Singer-Songwriter im Interview

Christian Falk: "Es nervt, dass Popmusik heute so unpolitisch ist"

01.06.2017 - Josephine Martha Neves & Astrid Knauth

Denken wir an zukünftige Generationen? Ist die deutsche Popmusik heutzutage zu wenig kritisch? Kann man mit einem noch nicht ganz fertigen Album auf Tour gehen? DAS MILIEU sprach mit dem Bremer Sänger und Songwriter Christian Falk, der derzeit mit seiner „Farbe&Dunkel“-Tour durchs Land tourt, über diese und andere Fragen.

DAS MILIEU: Seit Jahrzehnten erleben wir, wie die Kluft zwischen Arm und Reich zu gesellschaftlichen Spannungen führt und die Konsequenzen aus unserer Profitgier die Erde zunehmend unbewohnbar machen. In „Supererde“ besingst du die Flucht des Menschen auf einen anderen, schöneren Planeten. Wie stellst du dir diesen „blauen und reinen“ Planeten und das Leben darauf genau vor?

Christian Falk: Die Vision ist eher kindlich-utopisch als konkret. Also der Beweggrund „Supererde“ zu schreiben war tatsächlich der, den du gerade genannt hast. Die Konkretisierung dahinter genau zu nennen, finde ich sehr schwer, und das wird dann auch sehr politisch. Das hatte für mich so einen infantilen Beweggrund: Die Augen zumachen und all das was hier als Status quo herrscht hinter sich lassen und in eine Art Traumwelt eintauchen. Die Kapitulation vor der Konkretisierung. Alles muss weg, raus - eine neue Supererde, ein neuer Planet. Das hat für mich so etwas Träumerisches und Kindlich-Utopisches. 

Es ist der infantile Wunsch, dass das, was die jetzige und auch kommende Generation mit der Erde  macht, auf der Supererde nicht passieren kann. Wie genau werden wir der logistischen Bedürfnisse des Freihandels gerecht, wenn wir gleichzeitig ökologisch denken wollen?

MILIEU: "Früher haben wir zum Himmel hoch gesehen und uns gefragt, wo unser Platz im Universum ist. Heute blicken wir auf den Boden hinab und zerbrechen uns den Kopf über unseren Platz im Schmutz", sagt der Protagonist Cooper im Film Interstellar. Was glaubst du, was die Menschheit grundlegend falsch gemacht hat, dass sie sich in der heutigen Situation wiederfindet?


Falk: Ich glaube, dass es grundsätzlich das Problem gibt, dass wir in Generationen denken. In einer Textzeile in dem Song geht es darum, dass die Bedürfnisse der jetzigen Generationen befriedigt werden. Ich glaube, das Problem, dass wir in sofortiger Bedürfnisbefriedigung denken, ist sowohl der Legislaturperiode einer Regierung geschuldet wie auch dem Denken der Menschheit an sich. Wenn wir uns Gedanken machen, wie wir beispielsweise Klimaziele erreichen wollen, dann sind das ja immer sehr strategische Gedanken. Das sieht man ja auch an den Klimaabkommen der letzten Jahre, die immer wieder angepasst und gebrochen wurden. Das sind Dinge, die nicht besonders attraktiv sind – insbesondere, wenn man auf der anderen Seite die Produktivität steigern kann, indem man dafür Rohstoffe verbrät. Das Ausmaß dessen kann man sich noch gar nicht vorstellen. Ich glaube, dass das Grundproblem die nicht vorhandene Empathie für zukünftige Generationen ist. Ich will mich da auch nicht rausnehmen. Wir sollten uns Gedanken machen und vielleicht mal im Zeitraum für 500 Jahre denken. Hätten das vorangegangene Generationen getan, wären viele Dinge so nicht passiert. 

MILIEU: Derzeit tourst du unter dem Titel "Farbe und Dunkel" durch Deutschland. Kannst du uns erklären, warum du diesen Titel gewählt hast?

Falk: In kulturellen Zusammenhängen, sei es Musik oder Theater, finde ich Simplizitätsdarstellungen durch Duales, z.B. Böse vs. Gut – all das runter zu brechen auf zwei gegensätzlich sich anziehende Sachen – interessant. Jetzt habe ich das Album „Farbe und Dunkel“ genannt. Das ist ja im Grunde nichts Anderes als der farbliche Bereich der Musik, all die positiven Stimmungen, also eher profane Popsongs, um in positive Stimmung zu kommen, gegen den Weltschmerz, etwas eher Lyrisches mit dreckigeren Tönen. Wenn ich mir das gesamte Album ansehe, sind das die beiden Hauptkategorien. Es ist teilweise durch einen Song, der „Farbe“ heißt, grenzwertig fröhlich – wenn ich nur solche Popmusik machen würde, würde ich vermutlich denken, ich hätte nichts zu sagen – gepaart mit eher nachdenklichen Sachen im Stil von „Supererde“, welches ja auf meinem alten Album „Mauern“ zu hören ist. Beides muss Musik leisten – einen sowohl in den euphorischen Moment zu bringen, als auch in den nachdenklichen. Dabei  muss der dramatische, ernsthafte Teil der Musik überwiegen, denn der ist der Grund für mich, Musik zu machen.

MILIEU: Was unterscheidet deiner Meinung nach einen guten Musiker von einem schlechten Musiker?

Falk: Ich würde über keinen Musiker sagen, dass er schlecht oder gut ist, weil das Bewertungskriterien sind, von denen ich mich distanzieren will. Aber für mich selber gibt es bestimmte Dinge, die ich als Musiker nicht vertreten würde. Zum Beispiel dann, wenn wir das Wirtschaftsgrundprinzip der Kundenorientierung auf die Musik anwenden. Das möchte ich niemals tun. Ich habe eine Zeit lang sehr viel neue Musik gemacht, die immer dunkler und kritischer wurde. Bestimmte Menschen, die vielleicht viel Radiomusik hören, ging das auf die Nerven. Ich solle mal wieder was Fröhlicheres schreiben, weil alles andere so runterziehe. Ich mache Musik ja nicht, um anderen zu gefallen. Mich kundenorientiert auszurichten, würde mir den Spaß und den Sinn der Musik nehmen. Das ist nichts für mich. Es ist natürlich auch gelogen, wenn ich jetzt sagen würde: „Ich spiele genauso gern vor zehn als vor zweitausend Leuten“.  Das ist Schwachsinn – natürlich spiele ich lieber vor 2000 Leuten. Und ich hab auch Bock, 100 Konzerte im Jahr zu spielen. Ich habe auch Bock, dass das neue Album sich am besten 5 Millionen Mal verkauft – das auf jeden Fall. So ist das nicht gemeint. Aber wenn sich das irgendwie so dreht, dass man, weil man soll, etwas Leichteres, Fröhlicheres spielt, dann ist die Musik gestorben für mich. Das möchte ich niemals machen. 

MILIEU: Schreibst du denn lieber kritische Dinge oder hast du genauso viel Freude auch an den eher fröhlicheren Themen?

Falk: Ich schreibe auf jeden Fall genauso gerne fröhliche Songs. Es kommt nur seltener vor. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Wenn ich bedrückende oder eher traurigere Musik schreibe, bin ich in dem Moment nicht unbedingt traurig. Die düsteren Sachen faszinieren mich einfach etwas mehr. 

MILIEU: Denkst du, es könnte daran liegen, dass man im Leben meistens eher die negativen Dinge wahrnimmt?

Falk: Ja, das stimmt. Positive Lebensgefühle finden ja genauso statt. Gerade, seitdem ich realisiert habe, dass ich Musiker bin, und ich auch nur noch das machen will, bin ich ein sehr, sehr glücklicher Mensch. Negative Dinge dagegen bewegen einen eher dazu, darüber zu schreiben. Die Motivation ist leichter zu finden. Ein Song auf dem neuen Album heißt „Salzwasser“, und behandelt das Schicksal von dem Jungen, der am 2.9.2015 an der türkischen Küste gefunden wurde. Er hieß Aylan Kurdi. Das Thema faszinierte mich. Auch das Foto, das von ihm gemacht wurde, die Kontroverse, die aufkam, als das Foto veröffentlicht wurde – das sind Dinge, die mich mehr dazu bewegen, Musik zu machen, weil alles andere einfach so hingenommen wird und nicht reicht, um darüber Musik zu machen.

MILIEU: Wenn du heute Musik im Radio hörst, was fällt dir in Bezug auf deine Branche in der deutschsprachigen Popmusik am meisten auf?

Falk: Es herrscht dieser neue Charakter, dass die deutsche Popmusik die Fadenscheinigkeit des Singers/Songwriters habe. Alles wirkt profan und positiv – am besten nirgendwo anecken – das macht Popmusik seit 20 Jahren nicht mehr. Bestimmte Singer/Songwriter möchten dieses Image aufrechterhalten, obwohl immer dieselben fünf Leute die Songs schreiben. So eine Art „Authentizitätsschirm“ über etwas legen, das nicht authentisch ist. Dass Popmusik so unpolitisch ist, ist das, was mich am meisten daran nervt. Das war sie früher eben nicht. Das hat sich so entwickelt. 

MILIEU: Geht es dir vielleicht auch darum, dass heutzutage viel Liebe in den Songs thematisiert wird?

Falk: Ja, genau. Manchmal bekomme ich das Feedback von Leuten, die vielleicht auch nicht so viel auf Konzerte gehen, meine Musik würde einen runterziehen. Sich mit einem toten vierjährigen Jungen auf einem Konzert auseinanderzusetzen, ist ja auch nicht cool. Ich gehe ins Theater, um mich schockieren zu lassen und um mich vielleicht mit Sachen auseinanderzusetzen. Deshalb gehe ich auch ins Kabarett – nicht, um mich kaputtzulachen. Vielleicht finden es diese Menschen zu heftig, sich damit auseinanderzusetzen. Dagegen ist 4/4-Takt C-Dur und „Ah, ich hab meine erste Liebe wiedergesehen“ eine Möglichkeit, etwas abzuschalten. Das kann ich auch nachvollziehen. Aber das ist auch wieder eine Marketing-Orientierung. Es ist viel einfacher durch einen Supermarkt zu laufen oder in einer Kneipe zu sitzen und immer die gleichen Wörter zu hören: Liebe, Glück, alles cool. 

Dagegen riskierst du natürlich, wenn du in die politische Sache reingehst, und dir damit anmaßt, dir über etwas Gedanken zu machen, dass du damit viel weniger Leute erreichst. Wenn du zum Beispiel Liebeskummer nimmst - wer hatte denn noch nie Liebeskummer? Wer hat denn Lust, sich stattdessen mit einem kritischen Kapitalismusthema auseinanderzusetzen? Diese Menschen gibt es auch, aber viel weniger. In der Popmusik geht es darum, Zahlen zu machen. 

MILIEU: Hast du mal überlegt, an einer Castingshow teilzunehmen?

Falk: Heutzutage würde ich das auf gar keinen Fall mehr machen. Vor zehn Jahren habe ich darüber bestimmt einmal nachgedacht. Wenn du nach einer Castingshow fragst, meinst du ja die schlimmen Sachen wie RTL und Dieter Bohlen. Aber es gibt ja auch andere Beispiele: Ich bin sehr viel auf meiner Tour bei „Kunst gegen Bares“, weil es sich immer anbietet und es eine geringe Barriere zum Auftreten gibt. Das ist auch eine Art Castingshow. Man darf acht Minuten auf die Bühne, ganz egal, was man macht – Theater spielen, Comedy oder Musik. Dann gibt es so ein kleines Schweinchen, in das man Geld reinschmeißen kann. Der- oder diejenige, die am meisten Geld bekommt, gewinnt den Abend. Im Grunde ist das auch eine Castingshow - das mache ich auch immer noch. Es ist einfach interessant – da sieht man viel Freeshow-Einsatz. Wenn man jetzt aber eine Castingshow damit assoziiert, dass man irgendwo steht, hingebogen und ein bisschen nach deren Schema geformt wird, dass man eine rote Hose anziehen und über die Liebe singen soll und so weiter, und dann anschließend zwei Jahre ausgeschlachtet wird, und dann ist man wieder weg vom Fenster, das natürlich nicht! Also Castingshow ja, aber eine, die einen nicht in eine andere Person verwandelt. Wäre mittlerweile auch ein bisschen albern, denn dafür bin ich wohl ein bisschen alt – dass ich das mal sage, dass ich für irgendwas zu alt bin…(lacht)

MILIEU: Laut Darwin ruft Musik in uns Gemütsregungen wach, die schon in längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden. Wie würdest du die Kraft, die in der Musik steckt, beschreiben?

Falk: Für mich ist die Kraft, die in der Musik steckt – jetzt wirkt das so ein bisschen wie eine Plattitüde – die Luft, die ich atme. Das ist furchtbar zu schreiben, ich muss mir etwas anderes einfallen lassen. Sagen wir mal, es ist lebensnotwendig, weil Musik und auch die Kraft in der Musik dazu geführt hat, dass ich den Schritt gewagt habe, diese Musik professionell zu machen. Und professionell ist jetzt keine Bewertung der eigenen Sache, sondern es sagt nur, dass man davon leben möchte. Wenn man als Beamtenkind groß wird, ist das ein recht riskanter Schritt und fordert vielleicht auch ein bisschen Verrücktheit, aber auf jeden Fall viel Unterstützung der Familie und der engeren Leute, die um einen herum sind. Für mich war die Musik diese Kraft, das Ganze zu machen - mich dazu berufen zu fühlen, davon zu leben. Eine emotionale Kraft, das zu machen, ist ja sowieso da. Mit Wirtschaftsingenieurswesen habe ich auch mal was kapitalistisch Richtiges studiert, wenn man das sagt. Ich habe auch einen Master gemacht, könnte also jetzt auch arbeiten und müsste mir über so etwas gar keine Gedanken machen, aber das war keine Alternative für mich, weil die Musik mich so krass einnimmt. Und es ist eine 24-Stunden Sache. Ich denke jeden Tag über Texte nach, über Akkorde. Jetzt bin ich mit Friedemann mit dem Cello unterwegs und immer wenn wir uns sehen, auch wenn wir uns privat mit unseren Freundinnen treffen, ist es sehr schwer uns da auseinander zu bekommen. Wir reden die ganze Zeit darüber. Bevor ich schlafe und wenn ich aufwache, gilt der erste Gedanke immer der Musik. Was hat einen bei anderen Künstlern emotional berührt, was will man bei sich einbauen – man denkt einfach 24 Stunden daran.

MILIEU: Wie kam es denn dazu, dass du Wirtschaftsingenieurswesen studiert hast?

Falk: Das ist ganz schnell erzählt. Ich wusste eigentlich gar nicht, was ich machen will. Es war ein bisschen Alternativlosigkeit, weil ich vielleicht auch sehr jung war. Ich habe Abi gemacht und danach wusste ich nicht so genau wie weiter. Die Musikleidenschaft kam erst viel später, ich habe zu dem Zeitpunkt ein bisschen Gitarre gespielt, aber mich noch nicht getraut zu singen oder so. Nach dem Zivildienst habe ich dann überlegt: „ Was studierst du jetzt?“ Vielleicht irgendwas, wo man nicht arbeitslos ist – vielleicht BWL, aber ich wollte lieber etwas Technisches. Deshalb habe ich dann Wirtschaftsingenieurswesen gemacht. Die sechs Semester bis zum Bachelor fand ich schrecklich, habe sie aber trotzdem beendet und danach kurioserweise auch den Master abgeschlossen. Es war immer diese Alternativlosigkeit, die mich vorangetrieben hat und keine wirkliche Leidenschaft. Ich mache das erstmal zu Ende und dann mal schauen. Und irgendwann kam dann der Bruch, da habe ich bei einem großen deutschen Autobauer – kürzlich wegen Abgasproblemen…ich möchte keine Namen nennen… – ein Praktikum gemacht. Währenddessen, als ich in der Logistikabteilung vor dem Rechner acht Stunden mit irgendwelchen Exceltabellen beschäftigt war, habe ich gedacht: „Nee, das geht nicht! Ich muss irgendetwas anderes machen.“ Dann kam parallel dazu immer mehr Musik, wir haben das Album aufgenommen, es automatisierte sich immer mehr. Und dann habe ich beschlossen, mich darauf zu konzentrieren. Ich dachte: „Wenn ich vollkommen damit an die Wand fahre, kann ich mich ja immer noch in dieses Büro an die Exceltabellen setzen, aber vielleicht klappt es ja mit der Musik.“

MILIEU: Kommt es auch mal vor, dass dir ein Thema auf der Seele brennt, aber du es nicht geschafft hast, die richtigen Worte zu finden?

Falk: Das passiert gerade bei positiven Lebensgefühlen, auch in der Liebe oder wenn es gerade in der Beziehung toll läuft, das finde ich tatsächlich schwer. Da kann ich auch noch einmal auf das Lied „Farbe“ zurückkommen, das einfach ein ganz fröhliches, straightes Pop-Rock-Lied ist. Es fällt mir schwer, das so in Worte zu fassen, dass es mir selbst nicht so profan vorkommt. Ich finde das viel schwerer, als irgendwie in seichten Sachen etwas Kritisches zu äußern. Das ist für mich tatsächlich die Königsdisziplin. Bei den Liedern, die jetzt auf das Album kommen und die ich jetzt live mache, mit denen fühle ich mich sehr wohl. Das ist cool. Aber es gab auf jeden Fall auch schon viele „alles fröhlich, alles cool“ Sommersongs, etwas, das ich dann zwar auch fühle – es ist schließlich nichts, was ich schreiben muss –, aber gesungen oder niedergeschrieben kommt es mir irgendwie zu doof vor. Das finde ich tatsächlich am schwierigsten.

MILIEU: Wie bewertest du die Aufregung rund um Xavier Naidoo?

Falk: Das ist ein ganz heikles Thema, weil ich ja jetzt Gefahr laufe, mich zu positionieren. Zuallererst finde ich sehr interessant, wie schnell Menschen Meinungen haben. Das ist jetzt ganz neutral betrachtet. Bei Xavier Naidoo geht es ja nicht darum, ob er sympathisch ist oder nicht – ihr meint ja bestimmt diese Zensur. Ich möchte mich auf keinen Fall für oder gegen Xavier Naidoo aussprechen, einfach aus dem Grund, weil ich mich nicht in der Lage sehe, genug über ihn zu wissen. Ich finde, aufgrund der Aussagen, die er getätigt hat, oder aufgrund der Sachen, die dann im Lied verarbeitet sind, ist es eine interessante Interpretation, diese Welle einzugehen. Wenn man den Hintergrund kennt und dann sieht, was er sonst für Meinungen hat über bestimmte Sachen und dann auch diese Nähe zu den Reichsbürgern, die ihm da unterstellt wird, dann ist das vielleicht auch nachvollziehbar. Ich sehe mich da als Beobachter. Problematisch finde ich schon, dass aus öffentlich rechtlicher Sicht anhand von ein paar Liedzeilen eine Zensur gemacht wird. Der Gesamtkontext dabei ist mir nicht so genau ersichtlich geworden. Ich habe das gerade verfolgt, als Bremen 4, glaube ich, die als Organisatoren oder Sponsoren mit waren, sich bei einem Konzert im Pier 2 in Bremen distanziert haben und rausgegangen sind. Das ist ja auf das Lied „Marionetten“ gemünzt. Ich fand das erstmal schwierig, dies anhand von wenigen Liedzeilen zu machen. Dass man rechte Bands und einhellige Nazibands auf den Index stellt mit Verfassungsschutz dahinter, das ist ja alles super. Das sollte man auch genau so machen. Wenn ich das jetzt aber auf wenige Liedzeilen reduzieren würde, dann sehe ich es auf jeden Fall sehr kritisch.

MILIEU: Welche Musiker beeinflussen dich und warum?

Falk: Weil mir die Frage schon einmal gestellt wurde, kann ich da relativ schnell drauf antworten – damals habe ich da aber relativ lange drüber nachgedacht. Gerade bei diesen atmosphärischen Sachen wie „Supererde“  oder bestimmten neuen Tracks kann ich auf Sophie Hunger verweisen. Die Musik hat mich wirklich umgehauen und hat so einen atmosphärischen Charakter geliefert, den ich in meinen Songs dann gerne drin verarbeite. Das ist natürlich jetzt nicht die einzige. Alles andere wie beispielsweise Musik, die ich mal in der Jugend gehört habe – bei mir war das viel Metal – hat bestimmt indirekt aggressivitätsmäßig Einfluss. Sophie Hunger würde ich jetzt nennen, weil ich sie direkt auch bestimmten Sachen beziehungsweise Ideen zuordnen kann.

MILIEU: Und welchen Ideen?

Falk: Harmoniewechsel, die eine bestimmte düstere Stimmung hervorrufen und ihre bestimmte Art des Gesangs - obwohl sie ja höher singt als ich –, einfach bestimmte Sachen, die eine Gänsehaut machen, obwohl sie ja sehr simpel konstruiert sind. Trotzdem liefern sie so einen atmosphärischen Charakter. Das hat mich bei ihrer Musik angesprochen. Das habe ich so vorher noch nie gehört, ohne die heftigsten Gitarreneffekte zu haben oder irgendwas ganz hallatmosphärisches, sondern einfach die Musik, so wie sie ist – geschrieben an einer Gitarre. 

MILIEU: Normalerweise gehen Musiker auf Tour, wenn sie ein Album zu verkaufen haben. Dein Album ist derzeit in der Entstehungsphase und du tourst. Warum?

Falk: Das ist eine gute Frage. Ich hab die EP „Mauern“ und die Tour dazu war vorbei. Das neue Album war in der Entstehung. In dem Bereich, in dem ich mich aufhalte, ist eine Albumproduktion eine unfassbare Investition. Es kostet mich so viel Geld, das ist einfach der Knaller. Dafür musste ich auch ein bisschen Geld sparen oder auch erspielen. Das jetzt noch einmal „Mauern“-Tour zu nennen, fand ich nicht so ganz logisch. Die „Mauern“-EP hat auch nur sechs Songs und wir spielen knapp 15/16 Songs – die allermeisten Sachen sind vom neuen Album. Zuerst habe ich gedacht, ich könnte das Album auch schon ein bisschen eher abschließen, das war ein bisschen fehlkalkuliert. Dann dauerte das ganze doch länger, weil man auch bestimmte Termine der anderen Musiker beachten muss und so etwas. Aber ich habe die Tour jetzt schon auf die neuen Songs gemünzt, die ich jetzt quasi schon spiele und ich spiele eigentlich alles, was jetzt Ende des Jahres rauskommt. Richtige große Bands machen das ja eigentlich so, dass sie erst das Album rausbringen und erst nach dem Release-Datum des Albums die Songs darauf spielen. Mache ich vielleicht beim nächsten Mal so. (lacht)

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Christian!

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