihre Bestätigung sucht. Einer Atmosphäre, in der auch der Attentäter von Neuseeland sozialisiert und schlussendlich radikalisiert wurde.

Bleibt wach, aber entspannt. Bleibt kritisch, aber offen. Die 130. Ausgabe wartet darauf, von euch erkundet zu werden.

Beste Grüße,
Tahir Chaudhry
Chefredakteur

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