Kabarettist im Interview

Chin Meyer: "Jede Tragödie trägt den Kern einer Komödie in sich"

01.06.2017 - Astrid Knauth

Wie kann man voller Witz und Ironie an die Finanzkrise herangehen? Wieso ist es nicht sinnvoll, Schulden abzubauen? Und was hat das „Ende Europas“ mit einem Gewinn der Champions League von RB Leipzig zu tun? Das und viel mehr verrät der Kabarettist und Improvisations-Schauspieler Chin Meyer iim MILIEU-Interview.

DAS MILIEU: Sie haben sehr vielseitige Berufe ausgeübt – Taxi fahren, DJ, Koch, Masseur, Heilpraktiker, Butler, Schauspieler und Musical-Sänger. Was haben diese Berufe Ihnen auf Ihrem späteren Lebensweg mitgegeben?

Chin Meyer: Flexibilität. Ein unstetes Leben zerstört die Illusion oder „Schein-Welt“ jeglicher Permanenz. „Und das ist auch gut so“, um mal einen früheren regierenden Bürgermeister zu zitieren, denn Permanenz findet in einem durch den Tod begrenzten Leben nun mal nicht statt – außer man ist radioaktiver Abfall oder die Amtszeit von Angela Merkel.

MILIEU: Wie kamen Sie schließlich zum Kabarett?

Meyer: Schon als Kind wollte ich auf die Bühne. Mit meinem ersten Kassettenrekorder produzierte ich bereits als 12jähriger im Stile von Otto Waalkes „Barry Bock – der rasende Reporter“. Das Streben nach einem Comedy-Bühnenleben wucherte im Untergrund vor sich hin, bis es in den späten 90ern zum entscheidenden Kurzschluss kam.

MILIEU: Ihr Motto lautet: „Bei Geld fängt der Spaß erst richtig an!“ Wie schaffen Sie es, zu den Finanzsorgen immer wieder eine Distanz herzustellen und diese in einen anderen Blickwinkel zu rücken?

Meyer: „Humor ist Schmerz plus Zeit“, heißt es unter Comedians gern. Jede Tragödie trägt den Kern einer Komödie in sich. Jede Finanzkrise ist durchsetzt von der Vergeblichkeit menschlichen Strebens – und darin steckt jede Menge Spaß.

MILIEU: Die Bundestagswahlen in Deutschland stehen an. Haben Sie als Finanzexperte Hoffnungen auf Abzahlung der Schulden und einen ausgeglichenen Haushalt?

Meyer:  Ich weiß gar nicht, ob es sinnvoll ist, Staatsschulden komplett abzubauen. Denn wo jemand Schulden hat, hat irgendjemand anderes ein Guthaben – so ist unser Wirtschaftssystem aufgebaut. Wenn Sie also Schulden tilgen, rauben Sie auf der anderen Seite Wohlstand... Zumal es meines Erachtens sinnvoller wäre, Infrastruktur, Einwanderungsintegration und Bildung zu stärken. Auch im Vergleich zu unseren stark verschuldeten europäischen Nachbarn wäre es ein unfreundlicher Akt, als Schuldenfreiheits-Streber dazustehen. Das kenne ich noch aus der Schule: Ein Streber-Image ist alles andere als hilfreich, besonders wenn man noch nie eine Freundin hatte!

MILIEU: Der linksliberale Emmanuel Macron und Marine Le Pen, die Europaskeptikerin sind nach dem ersten Wahlgang in Frankreich in der Stichwahl. Manche haben bei einem Wahlsieg Le Pens das "Ende Europas" vor Augen – wie sehen Sie das?

Meyer: Natürlich wäre es nicht das „Ende Europas“ – es wäre einfach anders. Vielleicht unangenehmer. Aber was letztendlich das Bessere ist, kann man schwer entscheiden. Der zweite Weltkrieg, so furchtbar er auch war, legte die Grundlagen für unseren jetzigen Wohlstand. Anders gesagt: Ohne Hitler würden wir dieses Interview in dieser Form nicht führen... Und das „Ende Europas“ ist erst da, wenn dieser Planet explodiert. Oder wenn RB Leipzig die Champions League gewinnt – was eventuell eher geschieht...

MILIEU: Sie sprachen in einer Ihrer letzten Kolumnen darüber, dass „Wehrhaft“ und „Demokratie“ unversöhnliche Gegensätze seien, da Wehrhaftigkeit Überwachung, Ausspähung, hohe Polizeipräsenz, kurz NSA in Hochpotenz bedeute, während die „freiheitliche Demokratie“ gerne von Datenschutz, Privatsphäre und anderen überflüssigen 90er Jahre Relikten fasele. Gibt es heutzutage mit zunehmendem Terror und der Gefahr von rechts überhaupt noch eine freiheitliche Demokratie?

Meyer: Ich finde: Ja. Und es wäre sehr schade, wenn man die Demokratie abschafft, nur damit die Rechten oder die Islamisten sie dann nicht mehr kriegen. Das ist ein wenig, als verschlucke man einen Goldring, nur damit kein Einbrecher ihn findet.

MILIEU: Derzeit treten Sie in verschiedenen Städten mit den Schlagworten „Macht! Geld! Sexy?“ auf. Tritt der Charakter eines Menschen in den Hintergrund, wenn man Macht und Geld hat?

Meyer: Nein, er tritt im Gegenteil deutlicher hervor. Die Forderung nach sozialistischer Umverteilung etwa stellt sich erheblich leichter, wenn man jüngst einen Offenbarungseid leistete, als wenn man gerade die Superzahl und dazu sechs Richtige auf seinem Tippschein sieht.

MILIEU: Eine Ihrer Figuren ist Siegmund von Treiber, fanatischer Steuerfahnder mit Hang zu schlechter Laune. Es geht um Geld, um Steuern und um einen Steuerfahnder, der die großen Schweinereien verhindern will. In der Bevölkerung wird es häufig so gesehen, dass der kleine Mann erwischt wird, während die Großen davonkommen – stimmt das?

Meyer: Leider ist das vermutlich so. Das liegt noch nicht mal an böser Absicht oder irgendeiner Verschwörung. Es ist eher wie in der Anekdote, in der ein Finanzbeamter entgeistert die hochbezahlte Steuervermeidungs-Anwaltsphalanx eines Konzern-Multis anstarrt und sie fragt, warum die gleich zu zwölft bei ihm aufkreuzen müssen. Worauf die antworten, es täte ihnen leid – die anderen achtzehn hingen noch in der Business-Class fest...

MILIEU: Können Sie folgenden Satz vervollständigen: „Ich persönlich verbinde mit Geld und Finanzen…“

Meyer: Möglichkeiten, Energie und Herausforderungen.

MILIEU: Wenn Sie selbst einen Monat lang Finanzminister der Bundesrepublik wären, was würden Sie ändern?

Meyer: Ich würde natürlich ein total gerechtes und einfaches Steuersystem einführen, welches die Kleinen entlastet und die Großen zur Kasse bittet. Dann stelle ich vermutlich fest, dass ein ganzer Haufen Leute mir das mit sehr plausiblen Argumenten ausredet und gebe nach einem Monat entnervt auf. Anders sähe es aus, wenn ich europäischer Diktator wäre und niemand mir widerspricht – aber ich habe gehört, dass deutsche Diktatoren im Ausland nicht besonders beliebt sind...

MILIEU: Was kann man tun, um eine Verschwendung an Steuergeldern wie beim Bau des Berliner Hauptstadtflughafens oder der Hamburger Elbphilharmonie zu verhindern?

Meyer: Von Anfang an die wahren Kosten benennen. Dann sehen, wie alle entsetzt hintenüber fallen. Dann weiter mit der Bahn fahren und in Hamburg Open-Air Konzerte hören.

MILIEU: Noch einmal zum Berliner Hauptstadtflughafen - ein Geldfresser ohne Ende. Glauben Sie noch an eine baldige Fertigstellung, und dass die Kosten wieder eingefahren werden können?

Meyer: Natürlich wird der Flughafen „relativ bald“ fertig gestellt. Die Frage ist allerdings, ob Fliegen dann noch eine relevante Form des Reisens ist. Was die Kosten angeht – die werden schon aus Prinzip nicht wieder eingefahren. Irgendwie muss man doch die Bayern dazu kriegen, weiterhin Länderfinanzausgleich zu zahlen. Und den Griechen zu zeigen, dass auch wir Deutsche eine mediterrane Ader haben!

MILIEU: Und zum Abschluss – was ist Ihr Tipp an den Leser: Wie kann man der Schuldenfalle entgehen?

Meyer: Genug Schulden machen! Ab etwa 100 Millionen haben nur noch die Anderen ein Problem!

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Meyer!

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen