Europäische Union

Brexit und Ich

01.07.2016 - Nicolas Wolf

Seit fast nun drei Jahren arbeite ich in London im Finanzsektor, zu meinen Kunden zählen neben Briten auch Deutsche, Schweden, Dänen und Schweizer. Abgesehen davon, dass der "Brexit" mir als jungen Europäer große Sorgen bereitet, kann der Ausgang des Referendums vom 23. Juni 2016 auch sehr persönliche Folgen für mich haben.

„Und wo warst du, als es zum Brexit kam?“ Wenn man mir diese Frage in 20 Jahren stellt, werde ich mich zweifelsohne daran erinnern können. Um es vorweg zu nehmen: Ich war am Tag des Referendums, dem 23. Juni 2016, nicht in London und auch am darauf folgenden Tag nicht. Ich saß nicht an meinem Schreibtisch mit den drei Bildschirmen vor mir, von denen einer mir in Echtzeit anzeigt, wie sich globale Währungskurse, Zinsen und Aktienmärkte entwickeln. Und vielleicht war das im Nachhinein sogar besser so.

Aber der Reihe nach. München, der 23. Juni 2016, es ist kurz vor Mitternacht mitteleuropäischer Zeit, ich stelle die Weckfunktion meines Handys auf 3.30 Uhr morgens. Ich bin bei einem Freund zu Besuch, am nächsten Tag geht es mit der 6.15 Uhr Airberlin-Maschine nach Hamburg. Ein Wochenende mit Freunden steht an – Urlaub. Kurz bevor ich mich schlafen lege, rufe ich noch ein paar Nachrichtenseiten im Internet auf. Umfragen prognostizieren einen Vorsprung der britischen EU-Befürworter. Meine Chefin schreibt daraufhin eine kurze Mail an unser Team: „Polls see remain in the lead. Tomorrow business as usual.“ Mit einem Gefühl der Zuversicht gehe ich zu Bett.

 

The drama unfolds

 

Als ich gegen 4 Uhr morgens das erste Mal den Browser auf meinem Smartphone öffne, ist von jener Zuversicht schnell nicht mehr viel übrig. Die Auszählung der Stimmen ist in vollem Gang und die Brexit-Befürworter liegen knapp vorne. Während der S-Bahnfahrt von der Münchener Innenstadt zum Flughafen Franz-Josef-Strauss springe ich nervös zwischen den Referendum-Livetickern von Spiegel Online, dem Guardian und Bloomberg hin und her. Je mehr Wahlkreise ihre Abstimmungsergebnisse bekanntgeben, desto mehr wird deutlich: Die Briten wollen nicht länger Mitglied in der EU beiben. Zur gleichen Zeit verfolge ich, wie das Britische Pfund gegenüber dem Dollar immer mehr an Wert verliert. 1.50, 1.45, 1.40, 1.35. Mit anderen Worten: Ich sehe mit an, wie mein Gehalt sukzessive um 10% gekürzt wird. Derweil korrigieren die Buchmacher ihre Erwartungen: Wo Wettbüros vorher eine 20% Chance für einen Austritt Großbritanniens aus der EU sahen, taxieren sie die Wahrscheinlichkeit dafür nun auf 80%.

Als ich gegen 6 Uhr an Bord des Flugzeuges gehe, schreibe ich eine kurze SMS an meine Eltern: „Briten sind wohl raus aus der EU. Ich flieg jetzt nach Hamburg.“

 

Eine andere Welt

 

Als ich in Hamburg angekommen den Flugmodus meines Handys ausschalte, verspüre ich kurz einen Schimmer Hoffnung – vielleicht ist ja doch noch alles anders gekommen? Leider ist das Gegenteil der Fall, etwa eine Million mehr Wahlberechtigte haben für den Austritt gestimmt als für den Verbleib. Meine Email-Inbox füllt sich: Reaktionen und Kommentare von Kollegen, erste Analysen von Investmentbanken, die Einwahldaten zu Telefonkonferenzen mit ihren Ökonomen und Marktstrategen verschicken.

Etwas später dann, um 9 Uhr, wähle ich mich auf einer solchen Konferenz ein. Die Bank of England werde die Zinsen senken, Großbritannien werde in eine Rezession rutschen, meinen die Analysten. Dann gibt Cameron seinen Rücktritt bekannt. Ich bin dabei Geschichte zu erleben, das weiss ich. Aber es ist nichts worüber ich mich freuen könnte – im Gegenteil. Und so sitze ich im Zug, schaue aus dem Fenster und frage mich, was das alles bedeutet. Für Europa, für den Euro, für Großbritannien, für meine Firma und für mich selbst.

 

Und wie geht es nun weiter?

 

Zwar bin ich nicht im Büro und habe eigentlich Urlaub, dennoch verbringe ich viel Zeit damit geschäftliche Emails zu beantworten und telefoniere mehrmals mit meinen Kollegen in London. Den ganzen Morgen über senden mir Freunde und Verwandte Nachrichten auf Whatsapp wie „Hey, Brexit is wahr geworden. Wie strange irgendwie oder?“ und „Es ist unfassbar! Nicolas, was ist da los??“ Mein Gastgeber, dessen Wohnung ich in der Früh verlassen habe, probiert es mit Galgenhumor: „Wann kommst du nach München? London will dich wohl bald nicht mehr.“

Als ob ich es wüsste. Als ob irgendwer irgendetwas wüsste. Selbst Tage nach dem Referendum wissen nicht einmal die Befürworter des Brexits, was sie eigentlich wollen. Stattdessen sind sie eifrig dabei, sich von den Inhalten ihrer Kampagne zu distanzieren. Angesichts der Fehlinformationen, die bewusst verbreitet worden waren, ist das nicht verwunderlich. überraschend ist lediglich, wie schnell Johnson, Farage und Co gewisse Dinge richtigstellen mussten.

Wenn ich mich mit Freunden hier in London unterhalte, die ebenfalls wie ich aus dem europäischen Ausland, also aus Frankreich, Italien, Irland oder Deutschland, stammen, dann spürt man in erster Linie eins: Enttäuschung. Viele von Ihnen haben genau wie ich das Leben hier schätzen und lieben gelernt, wir zahlen Steuern und gehen Jobs nach, in denen wir in erster Linie Dienstleistungen an Kunden in unseren Heimatländern erbringen. Wir fragen uns, ob wir nicht mehr erwünscht sind, wo wir doch unterm Strich gegeben und nicht einfach nur genommen haben.

Fest steht: London hat mit einer deutlichen Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt, was der im Mai gewählte Bürgermeister Sadiq Khan in einem Statement nach Bekanntgabe der Ergebnisse zum Referendum unterstrichen hat. Ja, wir sind hier nach wie vor willkommen, aber ob und wie lange unsere derzeitigen Arbeitgeber uns weiterhin hier beschäftigen können, ist alles andere als gewiss.

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