Kurzgeschichte

Bitte sag doch was!

27.08.2013 - Kashifa Butt

Auf dem Weg zur Arbeit machte ich eine Erfahrung, genauer noch eine Beobachtung, die für viele von euch nichts Neues oder Besonderes ist, da es leider schon zum Alltag unseres Lebens gehört. Dennoch war ich über mein eigenes Empfinden erstaunt, als ich diese Szene am Bahnhof ungewollt auffasste.

Da stand ich also an dem Gleis und wartete auf meine Bahn. Es war einer dieser tollen, sehr warmen Frühlingstage. Die Sonne strahlte über den wolkenlosen Himmel und eine angenehme Windbrise sorgte für Erfrischung. Die Bahnstation war gut gefüllt, so wie für die Zeit am späten Vormittag auch üblich ist.


Ich stand also da und beobachtete nun die, glaube ich, sechste Person, die die Treppen hochlief und sich anschließend eine freie Ecke zum Warten suchte. Diesmal handelte es sich um eine junge hübsche Frau, in ihren 20er Jahren, mit Sonnenbrille, einem kurzen Rock, einer schönen Bluse und tollem Haar. Irgendwie fiel sie gleich allen am Gleis auf, aber das lag mehr an ihrer lauten Stimme und dem interessanten Gespräch, welches sie am Handy führte, weniger an ihrer Kleidung. Sie schien scheinbar nicht mitzubekommen, dass sie wegen ihres Telefonats für kurze Zeit unter Beobachtung stand; danach war jeder wieder mit sich selbst beschäftigt.

Also sie lief die Treppen hoch und stellte sich links vor mir hin. Hinter ihr und einen Meter links von mir stand ein sehr großer junger Mann.

Das junge Fräulein telefonierte also weiter. Ich hielt Ausschau nach der Bahn und bemerkte wenige Augenblicke später, dass dieser Student, der zunächst so unauffällig erschien, sich dieser Frau ein ganzes Stück von hinten näherte. Der Abstand der beiden Personen voneinander war nicht groß genug, nicht so, wie er zwischen zwei fremden Personen hätte sein sollen.

Der Abstand hatte sich nach einer Weile nun so weit verkürzt, dass er sie mit seiner Tasche berührte. Irgendwie schien mir das absichtlich, doch diese Frau war so vertieft in das Gespräch mit „Lisa“, dass sie nur einen Schritt nach vorne machte, ganz unbewusst und ohne sich dabei umzudrehen.

Nun wurde mir klar, dass dieser angeblich harmlos aussehende Student andere Absichten hatte. Er zielte ganz deutlich darauf ab, sie zu belästigen, doch sie merkte einfach nichts. Zu seinem Nachteil konnte er nicht noch aufdringlicher und auffälliger sein, denn wie bereits erwähnt, standen viele Menschen am Bahngleis. Ich schüttelte aus Frust nur den Kopf.

Zum Glück kam die Bahn, nicht voll, und ich fand direkt einen 4er Platz ganz für mich allein. Und wie das Schicksal es vorbestimmt hatte, setzte sich die junge Dame auf einen der 4er Plätze gegenüber, wo außerdem noch ein Mann mit Anzug saß und voll und ganz in seiner Zeitung vertieft war.

Das Nächste könnt ihr euch wohl denken. Ja, dieser Student setzte sich zu ihr und sie, sie hat immer noch mit „Lisa“ telefoniert. Langsam wurde es unerträglich und ich beschloss, einfach aus dem Fenster zu schauen. Mir war so klar, dass er wieder einen Versuch starten würde, sie zu belästigen und Gott weiß, wie sie reagieren würde.

Nach einigen Minuten fuhren wir unterirdisch, draußen wurde alles dunkel und leider spiegelte sich alles im Fenster.
Und ich sah, dass er seine Arme ausgebreitet hatte und ihre berührte, und seine Beine ausgebreitet hatte und ihre berührte. Gott sei Dank, sie hatte was gemerkt, aber sie schien wohl nichts zu tun, außer sich gegen die Fensterscheibe zu drücken, sodass sie seine Haut auf ihrer nicht spüren müsse. Der Mann im Anzug merkte nichts, die Schlagzeilen waren wohl interessanter.

„Nächster Halt, Frankfurt Hauptbahnhof, Ausstieg in Fahrtrichtung links!“

Und hier musste sowohl die junge Frau aussteigen als auch ich, die beiden Männer scheinbar nicht. Nun sah ich, dass sie ihre Tasche um die Schulter warf und deutlich signalisierte, dass sie aufstehen muss und dass dieser Kerl ihr Platz machen soll. Als er also keinen Anstand machte, sich zu bewegen, drängte sie sich an ihm durch, sodass sie gezwungen war, seine Beine mit ihren wegzuschieben, so wie man es manchmal im Supermarkt mit den Klapptüren macht, wenn sie nicht aufgehen. Okay, der Vergleich ist nicht gerade der Beste, aber ich glaube, ihr wisst nun, was ich meine.

Und da, da passierte es, er fasste sie an, hintenherum. Ich war schockiert. Die Türen würden jede Sekunde aufgehen und sie und ich, standen da wie angewurzelt, und konnten es beide, jeder auf seine Art und Weise, einfach nicht fassen.

Ich starrte den Kerl an, doch er hatte diesen Gesichtsausdruck aufgesetzt, als ob nichts aber auch gar nichts passiert wäre. Die junge Dame lief rot an und murmelte eine Beleidigung, die keiner hörte, da sie dabei verstummte, doch ich las sie von ihren Lippen ab, ganz deutlich.

Ich dachte mir, jetzt dreht sie sich um und scheuert dem Jungen eine, doch sie tat nichts, einfach nichts! Sie drehte sich noch nicht einmal um! Das machte mich so wütend, doch ich fühlte mich so hilflos, da sie als Betroffene einfach nichts tat, da ICH nichts tat und sagte.

Die Türen waren schon lange auf, wahrscheinlich kurz davor, sich wieder zu schließen und die beschriebene Situation hatte sich in Sekunden abgespielt. Sie stieg aus und lief zügig davon. Ich war kurz davor, sie am Arm zu packen und ihr zu sagen „Sag doch was!“, aber vergeblich. Ich sah sie in der Menschenmenge nicht mehr. Ich war einfach entsetzt.

Ich versuchte die nächsten Minuten zu verstehen, was mich eigentlich so wütend machte: War es die Beobachtung  dieser sexuellen Belästigung oder dass sich das Opfer nichts unternahm? Wieso kein Aufschrei? Wir sind doch aufgeklärt, wissen doch, dass man vor allem in solch einer Situation den Mund aufmachen muss. Aber scheinbar habe ich es selbst auch nicht geschafft, etwas dagegen zu tun. Ich war selbst so mitgenommen, dass ich vom Opfer erwartet habe, etwas zu sagen, aber es als Außenstehende nicht geschafft habe.

Diese junge Frau wurde in einer Bahn, am späten Vormittag, sexuell belästigt und ignorierte es einfach!
Mir wurde hierbei klar, dass man sich definitiv ganz anders verhält, wenn man an solch einem Geschehen "persönlich" beteiligt ist. Hätte mir jemand diese Geschichte erzählt, würde ich wahrscheinlich – wie ihr wahrscheinlich auch – fragen, wieso man denn nichts gesagt habe.

Daher appelliere ich an alle, die dies lesen, bitte, macht den Mund auf! Lasst so etwas nicht auf euch sitzen und wehrt euch ganz offen und laut dagegen. Wenn wir nur stumm da sitzen und uns alles gefallen lassen, wird sich wenig, ja gar nichts tun!


Foto: © Ulldevellut

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen