Rezension

Dag Hammarskjöld

01.07.2015 - Dr. Burkhard Luber

Dag Hammarskjöld? Das ist doch dieser UN-Diplomat und Friedensnobelpreisträger, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Dag Hammarskjöld? Das ist doch dieser schwedische Mystiker, der so schwer zu verstehen ist. Diese zwei unterschiedlichen Antworten auf die gleiche Frage veranschaulichen den Facettenreichtum einer außergewöhnlichen Persönlichkeit.

 

Oliver Kohler unternimmt mit seinem Buch den Versuch, der Leserschaft Dag Hammarskjöld (1905-1961) nahe zu bringen. Seine Methode dafür ist riskant. Kohler vermeidet die üblichen Darstellungsweisen. Er schreibt keine erzählende Biografie und präsentiert keine ausführlichen Auszüge aus Tagebüchern. Kohler sagt über seinen Ansatz: „Die Erde aus Hammarskjölds Welt geht in neue Bildkompositionen ein. Der innere Monolog vernetzt Tatsächliches mit Imaginiertem.” Diese ehrgeizige Methode macht   es dem Leser nicht leicht die Gedanken des Autors zu verstehen.

Das beginnt bereits mit dem ersten Kapitel, das den Untertitel „Aus dem Leben des Dag Hammarskjöld” trägt. Erst ist der Leser irritiert über die Szene, mit der Kohler einsetzt. Wird da von einem Flüchtlingsschiff gesprochen. Was will uns dieser Einstieg sagen? Glücklicherweise nimmt das Kapitel dann dennoch Fahrt auf. Wir erfahren Bruchstücke aus  Hammarskjölds Vita: das einsame Schweden, die Abstammung aus einem Rittergeschlecht, das riesige Schloss und der distanzierte Vater. Später folgen Stichworte zu seiner Karriere, seiner immensen Reisetätigkeit und der UN als Bühne seines diplomatischen Handelns.
Aber warum bringt Kohler diese Informationen bisweilen in so pseudo-dichterischer Sprache zum Ausdruck?  „An die eigentlichen Studien dockt er Lesezeiten an” – vielleicht ginge das auch schlichter und nicht so „cool” formuliert. Oder: „[Diese Einsichten] sickern in ihn ein, werden Teil seines mentalen Grundwassers”. Muss das so ausgedrückt werden? Letztlich ist es Kohlers Entscheidung, welche Sprache er für seine Biographie wählt. Für den Leser wäre eine schlichtere Form jedoch vorzuziehen gewesen.
Der Hauptteil des Buches ist eine Kombination von Auszügen aus Hammarskjölds Tagebuch und Imaginationen Kohlers, wie einzelne Szenen in Hammarskjölds Leben wohl ausgesehen haben könnten. Gegen diese Form der Präsentation ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn nicht auch da wieder schwer verdauliche Sätze den Lesefluss und das Verständnis hemmen würden. „Wir codieren uns selbst auf Analyse und Substraktion”. Ist das nun ein Buch zur post-modernen Philosophie? Später: „Für die Dauer dieses Genusses haben die Sorgen Ausgang” – ein anstrengendes Sprach-Bild. An anderer Stelle: „Privat verhakt sich diese Bilanz nirgendwo”. Was sollen wir darunter verstehen? Dass Hammarskjöld unverheiratet war? Zwischen Diplomatie und Mystik energisch getrennt hat? Solch schwierige Verständlichkeit in Kohlers Sprache steht quer zur Einladung des Buches, die bemerkenswerte Spannweite dieses Menschen näher kennen zu lernen.

Die Zwischentitel des folgenden Tagebuch-Abschnitts sind gut gewählt. Sie lauten u.a.: Weg, Einsamkeit, Bescheidenheit und Schweigen. Hier hat sich Kohler feinsinnig in den diplomatischen Alltag Hammarskjölds hineinversetzt: die vielen Reisen, das Hin und Her zwischen politischem Handeln und tiefen Reflexionen, das isolierte Leben als Diplomat und die Eintönigkeit der wechselnden Hotels. Kohlers Text ist ein Schlüssel zum Verständnis eines Menschen, der sich nie durch Routine bestechen ließ und selbst in den kurzen Stunden „Freizeit” immer noch ein Suchender und Fragender blieb. Jemand, der als Diplomat oft Kompromisse schließen musste, aber in seinem spirituellen Leben  ?  und das war für Hammarskjöld immer ein Gespräch mit Gott  ?  keine Konzessionen an Bequemlichkeiten gemacht hat. Kohler scheut sich nicht, den Leser mit Leid und Angst zu konfrontieren bis zum letzten Abschnitt: Hammarskjölds Flug in den Tod.

Das Buch schließt mit einer Einführung in Hammarskjölds Tagebuch „Zeichen am Weg: Unmittelbare tiefe Reflexionen über Leben, Einsamkeit, Tod und Gott.“ Die Hinterlassenschaft des Schweden ist so ganz anders als die üblichen „Memoiren” von Politikern. Hier herrscht nicht die Besserwisserei eines Elder Statesman, ein „So war es wirklich”, „So war es gemeint”, „So war es auch”. Hier schreibt stattdessen ein Mensch, der sich nie an das Getriebe und die Konventionen der diplomatischen Welt angepasst hat, sondern immer unbequem blieb, seinen Kollegen, aber vor allem auch sich selbst gegenüber. Es gibt wenige Politiker, die in ähnlicher Weise politischen Weitblick und spirituelle Tiefe in sich vereint haben.


Oliver Kohler: Dag Hammarskjöld. Die längste Reise ist die Reise nach innen. Eine biografische Skizze mit Tagebuchauszügen. adeo Verlag. 190 Seiten. Neue Ausgabe 2015, 16.99 Euro

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