Buchauszug

Bruderherz

01.05.2018 - Marian Grau

In seinem neu erschienenen Buch "Bruderherz" berichtet der junge Autor Marian Grau nicht nur von seinen ungewöhnlichen Reisen, sondern auch über die außergewöhnliche Beziehung zu seinem verstorbenen Bruder Marlon. Marian erzählt wie der doch nicht ganz so normale Alltag mit einem schwerkranken Familienmitglied aussieht.

 

„Ey, und wohin fahrt ihr?«

»Frankreich, irgendwo an die Küste. Weiß nicht mehr, wie das heißt.«

»Teneriffa – müsst ihr mal googeln, ist voll schön da!«

»In die Alpen, erst auf die deutsche Seite, dann rüber nach Italien.«

»Nach Olpe.«

»Wohin?«

»Nach Olpe.«

Als Marlon noch lebte und die großen Ferien anstanden, stammte die letzte Antwort auf die obligatorische Frage von mir. Wie jedes Mal. Ich fuhr in den Ferien immer nach Olpe, denn dort gibt es ein schönes Kinderhospiz. Und da verbrachte ich meine Ferien. Immer.

»Kinderhospiz« – das ist kein schönes Wort. Ein ganz furchtbares sogar. »Kinder« und »Hospiz« sollten eigentlich nie miteinander in Verbindung gebracht werden. Niemals. Die meisten denken nämlich sofort an einen Ort zum Sterben, einen Ort, an dem man Abschied nimmt. Und wenn dann auch noch »Kinder-« davorsteht, klingt das ganz schön abschreckend. Da soll man Urlaub machen können? Die schönste Zeit des Jahres verbringen? Ist das nicht krank?

Ganz und gar nicht. Es ist großartig! Und damit das nicht ganz so unglaubwürdig klingt, möchte ich gern erzählen, wie es ist, in einem Kinderhospiz zu sein und dort sogar seine Ferien zu verbringen. Ich möchte weg von der Vorstellung von einem Ort, an dem es nur Trauer und Schmerz gibt, weg von den Ängsten, die manche Außenstehende haben. Denn ein Kinderhospiz ist viel mehr als nur ein Ort des Abschieds und der Erinnerung. Auch dafür ist natürlich Platz, aber das ist nur ein kleiner Teil.

Im Kinderhospiz gibt es zwei verschiedene Arten von Kindern. Die, die vollgepackt mit Taschen und Koffern vom Parkplatz die gepflasterte Straße hinauf zu den großen Eingangstüren rennen. Das sind die Geschwisterkinder, deren Bruder oder Schwester eine schwere Krankheit hat. Kinder wie ich. Die andere Sorte Kinder sind die, wegen denen man hier ist. Die krank sind oder schwerbehindert.

Alle Besucher des Hospizes, Kinder wie Eltern, sind außergewöhnlich. Sie sind geprägt vom Leben, ihr Alltag ist komplett anders als der ihrer Klassenkameraden oder Arbeitskollegen zu Hause. Manche von ihnen sind sogar vom Unterricht oder der Arbeit freigestellt, weil ihre Familie in den »Urlaub« fährt, also ins Kinderhospiz geht. Und sie freuen sich auf die Zeit dort.

Zumindest freuten wir uns immer darauf. Die schönste Zeit im Jahr begann, wenn Papa endlich den Motor stoppte und wir unsere alten Freunde, die Betreuer und all die so vertrauten Räumlichkeiten wie den Bastel-, Snoezelen- oder Musikraum wiedersahen. Wir freuten uns immer wieder auf eine tolle Zeit im Hospiz, eine Zeit mit weniger Sorgen und Stress, dafür gefüllt mit Erlebnissen, Entspannung, Freude und Spaß.

Denn im Alltag war dafür nicht immer Platz. Für Marlon zu sorgen und sicherzustellen, dass es ihm und natürlich auch mir gutging, erforderte ein Meisterwerk der Organisation. Das war vor allem Papas Part. Sein größtes Bedürfnis noch heute ist, dass es mir gutgeht. Das hat allerhöchste Priorität für ihn.

Die Autofahrt ins Hospiz erschien mir jedes Mal verdammt lang. Dreieinhalb Stunden nach Olpe in der Nähe von Köln. Das war mit Abstand meine längste Strecke im ganzen Jahr. Ich fuhr selten Auto, und wenn, dann nie länger als eine halbe Stunde.

Aber obwohl die Fahrt so lang dauerte und ich wusste, dass mir jedes Mal übel werden und ich mich IMMER irgendwann irgendwo übergeben würde, freute ich mich darauf. Am liebsten mochte ich die Auffahrt auf die A81 von Stuttgart nach Mannheim. Das war der erste Abschnitt unserer alljährlichen Reise, und ich liebte das Gefühl, wenn endlich die große, vierspurige Autobahn vor mir auftauchte.

Eine Freundin von mir sagte einmal: »Das Kinderhospiz ist wie Urlaub vom Leben.« Wie recht sie hat! Tatsächlich hat es sich immer genau so angefühlt, und ich hätte nicht gedacht, dass sich dieses Gefühl einmal in einem solch kurzen und prägnanten Satz formulieren lässt. Immer wenn Papa langsam beschleunigte, war meine Freude am Größten: Weg von zu Hause, weg von all dem, was sich unser Alltag nannte. Urlaub vom Leben eben.

Ich habe immer Autobahntagebuch geschrieben und auf die Minute genau gestoppt, wie lange wir auf welcher Autobahn welche Strecke fuhren. Vielleicht war das ein erstes Zeichen meiner Reiseverrücktheit. Doch damals zog es mich nicht weiter als bis nach Olpe. Ich wollte ins Kinderhospiz, um mich auszuruhen. Jahr für Jahr. Immer und immer wieder, um einfach mal Zeit für meine Familie zu haben, die sich in Olpe nicht jede Sekunde um Marlon kümmern musste, weil das im Hospiz andere Menschen erledigten.

Ein einziges Mal schaffte ich es, mich nicht auf der Hinfahrt zu übergeben. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich jubele, als wir von der A4 fahren, und ich das letzte Mal die Zeit stoppe und ins Tagebuch eintrage – ich habe es tatsächlich geschafft. Ich stürme aus dem Auto, vergesse dabei meine Familie und die Koffer, renne den gepflasterten Weg zu den automatischen Türen entlang und durch sie hindurch, kaum dass sie sich geöffnet haben. Mit einem breiten Strahlen im Gesicht stehe ich in der Empfangshalle und platze fast vor Begeisterung.

Ringsum blicken sich Menschen nach mir um, und manche erkennen mich sofort, darunter vor allem die Pfleger und ganz besonders meine Heidi, die aufsteht, um mich in den Arm zu nehmen. Doch dazu kommt es nicht.

Denn irgendwie ist alles zu schnell gegangen. Ich registriere noch, wie mich ein paar mir unbekannte Familien immer noch anstarren, weil ich so hereingeplatzt bin, und höre hinter mir die automatischen Türen aufgehen und meine Eltern mit Marlon im Rollstuhl hereinrollen, da passiert es. Mir wird schlecht, speiübel – und ehe ich weiß, wie mir geschieht, tue ich das auch: speien. Vor versammelter Mannschaft, also meinen Eltern, meinem Bruder und allen Gästen mitten im Saal. Ganz großes Kino! Noch nie hat sich das Sprichwort »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben« zutreffender angefühlt.

Sofort eilen Leute herbei, jemand hält mich sanft in den Armen, jemand anders reicht mir ein Glas Wasser. Jemand hat einen Eimer Wasser und einen Lappen in der Hand und wupps ist alles wieder sauber. So ist das im Hospiz – egal was passiert, immer ist jemand da und hilft. Trotz meines Missgeschicks fühle ich mich wie jedes Jahr auch jetzt wieder wie zu Hause angekommen. Nur schöner.

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