Ausgabe #128

Aus der Chefredaktion: Wo sind die Interviews?

15.02.2019 - Tahir Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

im Laufe meines Volontariats bei der Süddeutschen Zeitung kam ich irgendwann mit dem Interview-Format „Fotoalbum“ in Berührung, das schon bald zu einem meiner Lieblingsformate werden sollte. Am Anfang wollte ich das gar nicht: Prominente treffen, sie mit sieben Fotos von ihrer Kindheit bis in die Gegenwart konfrontieren und die prägenden Erlebnisse im Wortlaut protokollieren. Eine Kollegin hatte einen Termin mit dem Schauspieler Christian Tramitz, 61, schon fest zugesagt, war aber nun doch verhindert. Es musste also jemand anderes kurzfristig einspringen. Ich war gerade erst für die nächsten drei Monate frisch in das Gesellschaftsressort gezogen und wurde von der Kollegin gefragt, ob ich das übernehmen könnte. Eine andere Beschäftigung hatte ich noch nicht und sagte deshalb natürlich zu.

Ich war kein großer Fan von Tramitz und kannte ihn nur aus „Schuh des Manitu“ (2001). Er wirkte auf mich wie ein austauschbarer Alleskönner: Schauspieler, Komiker, Synchronsprecher und Autor - ohne Ecken und Kanten. Ich war voller Vorurteile. Ich musste mich also dazu zwingen, an den Starnberger See zu fahren, um mit ihm in einem bayerischen Gasthof (!) – sowas hatte ich zuvor noch nie von innen gesehen – zu Abend zu essen. 

Vom ersten Moment an, als Tramitz das Lokal betrat, fiel das Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte, in sich zusammen. Er wirkte auf mich wie ein Jugendlicher gefangen im Körper eines alten Mannes. Anders als ich annahm, war er lustig aber auch ernsthaft, kritisch aber weise, politisch und nicht gleichgültig. Über ein Foto aus seiner Kindheit sagte er etwa: „Ich war immer ein sehr zurückhaltendes Kind. Das ist noch bis heute so. Immer wenn wir Besuch bekamen, habe ich mich unter dem Tisch versteckt. Gott sei Dank habe ich mir das mit dem Tisch abgewöhnt. Ich bin nie so richtig aus mir herausgekommen. Nach wie vor bin ich recht schlecht im Smalltalken und niemand, der offensiv auf Leute zugeht. Mit 60 entwickelt man zwar eine gewisse Routine, aber neue Leute oder ein neues Umfeld sind für mich immer noch anstrengend.“ Das hatte ich nicht erwartet.

Bild könnte enthalten: 4 Personen, Personen, die lachen

Zwischen seinen Fotos, die den roten Faden des Gesprächs bildeten, stellte ich ihm Fragen, die ihn mal direkt, mal indirekt herausforderten, hinterfragten und ihm einen frischen Blick auf bestimmte Erlebnisse, Gedanken und Entscheidungen ermöglichte. Am Ende unseres fast zweistündigen Gesprächs sagte Tramitz zu mir, dass er in seinem Leben schon unzählige langweilige „Pressedinger“ gemacht habe. An diesem Abend waren wir beide positiv überrascht. Und ich hatte (nicht nur für meine journalistische Karriere) unglaublich viel gelernt: Menschen können komplexer sein als wir manchmal glauben, besonders Unterhaltungsmedien blenden oftmals wichtige Elemente einer Persönlichkeit aus und wir wissen erst wie sie ist, wenn wir ihr tatsächlich begegnen. 

Auf diese motivierende Erfahrung folgten weitere „Fotoalbum“-Gespräche: u.a. mit dem Menschenrechtler Jean Ziegler, dem Philosophen Richard David Precht, dem Komiker Kaya Yanar (der sich übrigens als großer Fan unseres Magazins outete) oder dem Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler. Immer wieder machte ich ähnlich positive – teils sehr überraschende – Erfahrungen. Die daraus gezogenen Erkenntnisse lassen wir in unsere konzeptionelle Arbeit für DAS MILIEU einfließen. Wir wollen Interviews, die zeitlos, kritisch aber gerecht sind, neue Facetten sichtbar machen, den Gesprächspartner aussprechen lassen und Themen von unterschiedlichen Seiten erfassen.

Mittlerweile haben wir eine große Palette an tollen Interviews anzubieten. Doch in letzter Zeit besteht bei uns ein Mangel an Interviewern. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, um diejenigen zu erreichen, die gerne Interviews für uns führen würden oder Publikationsmöglichkeiten für ihre Beiträge suchen. Wir beraten und begleiten euch natürlich bei euren Vorhaben – mit Vorschlägen, der Organisation der Treffen (telefonisch/persönlich) und der inhaltlichen Umsetzung. Meldet euch unter chefred@dasmili.eu.

Viel Spaß beim Durchstöbern unserer aktuellen MILIEU-Ausgabe!

Beste Grüße,

Tahir Chaudhry
Chefredakteur

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