Reflexionen

Dankbarkeit

01.05.2022 - Daniela Ribitsch

Letzten Herbst sprachen meine amerikanischen Studierenden und ich über das Erntedankfest. Sie feiern zwar jeden November Thanksgiving, aber über das Erntedankfest im deutschsprachigen Raum wussten sie nichts. Und ich ehrlich gesagt auch nicht. Denn obwohl ich in Österreich aufgewachsen bin und als Kind viel Zeit am Land verbrachte, habe ich noch nie ein Erntedankfest miterlebt.

Gemeinsam sahen wir uns ein paar Videoausschnitte mit Umzügen aus verschiedenen deutschsprachigen Regionen an. Im Internet fanden wir außerdem Fotos von Gottesdiensten, bei denen der Altar mit allerlei Obst und Gemüse geschmückt war. Wie farbenfroh das aussah! Auf einer Kirchenwebsite erfuhren wir, dass beim Gottesdienst die Ernte gesegnet wird, die Menschen der Schöpfung Gottes gedenken und Gott für die Ernte danken. Nicht nur meine Studierenden, sondern auch ich habe bei unseren Recherchen viel über das Erntedankfest gelernt.

Danach haben meine Studierenden und ich eine Liste mit deutschen Ausdrücke für „thank you“ erstellt: danke, danke schön, danke sehr, danke vielmals, vielen herzlichen Dank, vielen lieben Dank, ich danke dir vielmals, ich danke dir von ganzem Herzen usw. Anschließend mussten sie diese Ausdrücke in Sätzen verwenden, indem sie entweder einer bestimmten Person in ihrem Leben dankten oder für etwas ihre Dankbarkeit ausdrückten (z. B.: „Ich bin dankbar für meine guten Noten.“). Während dieser Übung fragte ich mich im Stillen, wie viele von ihnen und wie viele Leute im Allgemeinen auch tatsächlich „danke“ meinten, wenn sie diese Worte aussprachen, und wie viele Male es sich bloß um leere Worte handelte.

Wenngleich ich mit Übersetzungen nichts am Hut habe, half ich einmal einem amerikanischen Professor, der einen Vortrag in Wien halten sollte. Ich kann mich nicht mehr an das Thema erinnern, doch er hatte einen aus zwei Absätzen bestehenden deutschen Abstract und fragte meinen Mann Rick, ob ich den zweiten Absatz auf Fehler hin überprüfen könnte. Der erste Absatz sei bereits korrigiert worden. Obwohl Deutsch meine Muttersprache ist, verstand ich nicht einmal den „bereits korrigierten“ ersten Absatz. Ich bat um das englische Original und verbrachte mehrere Stunden damit, dieses Chaos in einen verständlichen deutschen Abstract zu verwandeln. Der Professor schrieb Rick: „Danke! Wenn Ihre Frau nach Wien kommt, lade ich sie auf einen Kaffee ein.“ Ich allerdings kam seiner Einladung nicht nach. Statt 40 € für einen fünfstündigen Roundtrip mit dem Zug auszugeben, nahm ich 6 € und lud mich selbst auf einen Kaffee ein…

Aber immerhin wollte er sich wenigstens mit einer Einladung erkenntlich zeigen. Als Rick einmal ein Empfehlungsschreiben für eine Studentin schrieb, was ihn viele Stunden und Mühe kostete, antwortete die Studentin bloß mit einer aus drei Buchstaben bestehenden Textnachricht: „thx!“

„Danke“ zu sagen bedeutet nicht automatisch, auch wirklich „danke“ zu meinen. Um wirklich von Herzen „danke“ zu meinen, muss ich erkennen, dass eine andere Person Zeit und Mühe für mich investiert hat, und ich muss diese Zeit und Mühe auch zu schätzen wissen. Außerdem ist Feedback eine essenzielle Komponente ehrlich gemeinter Dankbarkeit. Beispielsweise hätte der Professor uns nach seinem Vortrag in Wien wissen lassen können, wie es gelaufen ist. Und die Studentin hätte Rick erzählen können, wie es ihr beim Vorstellungsgespräch ergangen ist. Diese Art von Feedback ist es, die mir zeigt, dass eine Person tatsächlich meine Zeit und Mühe anerkennt und schätzt.

Ich persönlich halte mich für eine dankbare Person. Aber natürlich behaupten das die meisten Menschen von sich selbst. Dennoch kann ich ehrlich sagen, dass ich von Herzen kommende Dankesreden halte, wenn Menschen mir einen Gefallen tun. Zusätzlich zu meinen Dankesreden ist es mir wichtig, meine Wertschätzung auszudrücken, indem ich diesen Menschen Feedback gebe und sie somit wissen lasse, wie sehr sie mir geholfen haben. Wahrscheinlich gerade weil ich mich so überschwänglich bedanke, erfüllt es mich mit Groll, wenn Menschen nicht das gleiche Level an Wertschätzung zeigen wie ich. Aber freilich bin ich selbst weit davon entfernt, perfekt zu sein. Als meine Studierenden und ich über das Erntedankfest sprachen, musste ich mir wohl oder übel eingestehen, dass ich noch nie Dankbarkeit für sauberes Wasser oder die Vielfalt an Lebensmitteln empfunden habe. Noch nie zuvor habe ich erkannt, welch Luxus es in der Tat ist, für mich selbst kochen zu können, und zwar was auch immer ich mag und was ich als gesund erachte. Und ich habe es schon immer für ebenso selbstverständlich gehalten, ein Zuhause zu haben. Ja, ich lebe nur in einer kleinen, einfachen Wohnung, aber sie ist gemütlich und Rick erwartet mich jeden Tag und ist glücklich, mich zu sehen.

Vor unserem Schlafzimmerfenster steht ein Baum. Kahl im Winter, voll grüner Blätter im Sommer. Der Baum stand schon vor unserem Einzug hier und bringt etwas Natur in die trostlose Betonwüste unserer amerikanischen Kleinstadt. Obwohl ich diesen Baum liebe und mich jeden Morgen darüber freue, dass er genau vor unserem Fenster steht, habe ihm mich noch nie bei ihm bedankt.

Es stimmt mich nachdenklich, dass ich diesen Baum und die Natur überhaupt liebe und dennoch noch nie Dankbarkeit für unseren wunderschönen Planeten empfunden habe. Als ich vor ein paar Jahren mit Rick durch die Innenstadt von State College, bekannt für die riesige Pennsylvania State University und eines der weltweit größten Sportstadien, ging, erblickte ich einen Regenbogen. „Schau, ein Regenbogen!“, rief ich aus. Voller Ehrfurcht blieb Rick stehen und zeigte ihn sogar vorbeigehenden Fremden. Seine Reaktion machte mich sprachlos. Schließlich war es doch nur ein Regenbogen. Schön anzusehen, ja, aber doch nicht etwas, wofür die Leute stehenblieben oder das man sogar Fremden zeigte. Ich lag so was von falsch. Solche Schönheit und die bloße Tatsache, dass wir Menschen sie erleben dürfen, sollten wir nicht als selbstverständlich erachten. Heutzutage bleiben wir beide, Rick und ich, für Regenbogen, Sonnenuntergänge, Wolkenformationen und andere natürliche Schönheiten, die wir zufällig entdecken, stehen und beobachten sie schweigend eine ganze Minute lang. Nie zuvor war mir bewusst, wie viel Schönheit es auf unserem Planeten gibt.

Der Philosopher Byung-Chul Han bezeichnet unsere Erde zu Recht als „gütig, großzügig und gastfreundlich“. Dass wir auf einem Planeten leben dürfen, der voll natürlicher Schönheit ist und uns zudem an seinem köstlichen Obst und Gemüse teilhaben lässt, ist kein Menschenrecht, sondern ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten. Jeden einzelnen Tag.

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