Kurzgeschichte

Beim Geld hört die Ironie auf

01.12.2016 - Tariq Chaudhry

Zu den wohl schönsten Erlebnissen der späten Kindheit und der frühen Jugend gehören Erfahrungen mit der Ironie. Wahrscheinlich eine Ausdrucksweise, die uns eindeutig von anderen Lebewesen unterscheidet. Wenn man in frühkindlicher Zeit mühevoll die Sprache erlernt, fällt man immer wieder auf diese „Verstellung“ oder „Täuschung“ der Ironie hinein.

Nachdem man mehrmals getäuscht und dabei ertappt wird, entwickelt sich der Drang es bei anderen Mal auszuprobieren, auch sie zu täuschen. Ich erinnere mich an den Beginn dieser sprachlichen Experimentierphase mit meinen Mitschülern noch sehr gut.

 

Eines Tages kam eine Mitschülerin auf mich zu und sagte: „Lisa ist meine Freundin.“ Das kam für mich sehr überraschend und ich dachte darüber nach, welche Gemeinheiten eben diese Mitschülerin über Lisa gesagt hatte. Als sie merkte, dass ich mir Gedanken über die Merkwürdigkeit dieser Aussage machte, schob sie lässig hinterher: „Ist nur ironisch gemeint!“. Denn es war eben diese Mitschülerin, die über Lisa herzog und ihr schlimme Schimpfnamen gab. Ganz im Gegenteil zu heute fühlte ich mich in dem Moment genervt  und auch ertappt. Ich habe die Ironie in ihrer Aussage nicht erkannt.

 

Damals fand ich die Ironie schlimm, denn man konnte sie in den Gesichtern nicht richtig erkennen. Das lag nicht immer an meinem Intellekt oder Wortschatz. Manche Menschen können sogar im erwachsenen Alter nicht mit Ironie umgehen, die einen verstehen sie nicht und die Anderen können sie nicht vermitteln. Bei denjenigen, die Ironie nicht richtig ausdrücken können, sucht man vergeblich: einen Ausdruck im Gesicht, eine Redewendung oder Stimmlage etc. Man wird nicht fündig!

 

So fühle ich mich auch manchmal bei Politikern, wenn sie sich hin und wieder  dazu hinreißen lassen große Ankündigungen zu machen. Mein letze Erfahrung mit solchen Ankündigungen liegen gar nicht so weit zurück. Um ganz genau zu sein, war es der 9.11.2016. Nein, es geht hier nicht um die Ankündigung des President-elect nach dem Wahlsieg für „alle“ Amerikaner „der“ Präsident sein zu wollen. An diesem Tag ereignete sich mehrere tausend Kilometer entfernt fast geräuschlos ein Inferno. In Neu Delhi trat der indische Premierminister Narendra Modi von der indischen Volkspartei (BJP) vor die Kameras und kündigte k stolz dem grassierenden Schwarzgeld und der Korruption des Landes den Kampf an. Als Mittel pries er den sofortigen Stopp aller 500 und 1000 Rupien Banknoten an. Diese würden im Laufe der Zeit durch 2000er und neuen 500er Banknoten ersetzt werden. Zwei Zahlen reichen aus um zu verstehen welches Elend dadurch über 1,252 Mrd. hereinbrach: Eine Bargeldquote von über 90% und ein Benzinpreis von etwa 68 Rupien pro Liter. Da wünscht man sich einfach nur Vergnügen beim Bezahlen ;-) (für all diejenigen, die es nicht verstanden haben). 

 

Sobald diese Ankündigung raus war, etwa 20 Uhr indischer Zeit, liefen die Menschen zu den Geldautomaten, um an frisches Geld zu kommen - vergeblich. In den kommenden Tagen bildeten sich unglaublich lange Schlangen vor den Post- und Bankfilialen des Landes. Erste Videos gingen viral. Einerseits die Wohlhabenden, die durch Netzwerke und Tricks ihr aus zwilichtigen Quellen erlangte Geld teilweise abenteuerlich umtauschten und andereseits die armen Massen, die nicht mal über die notwendigen Dokumente verfügen das Geld umzutauschen. In den indischen Medien begannen Bilder über verzweifelte Menschen auf den Fernsehschirmen zu flimmern. Bräute, die auf ihre Hochzeit gespart hatten, Eltern, die Schulgeld für ihre Kinder gespart hatten, Witwen, die ihr karges Erbe zu verwalten hatten. Einfach gesagt, traf es am Schlimmsten jene, die von den Abgehängten abgehängt wurden. Als das Chaos auf den Straßen war, die Strories enthüllt und die ersten Hoffnungslosen ihrem elenden Dasein selbst ein Ende gesetzt hatten, legt der Premierminister Modi in Kobe, Japan, vor der dortigen indischen Community wenige Tage später nochmals nach. Dies sei eine bedeutende „Säuberungsaktion“, ein wichtiges Mittel um „gleiche Gesetze für alle“ zu forcieren. Gegenüber einer applaudierenden Menge gab er zu, dass es auch zu „Unbequemlichkeiten“ gekommen sei. Vor allem bei Hochzeiten, die vollzogen wurden oder medizinischen Notfällen. Der Premierminister fügte jedoch hinzu, dass er vor seiner Nation salutiere, die dies „hingenommen“ und „akzeptiert“ habe. 

 

Nachdem ich diese Reden gesehen habe, habe ich auf die Pointe gewartet. Das kann doch nur Ironie sein, oder? Zu Beginn war noch die Hoffnung: Gleich wird der Premier wie meine ehemalige Mitschülerin lässig nachschieben: „Ist nur ironisch gemeint!“ Wäre zwar ein übler und zutiefst schwarzer Humor, aber gemessen an der Tatsache, dass das kaum für einen westlichen Repräsentanten für ein Elend, das etwa 1/7 der Menschheit betraf, hinnehmbar gewesen wäre. 

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