Rezension

Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen

01.11.2020 - Dr. Burkhard Luber

Ein Mann reitet auf einem Esel durch die griechische Bergwelt. Neben ihm geht mühsam seine Frau und stöhnt unter einem schweren Sack auf ihrem Rücken. Ein Kollege des Buch-Autors spricht mit dem Mann. “Was hast du ihm denn gesagt”, erkundigt sich daraufhin Morris. “Ich habe ihn gefragt, warum seine Frau nicht auf dem Esel sitzt.” “Und was war seine Antwort?” “Weil sie keinen Esel hat”.

(Anekdotischer Ausgangspunkt des nachfolgend rezensierten Buches)

 

Um geschichtliche Abfolgen anschaulich werden zu lassen, wählen Historiker verschiedene Mittel: Sie gliedern zum Beispiel prägnant  chronologisch (vgl. die Rezension des Buches von Wilhelm Bleek zum Vormärz in dieser Zeitschrift oder betrachten einen Kontinent aus einer bestimmten geographischen Perspektive (vgl. die Publikation von Jürgen Elvert, gleichfalls in dieser Zeitschrift rezensiert.)

Ian Morris, Professor für Geschichte an den Universitäten von Chicago und Stanford wählt noch einen anderen Weg: Die Aufschlüsselung der menschlichen Geschichte über verschiedene Formen der Energiegewinnung. Morris' Perspektive dafür ist eine historische Drei-Gliederung, in der er das jeweils vorherrschende Wertesystem mit der den Epochen zugrunde liegenden Energiegewinnung in Beziehung setzt: 

1) Das Wertesystem der Wildbeuter, in dem Jagen und Sammeln vorherrschend waren mit einem tendenziell egalitären Wertesystem, weil diese Formen der “Energiegewinnung” ein hohes Maß an Kooperation erforderten. Besitz spielte für diese hauptsächlich sich in Nomadenform abspielenden Epoche keine signifikante Rolle, das Anwenden von Gewalt allerdings schon. 

2) Das Wertesystem der Bauern war auf die Akkumulation von Besitz gerichtet und verlangte nach erheblich mehr Regulationen in der gesellschaftlichen Hierarchisierung. 

3) Das bislang letzte Wertesystem ist das fossile Zeitalter unserer Zeit. Jetzt werden die Hierarchien flacher und der Widerstand gegenüber Gewaltanwendung größer. 

Morris breitet eine reichhaltige Fülle von Informationen und Argumentationen für seine Drei-Epochen-Gliederung aus, von denen die Leserin/der Leser viel lernen kann, auch wenn sie/ihn das 3er-Paradigma von Morris nicht überzeugt. 

Das Buch ist nicht zuletzt auch deswegen attraktiv in seiner Präsentation, weil Morris im zweiten Teil vier AutorInnen zu Worte kommen lässt, die sich kritisch mit seiner Argumentation auseinandersetzen, insbesondere mit dem - vom Autor allerdings ja durchaus gewollten Reduktionismus. Danach kommt nochmal der Autor anschließend in einem Schlusskapitel zu Wort. 

Das Buch ist ein faszinierender Gang durch die Geschichte unter einem bemerkenswerten Blickwinkel. Bedauerlicherweise bricht das Buch allerdings mit dem Öl-Zeitalter ab, wo doch peak oil schon längst  Realität ist und sich das Internet mit seinen vielfältigen Datenaufbereitungen immer mehr als die Rohstoffquelle des 21. Jahrhunderts ausbreitet. 

Ian Morris: Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen. Deutsche-Verlagsanstalt. 2020. 425 Seiten. 26 Euro.

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