Schauspielerin im Interview

Cristina do Rego: "Man muss lernen mit Unsicherheit umzugehen"

01.02.2020 - Patricia Bartos

Die Schauspielerin Cristina do Rego ist vielen bekannt als die eigensinnige Nichte in der Kult-Sitcom "Pastewka" oder als Lenas beste Freundin in "Türkisch für Anfänger". Bald ist die in Brasilien geborene Schauspielerin in der Hauptrolle der Serie "Lucie – Geheult wird nicht" zu sehen. DAS MILIEU sprach mit do Rego über den Begriff Heimat, das Verhältnis zu verschiedenen Rollen sowie die Frage des gesellschaftlichen Engagements von KünstlerInnen.

DAS MILIEU: Frau do Rego, Sie sind in Brasilien in einem Künstlerhaushalt aufgewachsen. Hat sich bei Ihnen schon als Kind der Weg in die Schauspielerei abgezeichnet?

Cristina do Rego: Ich denke schon. Mein Vater spielte und führte am Theater Regie. Dadurch, dass bei uns SchauspielerInnen und SängerInnen ein- und ausgingen, war das eine gewisse Selbstverständlichkeit. Ich war oft bei den Proben dabei und habe auf und neben der Bühne gespielt. Deswegen hat sich das schon ein bisschen abgezeichnet.

MILIEU: Hat sich in dieser Hinsicht etwas geändert als Sie in Ihrer Kindheit nach Deutschland gezogen sind?

Do Rego: Ja, klar. Mein Vater hat in Deutschland aufgrund der Sprachbarriere Abstand von seinem Beruf genommen. Deswegen war das auch ein komplett anderes Leben. Bei mir hat sich jedoch nicht viel geändert. Das Gefühl für Bühne und Spiel hat sich in mir davor schon verfestigt. Das war eben in mir, obwohl unser Leben nicht mehr so war wie in Brasilien.

MILIEU: Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Do Rego: Heimat war für mich lange Zeit Brasilien, meine Familie und das damit verbundene Lebensgefühl meiner Kindheit. Im Laufe meines Lebens hat sich das verändert. Inzwischen lebe ich viel länger in Deutschland, als ich in Brasilien gelebt habe. Mit Mitte 20 habe ich dann gemerkt, dass ich mir hier ein Leben aufgebaut habe, was in Brasilien vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich lange am Stück in Brasilien war und die Distanz zu Deutschland, meinen Freunden und dem, was ich mir hier als Zuhause geschaffen habe, groß war. Da merkte ich, dass ich zwei Heimatorte habe.

MILIEU: Heimat ist also grundsätzlich etwas, was Sie mit einem Ort verbinden?

Do Rego: Ich glaube es ist mehr ein Lebensgefühl. Heimat assoziiere ich mit Zufriedenheit und Ruhe. Das verbinde ich sowohl mit meinen Kindheitserinnerungen als auch mit meinem jetzigen Leben, mit dem ich sehr zufrieden bin. Dementsprechend ist für mich Berlin und die Menschen, die mich umgeben, meine Heimat.

MILIEU: Seit 2004 spielen Sie die eigensinnige Nichte von Pastewka in der gleichnamigen Kult-Sitcom. Die letzte Staffel wurde abgedreht und erscheint im Frühjahr. Welche Beziehung entwickelt man zu einer Rolle, die einen über einen so langen Zeitraum begleitet?

Do Rego: Diese Rolle ist natürlich stark in mir, auch wenn sie sich über diesen langen Zeitraum genauso wie ich verändert hat. Ich habe jedoch mehr ein Gefühl zu diesem Projekt und meinen Kollegen, das ich habe. "Pastewka" ist ein Gesamtgefühl. Wenn ich daran denke, dann erscheint in mir nicht nur meine Rolle. Aber sie ist natürlich ein Teil von mir und hat sich gerade in den letzten Staffeln stark entwickelt. Deswegen blieb sie auch immer eine Herausforderung.

MILIEU: Bringt man in solch eine Rolle automatisch mehr von sich selbst hinein oder kann man das klar abgrenzen?

Do Rego: Das kann ich klar abgrenzen. Die Rolle war immer ziemlich weit von mir persönlich weg. Sie hat sich ein bisschen in den letzten Staffeln angenähert, weil sie erwachsener wurde. Aber ich spielte meist einen motzigen Teenager, der ich selbst nie war. Es war deswegen eigentlich immer einfach Cristina von Kim zu trennen.

MILIEU: Dieses Jahr erscheint auch eine neue Serie ("Lucie – Geheult wird nicht"), in der Sie die Hauptrolle spielen. Sie sind darin eine junge Berlinerin, die Sozialstunden in einem Heim für Kinder und Jugendliche leistet. Was macht Lucie als Hauptcharakter aus?

Do Rego: Lucie ist im Vergleich zu Kim viel näher an mir dran. Ich würde sogar sagen, dass mir diese Rolle ein bisschen auf den Leib geschrieben ist. Lucie ist sehr schnell und präsent. Sie hat eine starke Energie und mein Anspruch an die Rolle war, dass die ZuschauerInnen sie bei all ihren verrückten Ideen verstehen, da sie mit den Jugendlichen sehr unkonventionell umgeht. Ich spiele eine junge Frau, die in das Betreuer-Dasein reinrutscht und diesen Beruf nicht gelernt hat. Sie macht die Dinge einfach aus einem Bauchgefühl heraus. Dadurch macht sie viele Fehler, aber es war mir wichtig, dass man versteht warum sie etwas tut.

MILIEU: Sie meinten gerade, dass die Rolle der Lucie Ihnen eher nahe ist. Ist es einfacher Rollen zu spielen, die nahe oder weit weg von einem persönlich sind?

Do Rego: Für mich ist es wichtig, dass ich einen Zugang zu dieser Rolle habe. Beim ersten Lesen habe ich meistens schon ein Gefühl zur Rolle und dann ist es eigentlich egal, ob mir die Rolle privat fern oder nah liegt. Wichtig ist, dass ich ein Bauchgefühl zur Rolle entwickle. Oft sind die Herausforderungen technischer Natur. Bei einer Hauptfigur ist natürlich das Textpensum ein ganz anderes. Aber beim Spielen ist es wichtig, dass ich die Rolle fühlen kann.

MILIEU: Gesellschaftliches Engagement von Personen in der Öffentlichkeit ist immer wieder Gegenstand von Debatten. Denken Sie, dass es die Aufgabe von KünstlerInnen ist, gesellschaftlich relevante Themen zur Sprache zu bringen?

Do Rego: Das ist immer dann wichtig, wenn einem selbst etwas am Herzen liegt. Toll ist, dass man den ein oder anderen Menschen mehr aufgrund der Reichweite erreichen kann. Ich denke es ist wichtig, dass sich jeder im Kleinen wie im Großen für etwas einsetzt. Ob das jetzt Blumen gießen in der Nachbarschaft oder etwas anderes ist. Jeder, der sich durch etwas berührt fühlt, sollte und kann etwas ändern. Man sollte aber natürlich nicht unterschätzen, dass man als Person in der Öffentlichkeit manchmal eine Vorbildfunktion hat. Ich finde es aber nicht schlimm, wenn der ein oder andere Künstler sich nicht politisch äußern möchte. Das ist jedem selbst überlassen. Ich würde mich für diese Dinge, die mir wichtig sind, auch einsetzen, wenn ich nicht in der Öffentlichkeit stehen würde.

MILIEU: Fällt es Ihnen als Schauspielerin in manchen Situationen schwer eine emotionale Distanz zur Rolle zu halten?

Do Rego: Nein, das gelingt mir gut. Was man aber nicht unterschätzen sollte: Man muss sich bewusst sein, dass man das, was man spielt, auch körperlich erlebt. Ich spanne ja trotzdem meine Muskeln an, um etwas entsprechend spielen zu können. Es geht nicht immer nur darum, etwas emotional von sich fernzuhalten. Nach einem Drehtag braucht man insgesamt eine Balance, um zur Ruhe zu kommen. Damit geht jeder Schauspieler anders um. Mir gelingt der emotionale Abstand meist sehr gut.

MILIEU: Viele SchauspielerInnen betonen oft, dass sie sehr gerne möglichst viele verschiedene Charaktere spielen. Gibt es Rollen, die Sie nicht gerne spielen?

Do Rego: Ich denke meine Entscheidungen hängen auch immer vom Angebot ab. Man hat ja nicht immer 35 verschiedene Rollen auf dem Tisch. Die Zeit am Set ist außerdem meine Lebenszeit. Das bedeutet, wenn ich irgendwo an ein Set gehe, das in den Bergen ist, muss ich mir überlegen, ob ich dort auch sein möchte. Ich versuche darauf zu achten, dass die Zeit, die ich dort verbringe, für mich lebenswert ist. Deswegen entscheide ich je nach Projekt und Umständen, das Gesamtkonzept ist wichtig.

MILIEU: Eine Studie von "Plan International" zur Darstellung von Frauen und Mädchen in Filmen kam zu dem Ergebnis, dass der Redeanteil von Männern doppelt so hoch wie der von Frauen ist. Zudem gibt es mehr männliche Rollen und Frauen werden häufiger sexualisiert dargestellt. Wie beurteilen Sie dies aus Ihrer Sicht der Dinge als Schauspielerin?

Do Rego: Ich finde das erschreckend. Ich fühle mich auch ein bisschen machtlos, weil man sich oft die Frage stellt, was man persönlich daran ändern kann. Ich bemerke jedoch eine Änderung, da wir in einer Zeit leben, in der wir uns beginnen damit zu beschäftigen: Wir haben einen starken Feminismus und eine große Frauenbewegung, die wichtig ist. Wir sind in einer Umbruchzeit und ich bin froh, dass ich in dieser Zeit dabei sein kann. Die Dinge werden sich hoffentlich bald ändern und viele kluge, starke Frauen tragen dazu ihren Teil bei.

MILIEU: Ist also die Verantwortung von Film und Musik für die Darstellung von Frauen Ihrer Meinung nach entscheidend?

Do Rego: Absolut. Wir müssen alle ein Bewusstsein dafür schaffen, dass da noch ein weiter Weg gegangen werden muss. Mein Gefühl ist aber, dass da etwas geschieht. Die Bewegungen werden immer bekannter und lauter. Ich sehe das auch in meinem Umfeld. Da sind viele Frauen, die sich dafür einsetzen und mich auch inspirieren.

MILIEU: Die Schauspielerei ist ein Traumberuf. Es schaffen aber nur wenige den Aufstieg und es ist ein Knochenjob. Welche Schattenseiten sind Ihnen im Laufe der Karriere begegnet?

Do Rego: Man muss lernen mit der Unsicherheit umzugehen. Oft weiß man nicht, was dieses oder nächstes Jahr passiert. Da hatte ich die letzten Jahre Glück und es hat mir gut getan zu wissen, was ansteht. Die Unsicherheit ist oft auch gekoppelt an Existenzängste. Damit muss man einen Umgang finden, das ist auch eine große Herausforderung. Auch der Verlust der Anonymität ist ein Thema. Das spielt für mich eine Rolle. Ich bin gerne privat, das geht mit diesem Job aber nicht immer. Man muss die Dinge so regeln, dass man trotzdem zufrieden und glücklich ist. Ich bin in meinem Job absolut leidenschaftlich. Zur Zeit kann ich mir keinen anderen Beruf vorstellen. Aber wenn sich Dinge ändern und etwas Negatives überwiegen sollte, dann glaube ich nicht, dass eine Leidenschaft über der Lebensqualität stehen kann. Und wenn man aufgrund des Berufs nur frustriert ist, dann hilft einem die Leidenschaft an einem bestimmten Punkt auch nichts mehr. Ich denke, dass man solch eine Antwort nur aus dem Moment, in dem man sich gerade befindet, geben kann. Was in zehn Jahren ist, weiß ich nicht.

MILIEU: Wenn Ihr Leben ein Film wäre, was für einer wäre er?

Do Rego: Auf jeden Fall ein Mehrteiler! Und etwas mit großen komödiantischen Anteilen, denn mein Leben kann manchmal sehr absurd verlaufen. Es würde viele verschiedene Kapitel geben, deswegen wäre es wahrscheinlich eher eine Serie. 

Foto: Sabin Tambrea

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