Rezension

Autonomie - eine Verteidigung

15.07.2015 - Dr. Burkhard Luber

Der Spannungsbogen der Autonomie reicht von Schillers „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd´ er in Ketten geboren” bis zu den „autonomen Blocks” bei Demonstrationen. Trotzdem ist die Autonomie in Gefahr, sagen Michael Pauen und Harald Welzer in ihrem neuen Buch. Grund genug für die Autoren, das Phänomen „Autonomie“ ausführlich in seiner philosophischen Begrifflichkeit und seinen empirischen Erscheinungsformen zu analysieren.

Die Erforschung von „Autonomie“ ist keine einfache Sache. Zwar gilt der autonome Bürger als Grundlage der modernen Demokratie, aber die Auffassungen, was unter Autonomie zu verstehen ist, gehen auseinander. Ist sie eine, an die Person gebundene unveräußerliche Eigenschaft? Oder ist sie ein Instrument, das in bestimmten sozialen Situationen gezielt eigesetzt werden kann?

Solche und ähnliche Fragen stehen am Anfang des Buches. Auf sie folgt ein Kapitel zur Definition des Autonomiebegriffs. Offensichtlich beschreibt Autonomie die Freiheit des Handelns, im verschärften Fall auch das Handeln gegen Widerstände. Autonomie steht gegen fremdbestimmtes und unbestimmtes Handeln. Wie aber trat die Autonomie in die menschliche Geistesgeschichte? Die Autoren unterscheiden drei Epochen: Bis Leibniz spielte Autonomie im philosophischen Denken keine Rolle  ?  der Mensch war fest in die Ordnung der Dinge eingefügt. Mit Kant wurde die Autonomie eine Kategorie der Rationalität: Autonom war derjenige, der sich vom vernünftigen Sittengesetz leiten ließ. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts bekam die Autonomie individuelle Konturen.

Nach diesem philosophiegeschichtlichen Überblick diskutieren Pauen und Welzer über Autonomie innerhalb menschlicher Gesellschaften. Sie fragen erstens: Warum handeln Menschen in Gruppen konform, obwohl dieses Handeln ihren individuellen Wertvorstellung widerspricht? Und: Was sind die Gründe dafür, dass es trotzdem „Verweigerer” gibt, die sich dem Gruppendruck erfolgreich widersetzen? Experimente zum Verhalten in Gruppen zeigen, dass nicht vorausgesagt werden kann,  ob sich ein Mensch in einer bestimmten Situation konform oder autonom verhält. Dass es dennoch eine Tendenz zum konformistischen, gruppenakzeptierten Handeln gibt, führen die Autoren darauf zurück, dass dies in der menschlichen Gesellschaft viele Jahrhunderte lang Vorteile bot. Die Meinung der Mehrheit zu kennen und sich entsprechend anzupassen, war nötig und oft sogar lebensnotwendig, wenn es um Orientierung in der Natur, um Nahrungssuche oder Konfliktbewältigung ging. Wie sehen dann aber die Voraussetzungen für Autonomie aus?

Zunächst weisen die Autoren darauf hin, dass es keine „geborenen” Widerständler gibt. Autonom zu handeln ist aber auch nicht nur eine Sache des spontanen Entschlusses. Vielmehr gilt es bereits vorab zu verhindern, dass die Autonomie Einzelner durch die Dynamik einer Gruppe unterlaufen wird. „Wie kann man also die Interaktion von Gruppen so regeln, dass sie unsere Autonomie nicht oder nur in geringerem Maße gefährdet?”, fragen Pauen und Welzer. Die Antwort der beiden: Autonomie ist keine „ewige” Persönlichkeitseigenschaft, die immer wirksam ist, sondern sie unterliegt den Normsetzungen des jeweiligen sozialen Gefüges. Wenn autonomes, also gruppenabweichendes Handeln, gelingen soll, muss es soziale Räume für das Entstehen von Autonomie geben. Erst diese „privaten“ Räume schaffen Gelegenheiten mit anderen Autonomie-Willigen Strategien für autonomes Handeln zu entwickeln.

Historisch betrachtet ist die Differenzierung von Öffentlichkeit und Privatheit ein relativ junges Phänomen. Dies zeigt sich unter anderem an der Baugeschichte. Erst die großen Wohnungsbauprogramme der Nachkriegszeit ließen Wohnraum entstehen, der breiten Bevölkerungsschichten die Möglichkeit zum Rückzug bot. Ohne das daraus erwachsende Potential zum Aufbau von Beziehungen außerhalb der Öffentlichkeit wäre abweichendes (Widerstands-)Verhalten nicht denkbar. Mit dieser Aussage leiten Pauen und Welter zum spannenden dritten Teil des Buches über, der den Titel „Autonomie heute” trägt. Gegenwärtig ist Autonomie als historisch erkämpftes, sozialpolitisches Potential durch die Herrschaft der Informationsindustrie massiv gefährdet. Individueller erfolgreicher Widerstand gegen den Terror des Nazi-Regimes wäre im Zeitalter von NSA-Ausspähung, Facebook und Google chancenlos. Heute müssen sich Geheimdienste ihre Informationen nicht mehr mühsam zusammenstellen, sondern können sich bequem aus der immensen Datenflut des Internets bedienen. Mit dieser allumfassenden Transparenz (die früher einmal als Fortschritt galt) gerät die Demokratie in Gefahr. Es droht ein neuer Totalitarismus, der den Faschismus der 40er Jahre in seiner Mächtigkeit und seinem Universalismus übertrifft. Waren die Diktaturen des 20. Jahrhunderts bei ihrer Machtausübung noch auf Terror angewiesen, kann die moderne Staatsmacht darauf verzichten, weil sie über schier endlose Datensammlungen von all ihren Bürgern verfügt und damit ausreichendes Material zur Kontrolle und Manipulation besitzt.

Pauen und Welzer weisen auf die expansive Tendenz der Überwachungs-Apparaturen hin. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass Video-Kameras zunächst nur zur Verkehrsüberwachung eingesetzt wurden, inzwischen aber fast überall anzutreffen sind: in Banken, Zügen, Büros, Autos und Wohnhäusern. Solche Kontrollmedien sind nicht gesellschaftlich neutral, sondern in staatliche und wirtschaftliche Machtinteressen eingebettet. Sie bedrohen in radikaler Weise die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen. Dass sie weitgehend unhinterfragt akzeptiert werden, hängt damit zusammen, dass die unersättliche Gier nach Daten im Namen von angeblichem Komfort, Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz erfolgt (Stichworte: Smart Home, Smart Car, Smart Watch, 24/7-Shopping).

Pauen und Welzer widersetzen sich der Idee des Tauschs von Daten gegen Bequemlichkeit. Sie demaskieren die Verlockungen von Google, Facebook und Co. als Anschlag auf die persönliche Autonomie. Was nützt der unbegrenzte Zugang zu Informationen, wenn gleichzeitig jeder Mensch alle Informationen über mich einsehen kann? Was nützt grenzenlose Kommunikation, wenn es dadurch keine persönlichen Geheimnisse mehr gibt? Wenn wir unsere sportlichen Aktivitäten, Autofahrgewohnheiten, Pulsfrequenzen oder Alkoholkonsummengen als Daten preisgeben, werden wir unfrei. Wir werden überwacht und bewertet. Und durch die totale Transparenz wird uns die Möglichkeit genommen, Widerstand gegen falsche politische Trends zu organisieren.

Dagegen mag gerade in der jüngeren Generation der Einwand erhoben werden, dass die Informations- und Kommunikationstechnik mittlerweile zu komplex, zu vernetzt, zu stark in den Alltag integriert und damit zu übermächtig ist, um sich ihr als Individuum oder Gruppe mit Erfolg zu entziehen. Dem widersprechen die Autoren mit dem Argument, dass die Kultur unserer Gesellschaft mit dem Aufschwung der Technik in den letzten Jahrzehnten immer uniformer geworden  ist . Kommunikation erfolgt nur noch über Facebook und Whatsapp. Große Hotelketten offerieren überall auf der Welt die gleich ausgestatteten Hotelzimmer. Die Profile der Innenstädte gleichen sich durch dieselben Markenshops wie McDonald, Starbucks, H&M, Nike und Apple immer mehr an. Die Welt wird nicht komplexer sondern gleichförmiger. Diese Entwicklung wirkt sich auch auf unser Denken aus. Autonomie und Widerstandsfähigkeit bleiben auf der Strecke. Die Autoren schließen mit 11 Regeln, die dabei helfen können die (eigene) Autonomie zu verteidigen. Dazu zählen:

Niemals die persönliche Souveränität für geldliche Vorteile preisgeben.

Keine Preisgabe von Freiheit zugunsten von angeblich mehr Sicherheit (ein häufiges Argument von Politikern).

Digitale Askese, besonders in Sozialen Netzwerken.


Michael Pauen / Harald Welzer: Autonomie – Eine Verteidigung. 328 Seiten. S. Fischer Verlag 2015. 19.99 Euro

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