Wissenschaft und Politik

China auf dem Weg zur technologischen Supermacht

01.03.2022 - Dr. Lars Jaeger

Kann eine totalitäre Gesellschaft zu einer führenden Wissenschaftsnation werden?

Im frühen 17. Jahrhundert ging aus dem lange so dunklen Kontinent Europa eine der bedeutendsten Revolutionen des menschlichen Geistes hervor: die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens. Der aus ihr hervorgegangene technologische Fortschritt ließ Europa zum Wissenszentrum der Moderne werden – und damit nicht zuletzt zur unumstrittenen ökonomischen und militärischen Weltmacht. Sie führte aber noch zu zwei weiteren bedeutenden Entwicklungen: Erstens erfreuen sich die Europäer (und ihre geistigen Kinder, die US-Amerikaner) heute eines Wohlstandes, der die größten Hoffnungen früherer Generationen längst übertroffen hat, zweitens leben die meisten Menschen in Europa (Ausnahmen: Russland, Weißrussland, teils Ungarn und Polen) in einer anti-totalitären und demokratischen Gesellschaft. Philosophen, Historiker und Soziologen erkennen hier einen in beiden Richtungen wirkenden kausalen Zusammenhang, vom Erfolg des wissenschaftlichen Denkens zur Entwicklung einer „offenen Gesellschaft“, die, wie Karl Popper sagte, zum Ziel hat, „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ freizusetzen, und umgekehrt, die offene Gesellschaft, die auch das freie wissenschaftliche Denken immer weiter fördert. Popper war der erste, der diese Interdependenz explizit hervorhob. Kernvoraussetzung der Wissenschaft ist die Freiheit von Fremdbestimmung, diese Freiheit hängt andererseits von der permanenten Infragestellung der Prinzipien der Machthaber ab, für die Wissenschaft der erste Garant ist. Wie sehr sehnt sich jeder totalitäre Autokrat nach einer Welt ohne vermeintlich lästige Experten, ohne kritische Geister, ohne unabhängig denkende Wissenschaftler. Eine offene Gesellschaft ist immer eine kritische Gesellschaft, und eine kritische Gesellschaft muss immer offen sein.

Der nach 1650 mit immer schnellerer Schlagzahl erfolgte Ausbau unseres Wissens über die Welt, die sich daraus ergebenden, die Lebensbedingungen der Menschen immer weiter verbessernden Technologien und die Umwälzung der europäischen Länder zu offenen Gesellschaften waren die Ernte, die eingefahren wurde, als sich die Tugenden des wissenschaftlichen Denkens unter den Gelehrten Europas fest etabliert hatten. Die wesentlichen davon sind der methodische Zweifel und die damit einhergehende Abkehr von Dogmen. Die Wissenschaft untergrub allumfassende Welterklärungsmodelle und totalitäre Theorien und stellte damit auch die Legitimation der bestehenden geistigen und politischen Führerschaften infrage. Newtons Gesetze wurden nicht ohne Zufall zum Türöffner ins Zeitalter der Aufklärung. Auch ließen sie sein Land zu einer führenden Wissenschaftsnation werden, umgekehrt verlor Deutschland in den 1930er Jahren, als seine Wissenschaftler dem totalitären Land den Rücken zukehrten, seine langjährige Führung als Wissenschaftsmacht.

Die optimale Entfaltung der wissenschaftlichen Kräfte und der daraus entstehenden SuperTechnologien waren historisch bislang nur in offenen Gesellschaften möglich, in denen die Regierungen ihre Macht nicht zum Zweck des Erhalts ihrer selbst missbrauchen und den Menschen somit nicht vorgeben konnten, was sie zu denken und auszusprechen haben. Doch stellt sich die Frage: Gibt es erfolgreiche Wissenschaft generell nur in einer offenen, demokratischen und die Menschenrechte schützenden Gesellschaft? Man ist geneigt, diese Frage zu bejahen. Wissenschaft und Ingenieurwesen erfordern freies und von außen nicht beschränktes Denken, ihre erfolgreichsten Vertreter sind Menschen, die sich ungerne etwas sagen lassen. Diese Voraussetzungen bieten nun einmal nur offene Gesellschaften.

Spätestens an dieser Stelle fällt der Blick auf China. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass dieses Land eine offene, demokratische Gesellschaft darstellt. Die Zensur der Meinungsäußerung durch das autoritäre Regine, die Überwachung der Menschen mit Hilfe modernen Technologien, die Verfolgung ethnischer Minderheiten und die Verletzung universeller Menschenrechte machen China nach jeder möglichen Definition zu einer totalitär regierten Gesellschaft. „Xi Jinping ist der größte Feind der offenen Gesellschaft“, sagt einer der Hauptadvokaten Poppers und seiner offenen Gesellschaft heute, der Investor und Philanthrop Georg Soros. In den Augen vieler westlicher Beobachter stellt China zugleich aber auch eine Gefahr für westliche Demokratien dar. Der Grund: Das Land entwickelt sich zu einer technologischen Supermacht, und dies nicht nur auf dem Feld der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen, wo es einfach nur die im Westen entwickelten KIAlgorithmen anwenden musste und dann aufgrund nicht vorhandenerer Datenschutzgesetze einen natürlichen Vorteil besitzt, sondern auch auf anderen Gebieten wie Bio- und Gentechnologien, Quantentechnologien und neuen Energietechnologien wie z.B. der Kernfusion. In all diesen Bereichen dem Westen gegenüber lange hoffnungslos im Hintertreffen gelegen hat China unterdessen aufgeschlossen.

Nun ist die technologische Entwicklung nicht unbedingt das gleiche wie die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung. Bei ersterer geht es um die Gestaltung neuer konkreter industriellen Produktions- und Verarbeitungsverfahren auf der Basis technologischer Ideen und Erfindungen sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen, bei letzterer um neue Aspekte und Details unseres Welt- und Naturverständnisses. Die Ergebnisse ersterer sind zumeist urheberrechtlich geschützt, die letzterer frei und schnell universell zugänglich. Und bereits 1938 warnte der Soziologe Robert Merton davor, den Wert der Wissenschaften neben politischer Angemessenheit auch nicht nach ihrem ökonomischen Nutzen zu taxieren.

Gerade in der Wissenschaft zeigte China seit 400 Jahren Jahre eine massive Unterlegenheit, was die Beziehung zwischen offener Gesellschaften und erfolgreicher Wissenschaft zu bestätigen scheint. So wurden seit der Einführung der Nobelpreise im Jahr 1901 bis heute 616 Naturwissenschaftler mit diesem höchsten Preis der Wissenschaften ausgezeichnet (215 in Physik, 179 in Chemie, 222 in Medizin). Die Bilanz chinesischer Wissenschaftler ist dabei ernüchternd:

•       Gerade einmal eine einzige Person, die einen wissenschaftlichen Nobelpreis erhielt (die Frau Tu Youyou, 2015 für Medizin), stammt aus China, wurde dort ausgebildet, forschte dort und hielt zum Zeitpunkt der Nobelpreisverleihung die chinesische Staatsbürgerschaft.

•       Die Physik-Nobelpreisträger Chen Ning Yang und Tsung-Dao Lee (1957), Daniel C. Tsui (1998) und Charles Kao (2009) wurden zwar auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China geboren, erhielten jedoch ihre Ausbildungen und forschten später in den USA und England. Als sie den Preis erhielten, waren sie längst alle Staatsbürger ihrer jeweiligen Wahlheimat.

•       Yuan T. Lee, 1986 ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Chemie, wurde im heutigen Taiwan geboren, wurde allerdings ebenfalls in den USA ausgebildet und erhielt den Preis ebenfalls als amerikanischer Staatsbürger.

Die Fields-Medaille und der Abelpreis, die zwei höchsten Auszeichnungen in der Mathematik, sind bisher an keinen einzigen chinesischen Mathematiker verliehen worden. Die meisten bekannten chinesisch-stämmigen Mathematiker des 20. Jahrhunderts lebten den allergrößten oder gar gesamten Teil ihres mathematischen Lebens im westlichen Ausland. Die einzigen Ausnahmen waren der Zahlentheoretiker Chen Jingrun und sein Entdecker und Lehrer Hua Luogeng. Dass die Chinesen dennoch über ein großes mathematisches Potential verfügen, zeigt, dass sie an der seit 1959 jährlich stattfindenden Internationalen Schüler Mathematik-Olympiade die meisten Mannschaftswertungen gewannen, das erste Mal jedoch erst 1989, seitdem gingen aber fast zwei Drittel aller Teampreise nach China!

Zum Vergleich: Die Sowjetunion, ebenfalls keine offene Gesellschaft (und auch nicht ihr Nachfolgerstaat Russland), brachte während ihrer 69-jährigen Geschichte zehn Physik- und einen Chemienobelpreisträger hervor, die alle außer einer Person nahezu ihr gesamtes Leben in der Sowjetunion bzw. Russland verbrachten. Dazu kommen sechs sowjetische und drei russische Fields-Medaillen-Träger in Mathematik. Die totalitäre Sowjetunion zeigte also durchaus eine beachtenswerte Leistung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Mathematik, was die These von der Abhängigkeit wissenschaftlicher Spitzenleistungen vom Status der offenen Gesellschaft, in der sie erreicht werden, zu hinterfragen scheint. Doch scheiterte die Sowjetunion nicht zuletzt an der wissenschaftlichen und schließlich technologischen Unterlegenheit ihres Systems zum Westen?

Betrachten wir desweiteren eine Kultur genauer, die einst die Blüte der Wissenschaften darstellte: In der Zeit von 800 bis 1’250 n. Chr. waren die islamischen Wissenschaftler weltweit konkurrenzlos. Doch dann entwickelte sich ab dem frühen 13. Jahrhundert innerhalb der arabischen Gesellschaften eine intellektuelle Abschottung. Die islamischen Religionsführer und Machthaber wurden in ihren Ansichten zunehmend rigoros und wissenschaftsfeindlich, das Denken dogmatisierte und die Gesellschaften verschlossen sich. Vernunft und Verstand mussten sich dem Glauben unterordnen, wichtige Technologien wie die Druckerpresse blieben aus religiösen Gründen verboten. So stammen bis heute gerade einmal zwei wissenschaftliche Nobelpreisträger aus dem islamischen Kulturkreis: Abdus Salam aus Pakistan (Nobelpreis für Physik, 1979) und Ahmed Zewail aus Ägypten (Nobelpreis für Chemie, 1999). Beide haben allerdings ebenfalls den größten Teil ihrer Ausbildung und wissenschaftlichen Karriere im Westen verbracht. Einen ausschließlich in islamischen Ländern ausgebildeten und forschenden Nobelpreisträger in Physik, Chemie oder Medizin gibt es bislang nicht. Dagegen gab es allein in den letzten 20 Jahren sechs israelische Chemie-Nobelpreisträger (die israelische Bevölkerung beträgt ca. 8 Mio., die muslimische mehr als 1.8 Milliarden Menschen)! So scheinen auch die sowjetische und arabische Gesellschaft die These vom Zusammenhang zwischen einer offenen Gesellschaft und der Qualität ihrer Wissenschaften zu bestätigen (wenn auch im ersten Fall etwas weniger eindeutig).

Um den bisherigen geringen Beitrag Chinas zur Weltwissenschaft zu erklären, müssen wir die chinesische Vergangenheit etwas näher betrachten. Die allerlängste Zeit seiner jahrtausendelangen Geschichte wurde China von einem gewaltigen, streng hierarchisch gegliederten Beamtenapparat beherrscht. Fast alle Gelehrten waren im Staatsdienst, außerhalb der Bürokratie gab es keine nennenswerte intellektuelle Elite. Die Beamten genossen, solange sie loyal blieben, den zuverlässigen Schutz des Staates und lebenslange finanzielle Sicherheit. Bis ins 19. Jahrhundert blieb die gesellschaftliche Struktur und Ordnung des Landes nahezu unverändert. Der Preis dieser Stabilität war intellektuelle Stagnation. Der hohe Grad an staatlicher und sozialer Ordnung ließ Veränderungen, Vorschläge für Verbesserungen und neue Ideen nicht sehr gefragt sein, Anreize, neue Kenntnisse zu erwerben, gab es kaum. Dass ein Beamter experimentierte oder gar bestehendes Wissen hinterfragte, kam daher so gut wie nie vor. Wer über sein Tagespensum hinaus noch intellektuelle Impulse verspürte, versuchte sich eher an der hoch angesehenen Dichtkunst. Dass chinesische Beamte kaum kreativ oder neugierig waren, lag auch an dem strengen Auswahlverfahren für diejenigen, die Teil dieser gesellschaftlichen Oberschicht werden wollten. In mehrtägigen Examina, den sogenannten kējǔ, wurde hauptsächlich die Kenntnis der Vier Bücher und der Fünf Klassiker des Konfuzianismus abgefragt. Um zu bestehen, mussten die Kandidaten in harten Jahren des Studiums über 400.000 Zeichen lange Texte auswendig lernen. Die Beamtenkaste bestand also aus Menschen, die sich vor allem durch Fleiß und Konformismus hervorgetan hatten und weit weniger durch Innovationlust und Einfallsreichtum. Ende des 16. Jahrhunderts brachten Jesuiten die abendländische Mathematik nach China. Das wohl einflussreichste antike Buch der abendländischen Mathematik, die „Elemente“ von Euklid, wurde 1607 ins Chinesische übersetzt. Es weckte schnell das Interesse der chinesischen Mathematiker; die einheimische mathematische Entwicklung in China brach daraufhin fast vollständig zusammen. Von nun an näherte sich die chinesische Mathematik der europäischen an, doch war der Vorsprung der Europäer immens und die pädagogische Anpassung in China zunächst eher langsam.

Im 19. Jahrhundert kam die Zeit der chinesischen Stabilität durch den wachsenden Einfluss Europas zu einem plötzlichen Stopp, und für das Land der Mitte begann eine 150 Jahre währende Periode des Leidens, als es einer vergleichsweise kleinen Gruppe englischer Soldaten im Opiumkrieg ab 1839 gelang, die technologische und militärische Unterlegenheit Chinas im Vergleich zu Europa für ausländische wie einheimische Beobachter unübersehbar werden zu lassen. Es folgten kolonialistische Erniedrigung des Landes, seine Eroberung durch Japan, Bürgerkrieg und kommunistische Schreckensherrschaft. Erst seit ca. 30 Jahren befindet sich das Land in einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufschwung mitsamt technologischem Ausbau. Dieser läuft allerdings mit einer Geschwindigkeit ab, die auch Beobachtern im Westen den Atem stocken lässt. Dabei wird gerade in den letzten Jahren immer klarer: Auch und gerade in der technologischen Leistungsfähigkeit hat China im Vergleich zum Westen deutlich aufgeholt und sich vom traditionellen «Copy-paste»-Land zu einem den USA und europäischen Ländern auf vielen Gebieten ebenbürtigen globalen Player bei der Entwicklung zukünftiger Technologien entwickelt.

In der Wissenschaft bzw. Grundlagenforschung hat China bisher allerdings keinen allzu großen Beitrag geleistet. Dennoch gilt das Land als zukünftige technologische Supermacht. Folgen hier bald die chinesischen Nobelpreise und Fields-Medaillen, und zeigt sich damit, dass auch geschlossene Gesellschaften Spitzenleistungen auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften hervorbringen können? Oder vermag auch China das historische Muster nicht zu durchbrechen, dass die beste Wissenschaft in offenen Gesellschaften geleistet wird? Und hat sich so der technologische Fortschritt vom wissenschaftlichenabgekoppelt aufgrund der Tatsache, dass neue wissenschaftliche Einsichten nahezu instantan global öffentlich gemacht werden? Bisher sieht es eher so aus, dass die erste Frage eher mit „Nein“ und die letzten beiden mit „Ja“ beantwortet werden müssen.



Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Im Herbst 2021 erschien neuestes Buch «Wege aus der Klimakatastrophe» im Springer Verlag.

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