Ausgabe #153

Blick nach innen

01.09.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

weil ich das Gefühl hatte, dass ich in meinem Abonnentenbrief von August zu einseitig über „Selbstfokussierung“ philosophiert hatte, dachte ich mir, ich beleuchte dieses Thema nochmal von einem anderen Blickwinkel.

Ich denke, keiner von uns ist sich nicht allgegenwärtig bewusst, dass wir uns in ganz seltsamen Zeiten befinden. Viele von uns verspüren eine ominöse, weitflächige Unsicherheit. Wie wird wohl der Winter? Wird Covid jemals ganz von der Bildfläche verschwinden? Was gilt als Meinungsfreiheit und was als Verschwörungstheorie? Manipulieren die Medien uns? Was wird bei der US-Wahl geschehen?

Nicht wenige identifizieren die derzeitigen Zustände aber einfach als Zuspitzung von all dem, was schon lange in dieser Welt falsch lief. Die, die das Weltgeschehen länger aufmerksam beobachtet haben, empfinden wohl eher ein Gefühl von Bestätigung. Ich selbst bin mit dem Fatalismus à la „wir sind sowieso die letzte Generation auf diesem Planeten“ als Grundlage für den zynischen Humor meiner Generation mehr als vertraut. Die Begriffe „Angststörung“ und „Depression“ sind inzwischen fast Gang und Gäbe.

Ob der Kampf mit diesen psychischen Belastungen heutzutage zu stark normalisiert wird, ist eine andere Frage. Aber Fakt ist, dass wir alle mehr oder weniger schwere Lasten tragen. Fakt ist, die Welt ist an vielen, vielen Stellen eiskalt und finster. Es spricht eher für unsere Sensibilität, wenn die Ungerechtigkeiten dieser Welt einen Effekt auf uns haben.

Wenn wir unsere Belastungen innerlich ansammeln, nennen wir das  „Depression“ oder „Burnout“ oder „Kopfschmerzen“. Wenn wir unsere Belastungen kollektiv nach außen projizieren, kommt es hingegen zu zwischenmenschlichen Konflikten, zu Ausbeutung, zu Gewalt oder sogar zu Krieg. Wir sehen in den Nachrichten viele solche Projektionen. Wir sehen Menschen, die ihre Macht falsch einsetzen, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen sind.

Ich persönlich glaube, die beste Lösung für die geopolitisch-wirtschaftlich-gesundheitlich-psychische Krise der Menschheit besteht darin, einen Blick nach innen zu werfen. Unseren Blick nach außen auf die Politik und Gesellschaft zu richten ist sicherlich nötig, aber nur sinnvoll bis zu einem bestimmten Punkt. Im Endeffekt können wir weniger Gutes in die Welt bringen, wenn es uns selbst nicht gut geht. Unsere Dialoge sind weniger produktiv, wenn unsere Worte von unseren Wunden geleitet sind. Bestimmt ist es zu einem Grade wichtig und wegweisend, dass unser Selbstschutz unsere Handlungen bestimmt. Aber im Großen und Ganzen schauen wir auf eine Welt, die zerbrochen ist, weil Menschen irgendwo aneinander vorbeireden. Wir sind nicht in der Lage, unser Gegenüber wirklich zu hören, weil wir – bewusst oder unbewusst – zu fokussiert sein müssen, uns selbst zu beschützen.

Ganz zu schweigen von dem Leid, das man in seinem direkten Umfeld wahrnehmen muss. In der jungen Generation wird das Wort „trigger“ nicht mehr ernst genommen, weil vielen Leuten unterstellt wird, zu sensibel zu sein. Ich denke, Mangel an Sensibilität ist im Allgemeinen unser größeres Problem.

Vielleicht können wir mit mehr Fokus auf unser menschliches Innenleben die Richtung wechseln. Es kann faszinierend sein, die kausalen Zusammenhänge der eigenen Gefühle im Detail nachzuvollziehen. Wie oft habe ich festgestellt, dass es meist die innere Einstellung ist, die das Ergebnis einer Handlung beeinflusst. All unser Denken und Handeln hat irgendeinen, vielleicht sehr tief im Unterbewusstsein vergrabenen Grund. Aber ich kann mir vorstellen, dass allein der Blickwechsel von außen nach innen an sich noch wichtiger ist. Es ist wie eine Umkehr: ein neuer Anfang von einem anderen Startpunkt.

Nachdem ich mir das jetzt alles vom Herzen geschrieben habe, animiere ich Sie gerne, den Blick direkt wieder nach außen zu richten: und zwar auf die Artikel unserer neuen Ausgabe :)

Wir haben diesen Monat eine ganze Reihe von Menschen mit unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Hintergründen gefragt, was sie an der Politik Deutschlands ändern würden. Diese wirklich spannenden Antworten finden sich im neuen MILIEU-Mosaik. Außerdem haben wir ein Interview mit dem US-amerikanischen Journalisten Stephen Kinzer geführt, in dem er von den unfassbaren, für Jahrzehnte geheim gehaltenen Menschenrechtsverletzungen der CIA im 20. Jh. erzählt.

Außerdem freue ich mich ganz besonders, die erste Folge unseres neuen Podcast-Formats vorzustellen: "Der unbekannte Gast", in dem unser Redakteur Matthias Huisinga Interviews führt – ohne Skript und mit einem Gast, dessen Identität erst zum Ende der jeweiligen Folge bekannt gegeben wird.

Ich wünsche viel Freude beim Zuhören, sowie beim Lesen aller Artikel unserer September-Ausgabe!

Mit besten Grüßen
Olivia Haese
Chefredakteurin

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen