Rezension

City of Thorns. Nine Lives in the World´s Largest Refugee Camp.

01.10.2019 - Dr. Burkhard Luber

“To the charity workers, Dadaab refugee camp is a humanitarian crisis; to the Kenyan government, it is a “nursery for terrorists”; to the western media, it is a dangerous no-go area; but to its half a million residents, it is their last resort”

(vom Front Cover des Buches)

 

Kann man dem Thema Flüchtlinge nach den unzähligen Reportagen, Analysen, Bildbänden noch einen neuen Aspekt verleihen? Ben Rawlence, früherer Mitarbeiter bei Human Right Watch und Korrespondent u.a. beim Guardian, gelingt diese Herausforderung. Er tut das, was im Journalismus “Den Opfern ein Gesicht geben” genannt wird. Rawlence hat das riesige Flüchtlingslager Dadaab, in dem Menschen u.a. aus Somalia, Sudan, Uganda oft jahrelang ausharren müssen, fünf Jahre lang, von 2010 bis 2015 besucht und ist in Hunderten von Gesprächen ganz nahe an das Schicksal der dortigen Menschen herangekommen. Aus seinen Interviews hat er in seinem Buch nun neun Lebensschicksale herausdestilliert, unter anderem ein ehemaliger Kindersoldat, ein Jugendführer und eine Schülerin. Um die Schicksale dieser Menschen geht es in diesem Buch, aber Rawlence präsentiert auch nachdrücklich das Umfeld dieses Lagers: Den failed state Somalia, die negativen Folgen der ausländischen Lebensmittel-Lieferungen für die lokale Wirtschaft, die ineffiziente Bürokratie der Hilfswerke, die allgegenwärtige “Kultur” der Bestechungen für “alles”, die Arroganz der Beamten, der Terror, das Leiden im Lager, die meist unergiebige internationale Konferenzkultur, die unrealistischen Hoffnungen auf eine Flucht nach Europa. All das zieht wie ein eindringlicher Film an der/dem Leser*in vorüber. Rawlence hat die große Begabung, farbiges anschauliches story telling mit scharfsinniger politischer Analyse und Reflexion zu verbinden. Wenn das Thema nicht zu schlimm wäre, könnte man sagen: Rawlence hat einen Polit-Thriller geschrieben.

Die Authentizität von Rawlance überzeugt. Durch den Wechsel der Personen und Schauplätze gelingt es ihm auch, das Interesse der die/den Leser*in wach zu halten, zumindest für die ersten rund 150 Seiten. Allerdings fällt der Spannungsbogen leider in der zweiten Hälfte des Buches erheblich ab. Vereinfacht gesagt: Das Buch ist einfach zu lang geraten; da hätte der Buchagent, der Lektor und der Verlag zu Gunsten besserer Lesbarkeit eingreifen und erheblich kürzen müssen. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: Weniger ist mehr. Hätte sich Rawlence wirklich auf nur neun Flüchtlings-Leben rund um Dadaab konzentriert und diese in neun Kapiteln von rund 25 Seiten konzise dargestellt, wäre eine wirklich attraktiv zu lesende Mischung von persönlichen Schicksalen und politischer Analyse entstanden. In der jetzigen (zu) großen Zahl von vierzig (!) Kapiteln verliert der Leser spätestens ab Kapitel 20 den Überblick, auch wenn dieselben Personen später erneut auftreten. Es stellt sich eine Übersättigung in den Erzählungen ein, die den überzeugenden thematischen Focus des Buches leider stilistisch wieder relativiert. Was dem Buch überdies fehlt, ist eine logische Sequenz der 40 Kapitel, eine literarische Steigerung, die bei dem Leser entsprechende Spannung erzeugt und erhält. Unklar bleibt außerdem Rawlence´s Gliederungsaspekt: Auf dem Book Cover wird von “Neun Leben” gesprochen, in der Liste “Featuring” zu Beginn des Textes werden sechzehn Personen aufgeführt und das gesamte Buch ist wiederum in 40 Kapitel unterteilt. All das dient leider nicht zur Orientierung des Lesers.

Rawlence´s Fleiß, Sorgfalt und Empathie für die Bewohner von Dadaab sind unverkennbar und durchziehen das ganze Buch. Dieser Ansatz des Autors ist eindrucksvoll und wer sich dem Schicksal von Flüchtlingen sehr konkret stellen will, sollte zu dem Buch greifen. Schade ist jedoch, dass seine Länge und das nicht überzeugende Darstellungsprofil leider die Leistung von Rawlence doch wieder ziemlich schmälern.

Bildergebnis für Ben Rawlence: City of thorns

Ben Rawlence: City of Thorns. Nine Lives in the World´s Largest Refugee Camp. Portobello Books 2016. 384 Seiten. 8.19 Euro


 

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