Eine Frage des MILIEUs

"Brauchen rechtsextreme Wähler eine Therapie?"

15.04.2016 - Prof. Thomas Kliche

Die dunkle Seite unserer Geschichte besteht aus einer Abfolge unmenschlicher Grausamkeiten, begangen im Namen von Religion, Vernunft, Medizin, Volksgesundheit u.a. Heilsszenarien. Hinter allen steht eine kollektive Weltsicht, die die eigene Gruppe verherrlicht und das Äußere, Fremde oder Unbekannte als böse und minderwertig hinstellt. Zur Unmenschlichkeit verkehrte Weltsichten weisen fast immer wahnhafte Züge auf.

Sie unterscheiden sich indes von psychischen Erkrankungen: Sie werden vom Betroffenen nicht als Leiden, sondern als Handlungsauftrag wahrgenommen. Sie führen nicht zu Selbsteinschränkungen, wie etwa eine Angst- oder Zwangsstörung, sondern zu Empörung, Hass und Kampfbereitschaft bis hin zu Vernichtungswillen. Angst oder Verunsicherung spielen eine Rolle, im Vordergrund steht aber narzisstische Wut. Offenkundig keine Angst hat: eine Frau, die die Kanzlerin in einer ostdeutschen Kleinstadt öffentlich obszön beschimpft; 100 Menschen, darunter viele zugereiste junge Männer, die in einem sächsischen Dorf einen Bus mit Flüchtlingsfamilien attackieren; Hunderte von Brandstiftern, die Flüchtlingsunterkünfte abfackeln und Fremdenfeinde, die emsig im Internet Gerüchte verbreiten. Ihr Gerede von der Angst tarnt ihre Lust am Hass und ermöglicht eine Opfer-Täter-Verkehrung: Sie dürfen ausgrenzen, weil sie sich einreden, sie würden angegriffen.

Kollektive Gefühlsmuster haben aber auch pathologische Züge. Sie greifen oft auf frühkindliche Erfahrungen zurück. Die Anpassung des Erwachsenen zersplittert unter dem Druck neuer Sachlagen; wer dann zur Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit nicht die Kraft oder die Kompetenzen hat, fällt auf primitive Entwicklungsstufen zurück. Durch die gemeinsame Erfahrung der bedrängenden Wirklichkeit werden ausgrenzungsgeprägte, menschenfeindliche Bewältigungsmuster salonfähig. Eine Jenaer Forschungsgruppe hat schon vor Jahren die Akten rechtsextremer Gewalttäter durchgesehen: Sie wurden meist in der mittleren Kindheit auffällig, lange vor ihrer Politisierung. Häufig stammten sie aus zerbrochenen Familien. Es ist schwierig, diese Ambivalenz zu ertragen: Täter waren oft selbst Opfer.

Solche Rückfälle in kindliche Verhaltensmuster kennen und üben wir alle! Sie sind politikpsychologisch gesehen unser Alltagsbewusstsein, ein Repertoire täglich eingeübter Formeln vor- und halbbewussten Abwehr von Einsichten, mit dem wir in Organisationen, Gesellschaft, Gruppen und Freundeskreisen denken und reden, weil sie uns helfen, mit Widersprüchen und Blindstellen zu leben. Wer diese Formeln, die damit verbundene Regulation von Gefühlen und Gedanken, kurz Selbstzensur, nicht teilt, fällt auf und wird rasch angegriffen. Im Grunde handelt es sich um psychodynamische Abwehr- und Anpassungsmechanismen. Einige Beispiele sind:

- die Verleugnung: „Es gibt eigentlich keine Flüchtlinge. Die wollen nur unser Geld.“


- die Spaltung in Gut und Böse, Drinnen und Draußen, Wir und Die: „Der Islam ist einfach anders als wir. Wir kontrollieren an der Grenze und schieben alle ab.“


- die Delegierung: „Dafür müssen die Politiker / Europa / die Grenzschützer eine Lösung finden, aber fix!“


- die Zuweisung an Schuldige: „Hätte Merkel die Grenzen nicht geöffnet, gäbe es keine Flüchtlinge hier.“

 

2015 zerbrach die Glasglocke über  Deutschland. Die Politik liefert nicht mehr die gewohnte (scheinbare) Ruhe und Sicherheit, die sich bequem konsumieren ließ. Statt dessen kamen Griechenland-Rettung, Klimagipfel, TTIP, Terroranschläge und Flüchtlingswelle. Schockiert erleben Menschen, die sich irgendwie (oft bedrängt) in ihrem Leben eingerichtet hatten, wie vieles in Frage steht, was selbstverständlich schien, und das so grundlegend, dass weder national noch auf europäischer Ebene Lösungen verfügbar schienen und dennoch rasche Anpassungen nötig sind.

Unter solchem Innovationsdruck reagieren Großgruppen – Organisationspsychologen kennen das aus zahllosen Praxisfällen – mit widersprüchlichen Bewältigungsstrategien, angelehnt an die Formeln des Alltagsbewusstseins. Das Spektrum reicht von schlichtem Abstreiten des Veränderungsbedarfs bis hin zu proaktiver Entwicklung von Lösungen, getragen von Gestaltungszuversicht („Wir schaffen das!“).

Rechtsextreme Phantasien von Heimat, Wir, Zugehörigkeit und Ausgrenzung sind attraktiv, weil sie die Gefühlsnot des Veränderungsdrucks kurzfristig abwenden. Sie sind eine Form von Verleugnung und Spaltung, greifen also auf primitiv-frühkindliche Bewältigungsmuster zurück. Sie haben wahnhafte Züge: ein geschlossenes Wir, das gleich fühlt und will, früher „gesundes Volksempfinden“ genannt, dessen unmittelbare Abbildung in Politik, einfach, ohne Anstrengung, ohne Aushandeln und Kompromisse vonstatten gehen kann.  Auf der einen Seite steht das Gute „Wir“, auf der anderen die angeblichen Problemverursacher.

Wie wir aus den Forschungen über Nazi-Täterkinder und Mitläufer-Familien wissen, schlagen solche Trennungen tiefe Narben. In strukturierten Verständigungsprozessen, die auch auf therapeutische Elemente zurückgreifen, können diese Narben jedoch bearbeitet werden. Ein Beispiel dafür sind die interkulturellen Projekte des israelischen Psychologen Dan Bar-On.

Aus der Konfliktforschung ist bekannt, dass Differenzen, die nach dem Schema von Friedrich Glasl, die Stufe 4 erreichen, kaum mehr ohne Vermittler in friedlichen Lösungen münden. Wer aber könnte Massen von latent bis offen fremdenfeindlichen Wählern zur Einsicht bewegen? Wer könnte das Maß an Vernunft und Verständigung erreichen, auf das unsere Demokratie angewiesen ist? Sigmund Freund weist darauf hin, dass die Wirklichkeit oft der beste Therapeut ist. Weil sie objektiv ist, weil sie keine Nachsicht kennt, weil sie für die Menschen akzeptabler ist als eine Psychotherapie, weil sie geduldig und chancenreich täglich neu beginnt. Das haben wir vor uns, das müssen wir aushalten.

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