Rezension

Bis auf den letzten Schritt

01.08.2015 - Meltem Bayir

Ein Roman, der so viele Emotionen aufrührt wie kaum ein anderer!

Iris Lieser erzählt nicht nur die tragische Geschichte des letzten gemeinsamen Jahres, das ihrer Familie verbleibt, als bei ihrem Mann Peter die Diagnose Darmkrebs festgestellt wird. Sie lässt weitaus mehr miterleben und mitfühlen.

Das Jahr ist geprägt durch die schlagartige Veränderung, die das Ehepaar und ihre drei Kinder ertragen müssen. Detailreich und ausdrucksvoll lässt die Autorin uns an den sich ständig wandelnden Gefühlen, der inneren Zerrissenheit, der Verzweiflung aber auch der Hoffnung und den Höhen und Tiefen des verbleibenden Jahres teilhaben.

Eines steht von Anfang an fest: Peter Lieser wird sterben. Der Tumor hat gestreut und eine Operation ist damit ausgeschlossen. Nur die Chemotherapie gewährt ihm etwas Zeit. Die Zeit, die es der Familie erlaubt, noch einmal zusammen zu leben! Und genau das ist das Thema des Romans: das Leben wird zum Hauptmerkmal und nicht der sich anbahnende Tod, der trotz aller angestrengter Harmonie nicht zu leugnen ist. Dies weiß auch Familie Lieser: sie will leben, zwar unter Zeitdruck, dafür aber so intensiv, wie es nur geht. „Alles nahmen wir viel intensiver wahr. Jedes Lachen, jedes Gespräch, jedes Gefühl wurde zum Geschenk. Wir gierten geradezu nach dem Leben, wollten es sehen und fühlen, riechen und schmecken.“

Die Hoffnung

Und obwohl ich als Leserin wusste, wie es für Peter ausgehen wird, hoffte ich! Zusammen mit Iris Lieser, ihren Kindern und allen anderen im Roman Beteiligten, hoffte ich auf ein Wunder. Eine positive, unerwartete Wendung der Geschichte, so wie wir sie aus klassischen Hollywood-Filmen kennen. Doch weil Iris Lieser eine wahre Begebenheit schildert, holte sie mich immer wieder zurück in die harte Realität. Dies ist auch der Grund, warum ich das Buch nicht innerhalb ein paar Tage auslesen konnte - oder sollte ich besser sagen: „wollte“? Ein wahrscheinlich unbewusstes Verhalten, den Tod Peters hinauszuzögern, da Trauer und Verzweiflung mit der Zeit, auch in der sprachlichen Gestaltung Iris Liesers, dominierender werden. 
Iris Lieser schildert die Hoffnung – eines der drei Motive dieser Geschichte – präzise und lässt sie in allen möglichen Formen auftauchen. Sei es die kindlich naive Hoffnung, die sie durch ihre Kinder vermittelt oder der letzte Funke, der ihr bleibt, wenn Geist und Körper versagen. Ein bedeutsames Element, das die Familie das Jahr über begleitet und sich auf den Leser überträgt.

Das Versprechen

Der Buchtitel „Bis auf den letzten Schritt“, der zunächst wie ein kitschiger Roman von Nicholas Sparks klingt, entpuppt sich schnell als weiteres Leitmotiv der Geschichte, dessen Durchhalten der Protagonistin in ihrer Verzweiflung nicht selten zum Verhängnis wird.
Für Iris Lieser hat dieser Schwur einen hohen Stellenwert. Denn dieses Versprechen gewinnt seine hohe Bedeutung durch das wichtigste Motiv des Romans: Die Liebe.

Die Liebe

„Jetzt fanden unsere Körper wie von selbst zueinander. Es war keine Leidenschaft, die uns antrieb, sondern viel mehr das Bedürfnis, mit dem anderen zu verschmelzen […] Eins und eins wurde eins.“
Eines vorab: Kitsch und überspitzte Sentimentalität sind hier fehl am Platz.
Denn das Realistische sowohl in Liesers Darstellung als auch der Geschichte selber wecken große Sympathie und Empathie. Gerade für Leute, die sich von echter Liebe mitreißen lassen wollen und denen nur erfundene Liebesdramatik missfällt, ist dieses Buch unbedingt eine Empfehlung. Denn es geht mehr als nur um das sinnvolle Leben in diesem Jahr, das Familie Lieser gemeinsam bleibt. Es ist die Liebe, die den Roman zu etwas Besonderem macht. Die Liebe, die vor allem Peter spürt. Von Freunden, Bekannten, seinen Kindern und vor allem von seiner Frau. Die Liebe, die in allen Formen zu Tage tritt und zum Überlebenskampf beiträgt. Gerade die Liebe zwischen Peter und Iris durchlebt eine starke Entwicklung und zeigt eine Seite, die sie beide so zuvor nicht wahrgenommen hatten. Das Buch beschreibt die wahre Liebe und die enge Verbundenheit der Familie bis zum Schluss.

„Bis auf den letzten Schritt“ hat alles, was ein Buch braucht. Drama, Liebe und überraschende Entwicklungen.
Doch das Hervorstechendste ist die Achterbahnfahrt der Gefühle. Nicht nur für die beteiligten Personen im Roman, sondern auch für die Leser. Iris Lieser schreibt so tiefgründig und ausdrucksstark, dass die Geschichte für alle sehr anschaulich wird.

Das Buch ist keineswegs nur ein schlichter, emotionaler Ratgeber für Leute, die in einer ähnlichen Situation stecken. Natürlich kann der Roman eine sinnvolle Hilfestellung bieten, jedoch sollte man ihn nicht nur aus dieser Perspektive heraus lesen. Denn Iris Lieser steckt viel mehr in ihr Buch und lässt uns teilhaben an dem Zusammenhalt, der Liebe und der Hoffnung, die der Familie in dieser schwierigen Zeit Kraft gibt.
Die Autorin zeigt in ihrem Buch, dass das Leben trotz seiner Härte und Ungerechtigkeit vor allem eins ist: Lebenswert!


Iris Lieser: Bis auf den letzten Schritt: Wie wir lebten, als wir wussten, uns bleibt nur noch ein Jahr. Adeo Verlag 2015. 285 Seiten. 17,99€. 13,99€ (E-Book).


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