Ausgabe #135

Aus der Chefredaktion: Wenn Algorithmen beschenken

01.06.2019 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

auf der Suche nach einem passenden Geschenk für eine Freundin zum Fest des Fastenbrechens bin ich neulich auf ein interessantes Start-Up-Unternehmen gestoßen. Dort werden nämlich Geschenkboxen angeboten, die dem Versprechen nach individuell und persönlich sein sollen. Und das alles, ohne das ich, die Schenkende, einen Schimmer davon habe, was letztendlich in dieser Box landet. Wie das funktionieren soll? 

Anhand einiger Indikatoren, wie beispielsweise Alter, Geschlecht, Kleidergröße, Allergien, Essgewohnheiten und Interessen, werden passende Produkte ausgewählt und in die Box gelegt. Besonders Wert gelegt, werde auf Nachhaltigkeit, hand-made-look-Produkte und kreative, möglichst originelle Designs.

Ist das nicht genial und absurd zugleich? Genial, weil es ein Bedürfnis in uns befriedigt, das viele von uns besitzen: das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, nach Einzigartigkeit und Bedeutung in der Flut von unterschiedlichen, beliebig scheinenden Seinsmöglichkeiten, industriell-gefertigten Massenwaren und Lifestyles. Absurd deshalb, weil es natürlich genau das ist, wonach es nicht aussieht: eine automatisch generierte Auswahl industriell-gefertigter Massenwaren, beliebig und „bedeutungslos“.

Heutzutage ist es keine Seltenheit, dass auf dem Warenmarkt Produkte, die einem bestimmten, berechenbaren Algorithmus folgen und mit der allgemeinen Marktlogik konform gehen, einer möglichst ebenso kalkulierbaren Zielgruppe verkauft werden, um das Gefühl von Einzigartigkeit und Individualität zu vermitteln.

Am Ende, so bin ich überzeugt, geht es den meisten Menschen beim Beschenken um mehr als Nützlichkeit, Individualität oder Schönheit. Es geht vor allem um Authentizität. Das, was wir kaufen und schenken, soll man uns "abkaufen", aus dem Herzen kommen und unsere Beziehung zu einer anderen Person auf authentische Weise verbessern.

In diesem Sinne, glaube ich, dass die meisten Menschen auch fernab von materiellen Dingen, im Innersten auf Glaubwürdigkeit, ja, auf die Wahrheit dessen, was ihnen begegnet, ausgerichtet sind. Aus diesem Grund kann unter gewissen Umständen auch Individualität und Konformismus zusammenpassen, nämlich, wenn der gemeinsame Nenner die Authentizität ist. 

Um nichts anderes geht es uns mit diesem Magazin. Wie sehr folgen wir unseren inneren Stimmen? Und wie sehr folgen wir den äußeren Stimmen? Wo beginnt der unmittelbare Schein und wo endet das eigentliche Sein? DAS MILIEU soll das Ergebnis dieses Ringens sein. Viel Spaß bei der 135. Ausgabe!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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