Blasphemie-Vorwürfe

Bei allem was mir heilig ist!

30.08.2013 - Tahir Chaudhry

"Das ist Blasphemie!" Ein Vorwurf, der Menschen in vielen Teilen unserer Welt stark emotionalisiert. Ob Kritik an der wahhabitischen Religionslehre in Saudi-Arabien, Vorwürfe gegen das Ayatollah-Regime im Iran oder gar abweichende Überzeugungen wie der Baha’i in Afghanistan. Diese Staaten wittern hinter jeder Abweichung von der "Norm" eine Form der "Gotteslästerung" und ahnden diese daher mit harten Strafen.

Ein Staat lässt in der Menge der Blasphemie-Vorwürfe alle anderen Staaten weit hinter sich: Pakistan. 2011 traute sich Salman Taseer, ein pakistanischer Gouverneur, im Fall einer beschuldigten Christin, das umstrittene Blasphemie-Gesetz öffentlich anzuprangern. Wenige Tage später wurde er von einem seiner Leibwächter erschossen. In landesweiten Protesten forderten radikale Kräfte die Freilassung des Mörders und feierten ihn als Helden der Nation. Auch der jüngste Blasphemie-Fall im Sommer 2012 in Pakistan löste internationale Proteste aus. Rimsha Masih, eine junge Christin, wurde wegen Gotteslästerung angeklagt, weil sie angeblich Koranverse verbrannt haben sollte. Im September kam sie aber überraschenderweise auf Kaution aus dem Gefängnis frei. Grund dafür war die Festnahme eines Imams, der verdächtigt wurde, Beweise gegen das Mädchen gefälscht zu haben.

Intoleranz und Macht
Aber nicht nur Christen werden Opfer dieses Gesetzes in Pakistan, sondern auch Hindus, ja sogar Muslime selbst. Die pakistanische Justizkommission gab im letzten Jahr an, dass in den letzten 25 Jahren 1058 Fälle von "Blasphemie" registriert wurden. Von den Beschuldigten waren 456 Ahmadi-Muslime, 449 Muslime, 132 Christen und 21 Hindus.
So wurden 1974 Anhänger der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Pakistan durch eine Verfassungsänderung zu Nicht-Muslimen erklärt. Seitdem wurden weitere Gesetze verabschiedet, die die Religionsausübung dieser Muslim-Gruppe unter Strafe stellen. Ahmadis dürfen sich erst an Wahlen beteiligen, wenn sie den Begründer ihrer Gemeinde schriftlich beleidigen. Sie dürfen ihre Gebetshäuser nicht als Moscheen bezeichnen, keinen Gebetsruf aussprechen und sich nicht gegenseitig mit der islamischen Grußformel begrüßen. Sie gelten praktisch als vogelfrei und müssen immer wieder finanzielle und menschliche Verluste beklagen.

Wie entgegnet dem der höchst labile, von Rezession, Morallosigkeit, und Terrorismus gebeutelte pakistanische Staat? Er lässt die radikalen Kräfte gewähren und sogar bei der Religionspolitik des Landes mitentscheiden. So gut wie kein Akt, der von den gewohnten "Bräuchen" abweicht, bleibt vor dem Vorwurf der "Gotteslästerung" verschont.

Die Meinung Andersdenkender unterdrücken zu wollen ist eine egoistische und skrupellose Besessenheit. Das Blasphemiegesetz leistet dazu einen hervorragenden Dienst als Instrument politischer Gleichschaltung und außergesetzliche Hexenjagd des Volkes. Diese Praktik stellt selbst nicht weniger als ein gotteslästerliches Unterfangen dar. Aber was ist eigentlich "Gotteslästerung" - und was nicht? Die wenigsten wissen, dass gerade die Ursprünge religiöser Weltanschauungen in Standpunkten und Äußerungen der Stifter liegen, die von der damaligen Mehrheit als blasphemisch aufgefasst wurden. Anstatt auf breite Zustimmung und Akzeptanz zu stoßen, wurden Propheten verachtet und beleidigt, ihre Anhänger gefoltert und getötet. Sie wurden als Lügner, Magier oder Verrückte diffamiert und der Apostasie bezichtigt. Beispiele dafür lassen sich in der Geschichte der Juden, Christen und Muslime finden:

In voller Bescheidenheit trat der Prophet Moses dem göttlichen Herrscher Pharao gegenüber, um ihm die Botschaft eines einzigen Gottes zu überbringen und sich für die unterdrückten und verfolgten Israeliten einzusetzen. Pharao hatte nichts als Lachen für ihn übrig und sagte: "Was geht mich euer Gott an? Mein Gott ist er nicht!". Nachdem Ägypten von zehn Plagen befallen wurde, ließ er das Volk ziehen, um kurz darauf seine Meinung wieder zu ändern und sie zu verfolgen.

Der Prophet Jesus debattierte in respektvoller Art mit jüdischen Schriftgelehrten seiner Zeit und überbrachte ihnen seine messianische Botschaft. Als Reaktion darauf wurde er zum Kreuzestod verurteilt. Bei der Anklage sagte ein jüdischer Hohepriester: "Was brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was denkt ihr? Sie aber sprachen alle das Urteil über ihn, dass er des Todes schuldig sei."

Als Prophet Mohammed aus Barmherzigkeit gegenüber seinen Mitmenschen auf der arabischen Halbinsel einen einzigen, unkörperlichen Gott predigte, klagten seine Todfeinde: "Wir werden es nicht dulden, dass er unsere Väter beleidigt, unsere Sitten verspottet und unsere Götter verschmäht." Erzürnte Mekkaner versuchten die Verbreitung der neuen Religion zu verhindern und verhöhnten, folterten und töteten Muslime fast 13 Jahre lang in Mekka.


Demnach waren die uns heute bekannten Religionen selbst einmal Häresien, die ihre Verbreitung gegen andere Überzeugungen durchsetzen mussten. Durch einen ähnlichen Prozess gingen auch die Lehren des Buddha, Krishna oder Zarathustra, bevor sie zum Durchbruch gelangten. Natürlich sind oppositionelle Haltungen der Propheten der Weltreligionen nicht mit Schmähungen zum Zwecke der Belustigung gleichzusetzen.

Missbrauch Gottes
Auf der anderen Seite gab es leider zu jeder Zeit religiöse Hitzköpfe, die den Gott, der ein Geheimnis für das rein weltliche Auge darstellt, mit den endlichen und wandelbaren Bildern verwechselten, die sich Menschen von ihm gemacht haben. Indem eben jene Fanatiker Gott vergegenständlichen, schaffen sie einen menschlichen Götzen, der es zum Ziel hat, die Sinne der Menschen zu vernebeln und den Verstand auszuschalten. Es geht ihnen um Sicherheit, Reichtum und Macht. Ein solches Gottesbild ist seither dazu missbraucht wurden, um bedingungslosen Gehorsam gegenüber korrupten Menschen zu fordern, ein gutes Geschäft zu machen und Herrschaftspositionen legitimieren zu können. Dabei ist die Ablehnung bestimmter Gottesbilder der Religion selbst inhärent. In dem Gedicht "Gott ist anders" von Leo Tolstoi heißt es passend: "Wenn du nicht mehr an Gott glaubst, an den du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, so heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist."

Die monotheistischen Religionen sind sich einig: Der wahre Gott ist der, der nicht für politische oder ökonomische Interessen missbraucht werden kann. Er ist ein Gott, der sich nicht als eine Wahrheit proklamieren lässt, die für jeden mit bloßen Augen sichtbar ist. Er will von jedem Einzelnen subjektiv geglaubt sein und fordert keine Verehrung durch Zwang ein.

Es gibt im deutschen wie im österreichischen Strafgesetzbuch den sogenannten Blasphemie-Paragrafen. Er stellt denjenigen unter Strafe, der beispielsweise in öffentlichen Äußerungen Gott lästert und dadurch die öffentliche Ordnung gefährdet. Dieser Paragraf weicht in letzter Zeit immer öfter dem Recht auf Kunst- oder Meinungsfreiheit, obwohl auch diese beiden Freiheiten über deutliche Grenzen verfügen. Unwahre Tatsachenbehauptungen, herabsetzende Diffamierungen oder die Verletzung der persönlichen Ehre bilden die Schranken der Meinungsfreiheit. Auch die Kunstfreiheit entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. Tatsächlich geht es aber um mehr als um Paragrafen. Es geht darum, den Charakter unserer Gesellschaft zu verteidigen. Denn zu Pluralität und Toleranz gehört, dass man diejenigen achtet und respektiert, die anders sind als man selbst. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der der Umgang von Verachtung geprägt ist? Heute ist das Lächerlichmachen von etwas, was anderen Menschen heilig ist, hoch im Kurs. Für schnelles Geld und schnelle Aufmerksamkeit werden in Kunst, Literatur, Film, Theater und Musik des Öfteren die Grenzen zwischen Satire und Beschimpfung ausgetestet. Ja, natürlich kann Gott nicht beleidigt werden! Natürlich können verstorbene Heilige nicht beleidigt werden! Aber gibt es nicht doch zivilisierte Umgangsformen?

Schon der aufklärerische Denker Jean-Jacques Rousseau erkannte, dass der Spott gegen die Religion geächtet werden müsse, da man dadurch nicht allein die Religion angreife, sondern "man beschimpft und beleidigt sie in ihrem Gottesdienst, man zeigt eine sträfliche Verachtung gegen das, was sie hochschätzen, und folglich auch gegen sie selbst."

Ganz ähnliche Ansätze vertraten auch der Religionskritiker Ludwig Feuerbach und der Jurist Wilhelm Heinrich von Grolman. Sie erkannten die Wechselwirkung: Werden Gläubige verletzt, dann verletzt es ihre Seelen und damit ihre Menschenwürde. Areligiöse Menschen fühlen sich im materiellen Sinne ganz ähnlich verletzt, wenn beispielsweise durch den Bau von Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen Steuergelder verschwendet werden.

Respektvoller Umgang
Im säkularen Recht kann es zwar nicht um Gottesvorstellungen gehen, wohl aber um diejenigen, denen Gott ein Anliegen ist. Sie sind es, die durch Religionsbeleidigung beleidigt werden, und zwar viel schwerer und tiefer als durch Beleidigung ihrer eigenen Person. Wie geht man mit jemandem um, der respektvolle Umgangsformen nicht kennt oder ablehnt? Zwang und Gewalt kann nicht die Lösung sein. Denn was bringt es, jemanden durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen, wenn Meinungen sich nicht ändern? Respekt, Ehre, Liebe, Wertschätzung kommen nur vom Herzen und können nicht erzwungen werden.

Statt in Paranoia zu verfallen, sollten religiöse Menschen angesichts Lästerungen entspannt auf das letzte Urteil Gottes warten. Aber unabhängig davon hat der Staat das Recht, einzugreifen, wenn eine "Lästerung" den gesellschaftlichen Frieden gefährdet. Denn ein Staat, der seine Bürger nicht gegen Angriffe schützt, kann nicht erwarten, dass die Menschen sich als Bürger seines Gemeinwesens fühlen.

 

Erstveröffentlichung: Wiener Zeitung

Foto: © Jill Reed

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