Kabarettist im Interview

Christoph Sieber: "Wir sollen kaufen und den Status Quo wählen"

01.01.2015 - Tahir Chaudhry

Auf der Kabarett-Bühne redet er sich schnell in Rage. Spitzzüngig entlarvt er die Haltungen der Politiker und verurteilt die katastrophalen Auswüchse des Kapitalismus. DAS MILIEU sprach mit dem Kabarettisten Christoph Sieber über die politische Wirkung des Kabarett, die Langeweile der Bundeskanzlerin, die Duldungsstarre des Volkes und die Mär der westlichen Werte.

DAS MILIEU: Sagen wir mal, die Bundeskanzlerin setzt Sie als ihren persönlichen Berater ein, was wäre Ihr erster Rat, den Sie ihr erteilen würden?

Sieber: Wenn ich der politische Berater von Angela Merkel wäre, dann wäre ich ja genau wie sie alle sind: Angepasst, durch jahrelange Buckelei in der Partei auf Linie gebracht, machtgeil und skrupellos. Und ich würde dem System dienen. Dann würde ich ihr raten: Mach weiter so!

DAS MILIEU: Wundern Sie sich manchmal darüber, was Sie sich alles auf der Kabarett-Bühne leisten dürfen?

Sieber: Nein. Wenn das, was ich auf der Bühne und im Fernsehen sagen würde, wirklich etwas bewirken würde, dann dürfte ich dort nicht stehen. Kabarett ist da längst zum Feigenblatt der Meinungsfreiheit geworden. Man gönnt sich eine Opposition, um den Eindruck von demokratischen Verhältnissen aufrechtzuerhalten.

Würden die Menschen nach meiner Vorstellung auf die Straße gehen und die notwendigen Veränderungen tatsächlich einfordern, wenn der Zorn sie zu Handelnden machen würde, dann wäre die Akzeptanz gewiss weniger ausgeprägt.

DAS MILIEU: Sind Sie nicht manchmal im Anschluss Ihrer Auftritte frustriert, weil Sie wissen, dass wahrscheinlich diejenigen, die am lautesten applaudiert und gelacht haben, bei der nächsten Wahl doch wieder Angela Merkel, sozusagen die Schutzherrin des Status quo, wählen werden?

Sieber: Bestimmt wählen auch Teile meines Publikums Angela Merkel. Da die Relevanz der Politik in meinen Augen aber eh maßlos überschätzt wird, sehe ich darin kein Problem. Für die humanistischen Werte, für die ich eintrete, ist die Politik meist der falsche Ansprechpartner.

Für mich geht es inzwischen darum: In welcher Welt wollen wir leben? Und nicht: Wer ist in dieser Welt Kanzler oder Kanzlerin?

DAS MILIEU: Der US-Journalist George Packer hat für die Zeitschrift „The New Yorker“ ein Porträt von Kanzlerin Merkel verfasst. Seine Beobachtungen sind niederschmetternd. Seine Feststellung, nachdem er seine erste Bundestagssitzung verfolgt: "Angela Merkel, Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und mächtigste Frau der Welt, gibt sich alle Mühe, nicht interessant zu sein." Warum wirkt so eine mächtige Frau in ihrer dritten Amtsperiode so gelangweilt?

Sieber: Weil sie damit Erfolg hat. Wenn Menschen an die Macht kommen, haben sie nur ein Ziel: An der Macht zu bleiben. Dafür lassen sie gerne ihre Ideale und Inhalte hinter sich und interessieren sich wenig für die, die sie gewählt haben. Frau Merkel hat sogar den großen Vorteil, dass sie nie politische Ideale und Inhalte hatte.

DAS MILIEU: Wie mündig ist Ihrer Meinung nach noch der deutsche Bürger?

Sieber: Wir sind teilweise längst in die Zeiten vor der Aufklärung zurückgefallen. Politisch und wirtschaftlich ist das natürlich gewollt. Der Mensch mit einem freien Willen und eigenständigen selbstbestimmten Entscheidungen existiert kaum noch. Der marktkonforme Mensch, der geschaffen wurde, ist in aller erster Linie Konsument. Und ein Großteil der Menschen fügt sich in ihr Schicksal. Selber denken ist anstrengend, führt teilweise zu eigenen Erkenntnissen.

Das Ergebnis dieser gezielten Verdummung von Menschen erleben wir jetzt z.B. auf den PEGIDA-Demonstrationen in Dresden. Was da von „mündigen Bürgern“ an falschen Behauptungen und realitätsfernen Ängsten geäußert wird, die am Ende in menschenverachtenden Schlussfolgerungen münden, sind die Folge einer gezielten Entmündigung großer Teile der Gesellschaft. Die sollen kaufen und den Erhalt des Status Quo wählen. Fertig.

Das Ergebnis sieht dann so aus: Arbeitslose demonstrieren gegen Flüchtlinge, Rentner wettern gegen Asylanten. Die Menschen am unteren Ende der Gesellschaft werden gezielt aufeinander gehetzt. Und die wahren Verursacher der Misere, die globale Finanzelite, lacht sich wieder mal ins Fäustchen.

DAS MILIEU: Immanuel Kant beklagt in seinem berühmten Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1789) einleitend die Unmündigkeit der Bürger. Als Gründe nennt er Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit der Menschen, die es den „Vormündern“ leicht machen würde, über sie zu herrschen. Er vergleicht die Menschen mit Hausvieh, das „zuerst dumm gemacht“ wurde, dann sorgfältig gehütet wird, damit es unter keinen Umständen allein einen Schritt außerhalb des Gängelwagens (heute würde man Babywalker sagen) unternimmt. Wie aktuell ist diese Darstellung für Sie?

Sieber: Wahrscheinlich aktueller denn je. Der Kapitalismus interessiert sich weltweit nicht für den mündigen, aufgeklärten Bürger. Auch die Demokratie als Staatsform ist für ihn nur Mittel zum Zweck.

Wir sind nun da, wo man uns haben wollte: Ein Volk erträgt in Duldungsstarre, dass ihm erzählt wird, welche Interessen es hat. Wir glauben, dass die Interessen einer kleinen monetären Elite den Interessen aller entsprechen. Das Gegenteil ist der Fall!

 

Mit Hinweis auf notwendige und alternativlose Reformen wurde in den letzten Jahren sukzessiv der Sozialstaat vernichtet und gezielt dafür gesorgt, dass die Umverteilung von unten nach oben zum gesellschaftlichen Konsens erklärt wurde. Viele können sich eine andere Politik und eine andere Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen. Und das ist mit Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit nur unzureichend zu erklären. Dafür war eine kollektive Gehirnwäsche notwendig, die große Teile von Politik, Medien und Bevölkerung zu Bewahrern des Ist-Zustandes verkommen lies.

DAS MILIEU: Seit Jahrzehnten wird in Deutschland von einer gewissen "Politikverdrossenheit" gesprochen. Die Wahlbeteiligung gilt weithin als ein Maßstab für die Qualität eines Systems. Bei den letzten Wahlen zur Obersten Volksversammlung Nordkoreas gab es eine Beteiligung von 99,98 Prozent. Ist für Sie ein Kreuz im Kreis gelebte Demokratie?

Sieber: Über 50% Nichtwähler sind doch ein klares Statement. Diesen Menschen Desinteresse zu unterstellen, oder gar Demokratiefeindlichkeit, ist eine Denunziation. Ich kenne nämlich viele, die nicht zur Wahl gehen, weil sie sich für Politik interessieren.


Da wird auch der aktuelle Vorschlag der SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, statt eines Wahltages Wahlwochen zu veranstalten, nichts ändern.
Die SPD, und die anderen Parteien natürlich auch, sollten sich Gedanken darüber machen, wie eine Politik aussieht, die es zu wählen lohnt. Alles andere ist Augenwischerei und wieder mal eine gezielte Missachtung und Geringschätzung der Menschen in diesem Land.

DAS MILIEU: Viele Politiker ziehen mit dem Motto: „Politik muss wieder verlässlich sein!“ in den Wahlkampf. Aber gehören mittlerweile nicht Polemik, Lüge und Inszenierung zum politischen Geschäft dazu? Wie viel kann Politik Ihrer Meinung tatsächlich bewirken?

Sieber: Es ist nicht die Politik, die sich verändert hat. Politik war schon immer verlogen, oberflächlich und machtgeil. Was sich geändert hat, sind die Zeiten. Früher hatten nur wenige Einblick hinter die Kulissen dieses Schauspielbetriebes. Heute können wir so gut wie alles wissen. Und ich betone es gerne noch einmal: der Einfluss der Politik wird maßlos überschätzt. Die Finanzelite, die Banken, die globalen Unternehmen und Hedgefonds sind heute die, die der Politik die Rahmenbedingungen diktieren.


Die Frage ist: Wollen wir das wissen? Oder ist es nicht viel einfacher auf Frau Merkel und Herrn Gabriel zu schimpfen?

DAS MILIEU: Auf der einen Seite heißt es, dass den politischen Parteien in Deutschland mitreißende Rhetoriker und charismatische Persönlichkeiten fehlen. Auf der anderen Seite herrscht die Meinung vor, dass Worte allein nichts bewirken. Auch Sie setzen aus beruflichen Gründen mehr auf Worte. Wie wichtig sind Worte tatsächlich?

Sieber: Was nützen Worte, wenn denen keine Taten folgen? Mir ist auf jeden Fall jeder Mensch lieber, der anstatt zu reden lieber handelt. Allerdings sind vorher Worte nötig. Worte haben die Kraft Menschen zu begeistern, sie zu berühren und Dinge zu hinterfragen. Worte sind der Humus, auf dem Taten gedeihen. Die Sprache macht uns zu Menschen, die in der Lage sind, Grund- und Menschenrechte zu formulieren und zu verteidigen. Und: Wer Worte hat, braucht keine Bomben. Das Schweigen macht das Schreckliche erst hoffähig.

DAS MILIEU: Apropos Bomben… Wir sehen den vermeintlich „chirurgisch präzisen“ Drohnenkrieg der Amerikaner, die Millionen von sogenannten „Kollateralschäden“ infolge mehrerer Militäraktionen des Westens, den auf Lügen basierenden Krieg im Irak, unverantwortliche Waffenlieferungen an Drittstaaten, die amerikanischen Folter-Gefängnisse oder den Skandal um die Massenüberwachung. Aber gleichzeitig sind das alles Dinge, die der Westen im Prinzip den „Schurkenstaaten“ China, Russland, Iran oder Nordkorea vorwirft. Was ist denn noch von westlichen Werten übrig geblieben, als bloße Worte?

Sieber: Für mich ist eines klar: eine der größten Gefahren für das Leben der Menschen geht durch militärische Interventionen der USA, durch deutsche Waffenlieferungen und durch Eingriffe des IWF aus. Dadurch sterben weitaus mehr Menschen als durch Terroranschläge von al-Qaida und die barbarischen Gräueltaten des IS zusammen. Das Einzige, was für uns dabei beruhigend ist: es sind immer die anderen, die dadurch sterben.

Und wie verlogen und kaltherzig ist es dann, wenn die EU gleichzeitig ihre Grenzen dichtmacht, wenn das Recht auf Asyl in Deutschland faktisch außer Kraft gesetzt wird, nur um die Konsequenzen dieses Handelns nicht tragen zu müssen?

Die Frage, die sich mir stellt ist: Waren diese westlichen Werte nicht schon immer nur ein wohlfeiles Deckmäntelchen, um die wahren Interessen zu verbergen, die da lauten: Einfluss, Rohstoffe, Erschließung von Märkten, Schwächung von Konkurrenten. Die Friedensnobelpreisträger Obama und EU sind jedenfalls ein Hohn für Tausende Drohnentote und hunderttausend unterernährte Kinder in Spanien und Griechenland.

DAS MILIEU: Abschließend möchte ich auf die sogenannte Truthahn-Theorie eingehen, die der New Yorker Professor Nassim Taleb in seinem Werk „Der Schwarze Schwan“ entwickelte: Der Truthahn bekommt freundlicherweise täglich wunderbares Fressen vorgesetzt und sein Wohlbefinden steigt von Tag zu Tag, sodass er glaubt, beim Bauern in besten Händen zu sein. Dann, am Tag vor Thanksgiving: Zack, Kopf ab und dass, obwohl er sich am Tag vor seiner Schlachtung doch am sichersten fühlte. Sehen Sie in der Zukunft so unsere kapitalistischen Gesellschaftssysteme scheitern und uns leiden?

Sieber: Mir wäre es auch lieber, wenn ich optimistischer in die Zukunft blicken könnte. Das Scheitern des kapitalistischen Gesellschaftssystems allerdings bezweifle ich, denn dieses System ist anpassungsfähig und stabil. Die Menschen verkümmern allerdings in diesem System, denn der Mensch spielt nur eine untergeordnete Rolle.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Das gilt heute nicht mehr. Denn die Würde des Menschen steht heutzutage bei der Tafel an, um Essensreste einzusammeln, die Würde des Menschen stirbt vor Lampedusa und die Würde des Menschen wird ignoriert, damit wir hier billige Klamotten und günstige Lebensmittel konsumieren können.

Die Welt wurde entsolidarisiert, Mitgefühl und Gerechtigkeit sind Werte von gestern. Stattdessen wird die Leere im Innern gefüllt durch Ersatzbefriedigungen wie dem Konsum von ungesundem Essen, Alkohol, Fernsehen und anderen nutzlosen Kompensationsmitteln. Am Ende sollte uns eines klar sein: Wir sind gar nicht die Kunden, wir sind das Produkt. Und so lange man mit uns und durch uns noch Geld machen kann, wird alles weitergehen.

Wenn man ganz zynisch sein will, könnte man sagen: Der Truthahn hat ja noch Glück, denn er bekommt alles nicht mehr mit. Wir werden die Konsequenzen bei lebendigem Leibe erleben.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Sieber!

 

 

 

 

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