Rezension

Cheaponomics. Warum billig zu teuer ist

15.10.2015 - Dr. Burkhard Luber

„Ich bin doch nicht blöd“. Diesen Werbespruch von Media Markt kennen wir alle. So mancher von uns hat ihn schon verinnerlicht. Wir fühlen uns schlecht, wenn wir viel Geld für einen Artikel ausgegeben haben oder der Nachbar das gleiche Produkt erheblich billiger eingekauft hat. Der amerikanische Soziologe Michael Carolan stellt sich diesem Trend in seinem Buch „Cheaponomics. Warum billig zu teuer ist“ energisch entgegen.

Blöd ist nicht der, der über das Preisschild hinaus schaut und bewusst auf Maximal-Rabatte verzichtet, „blöd“ ist eine Kultur, in der nur der tiefste Preis zählt und Faktoren wie Herstellungskosten und Produktionsbedingungen nicht mehr reflektiert werden.

Carolan schreibt am überzeugendsten, wenn er ein bestimmtes Produkt von allen Seiten kritisch beleuchtet und seine tatsächlichen Kosten transparent macht. Die sind nämlich in der Regel höher als der Betrag, der auf dem Preisschild erscheint. Der Autor erklärt unter anderem den „Rebound“-Effekt: die Tendenz dass Einsparungspotentiale durch falsches Konsumentenverhalten zu Nichte gemacht werden  ?  etwa wenn wir uns durch energieeffiziente Lampen dazu motiviert fühlen häufiger das Licht brennen zu lassen oder mit dem gesparten Stromgeld zusätzliche Energiefresser anschaffen. Der eindrucksvollste Teil des Buches ist das Kapitel „Der wahre Preis von Automobilen und autozentrierten Gesellschaften“. Der Autor räumt darin unerbittlich mit dem Fehlurteil auf, die Kosten des Autofahrens bestünden ausschließlich aus dem Geld für Anschaffung, Versicherung, Benzin und Reparaturen. Die Wahrheit lautet: Der durchschnittliche Haushalt in den USA gibt 36 Prozent seines Jahreseinkommens für das Autofahren aus. Carolan verweist auf unsichtbare Faktoren, wie die Arbeitszeit, die aufgewendet werden muss, um die Autos zu produzieren, die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen, die lieber mit dem Auto fahren als sich selbst zu bewegen und die Millionen von Verkehrstoten. In seine Kostenrechnung bezieht der Autor neben der Lärm- und Abgasbelastung schließlich auch Maßnahmen ein, die die Autokultur in Betrieb halten, wie Bau, Betrieb und Instandhaltung von Straßen, Brücken, Parkplätzen und Beleuchtungsanlagen.

Carolans Buch gibt viele Denkanstöße, doch es hat ein gravierendes Defizit: seinen Erzählstil. Es kann sinnvoll sein einen Zusammenhang anhand vieler kleiner Geschichten zu schildern, doch im vorliegenden Fall springt der Autor in so schneller Abfolge von einer Anekdote zur nächsten, dass der Leser schnell ermüdet und den Faden verliert. Auch die kumpelhaften Anreden und die zahlreichen Bezüge auf andere Bücher und Dokumente hemmen den Lesefluss. Zusätzlich dazu sind viele der Inhalte auf Grund des starken US-amerikanischen Kontextes der Publikation für deutsche Leser nur unter Mühen nachvollziehbar.

Carolans Buch eröffnet einen kritischen Blick auf den Billigkeitswahn unserer Gesellschaft. Wer sich von den beschriebenen Schwächen nicht abschrecken lässt, lernt hinter die Rabattschilder zu sehen und wird in Zukunft mit einem wachen Blick durch die „Konsumtempel“ von Media Markt und Co. gehen.

Michael Carolan: Cheaponomics. Warum billig zu teuer ist. Oekom Verlag. 2014. 300 Seiten. Euro 22.95.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen