Extremismus

Darf man über Terroristen lachen?

01.05.2021 - Mohammad Saboor Nadeem

Die Reaktionen auf meinen Artikel “Extremisten sind wie Drag Queens” (in: www.dasmili.eu) waren unterschiedlich. Grob gesagt: Kritiker erkennen möglicherweise nicht den Humor, der in der Lebensweise und Kultur von extremistischen Organisationen auch erkennbar ist. Demgegenüber erkennen andere Leser, dass man mit modernen, humoristischen Mitteln effektiv gegen das brutale Narrativ von extremistischen Organisationen vorgehen kann. Deshalb soll hier strukturierter geklärt werden, warum es angebracht ist, Humor als als ein sehr wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen Extremismus zu verstehen. Zum besseren Verständnis seien zunächst die Elemente der Gefährlichkeit und Brutalität von extremistischer Propaganda hervorgehoben.

Angst und Schrecken

Der sog. Islamische Staat (IS) gilt in Fachkreisen als die brutalste Terrororganisation der Welt. Und ebenso zeigt er sich auch, zum Beispiel im Propagandavideo “Salil al-Sawarim”, aus dem Arabischen frei übersetzt “Das Säbelrasseln”, in hochauflösenden Bildern, die mit einprägsamen Kampfliedern unterlegt sind. Das Video ist heute noch einfach im Internet zu finden und zeigt die brutale Taktik der Terrororganisation, mit der sie große Teile des Iraks und Syriens in kürzester Zeit eingenommen hat. Grausame Hinrichtungen, Massenexekutionen und Selbstmordkommandos sind nur einige Beispiele daraus, womit Angst und Schrecken auf der ganzen Welt verbreitet werden. Diese Taktik, also sich die Menschen durch Furcht unterwürfig zu machen, gehört zu den elementaren ideologischen Grundlagen des IS und ist einer früheren Al-Qaida Publikation “Das organisierte Chaos” entnommen. In diesem Handbuch werden Chaos und Anarchie als ein wichtiges Mittel für Kampftruppen beschrieben. Dadurch sollen diese um jeden Preis herbeigeführt werden, bevor überhaupt ein sog. Islamischer Staat gegründet werden könne. Das brutale und willkürliche Handeln eines jeden Terroristen wird in dieser Schrift ideologisch gerechtfertigt und daraus geschlussfolgert, dass die Menschheit dieses brutale Vorgehen vergessen würde, wenn erst einmal der Islamische Staat und damit Frieden, Sicherheit und Wohlstand etabliert seien. Um aber den gewünschten Erfolg großflächig zu erzielen, müsse zunächst das brutale Narrativ den Kämpfern vorauseilen. Angst und Schrecken müssten sich in weiten Teilen, weit vor der Ankunft der Truppen, verbreiten. Dafür schlägt diese Propagandaschrift den Einsatz von modernen Medien, wie z.B. Video- und Fotokameras, vor.

 

Terrorismus und Propaganda

Propaganda meint hierbei, den gezielten systematischen Versuch bei den Empfängern die Wahrnehmung zu manipulieren. Der Einsatz von Medien kann auch dafür genutzt werden, um durch terroristische Anschläge die Vorstellung einer unsicheren Zukunft zu verbreiten. Die Propaganda als Element des Terrorismus zielt auf die Veränderung des Verhaltens von Menschen. So werden moderne Technologien erst in den Händen von Terroristen zum mächtigsten Mittel der psychologischen Kriegsführung. Denn durch die Verbreitung von brutalen Filmaufnahmen und der damit verbundenen Nachricht von chaotischen Zuständen können in der heutigen Zeit, mit einem Klick in Sekundenschnelle, Furcht und Panik weltweit verbreitet werden. Extremistische Organisationen sehen deshalb moderne Medien als das wichtigste Instrument, um ihre Propaganda zu verbreiten. Auf diese Weise können sie sich an die unterschiedlichsten Zielgruppen wenden. Sie bekommen die öffentliche Aufmerksamkeit, um ihre politische Botschaft zu verbreiten und mit willkürlichen Anschlägen ihre Stärke zu demonstrieren. Beides dient dem Zweck, bestehende politische Systeme zu untergraben und die Stellung der bestehenden Ordnung zu schwächen. Aber auch, um sich, ohne eine Zensur, direkt an Sympathisanten zu wenden und bei ihnen für die Sache zu werben.

Hierbei setzen extremistische Organisationen auf charismatische Anführer, starke Symbolik, emotionale Verwundbarkeit, und sie gehen darin auf die (politischen) Bedürfnisse und Wünsche ihrer Sympathisanten ein.

Im Falle des IS, hatte es zur Folge, dass Millionen Menschen vor Angst und Schrecken ihre Heimat verließen und flüchteten, so dass er große Teile des Iraks und Syriens ohne Widerstand einnehmen konnte. Hier spricht man von Propaganda durch die Tat. Dieses Konzept meint, dass die symbolische Tat allein genug Aufmerksamkeit bringe, so dass immer mehr Menschen dadurch überzeugt, dass Macht gebrochen und Veränderungen möglich würden, der extremistischen Organisation beitreten. Terrorismus ist deshalb auch stets ein symbolischer Akt, d.h. er wird inszeniert, weil moderne Medien die Theatralik und Dramatik der Tat besonders hervorheben können.

 

Kultureller Widerstand und Humor

Wenn nun die selbstformulierte Taktik extremistischer Organisationen ist, moderne Medien einzusetzen, um Angst und Schrecken zu verbreiten und sich als Macht zu inszenieren, dann ist es durchaus angebracht, darüber nachzudenken, wie man mit denselben modernen Mitteln ein genauso wirkmächtiges Gegennarrativ schaffen kann. Also geht es hierbei um Macht und Gegenmacht. Medien können die Machtverhältnisse durch die Art der Wahrnehmung verändern. Darüber hinaus kann mediale Aufmerksamkeit andere Menschen inspirieren, ähnlich zu handeln oder zu empfinden. So kann der eigene Einfluss erweitert und Kontrolle über andere ausgeübt werden. Was den IS angeht, so werden all diese Formen durch die Terrororganisation mit unterschiedlichen Mitteln ausgeübt, um Macht zu erlangen. Neben politischer und wirtschaftlicher Macht versucht der IS, vor allem durch moderne Medien, auch kulturelle Macht zu erlangen. Also jene Form, mit der eine radikale Ideologie in die Köpfe der Menschen gebracht wird und Emotionen, Wünsche und den Drang nach Veränderung hervorruft. So hat der IS immer die Macht sowohl über jene, die der Terrororganisation schon beigetreten sind, als auch über potentielle neue Anhänger. Und je mehr sie ihr brutales Narrativ verbreiten können, ohne ein wirkmächtiges Gegennarrativ, umso mächtiger werden sie. Damit wird deutlich, dass es neben militärischen, politischen und wirtschaftlichen Sanktionen nicht am kulturellen Widerstand gegen extremistische Organisationen mangeln darf, damit sie an Wirkungsmacht verlieren.

Einige der unumstrittensten und mächtigsten Mittel des kulturellen Widerstands gegen Machtstrukturen sind der politische Witz, die Satire und auch Karikatur. Alle drei sind Unterkategorien von Humor. Neben seinem Unterhaltungswert, kann Humor auch angestaute negative Gefühle, wie Frustration über soziale Ungerechtigkeit oder politische Unterdrückung, lösen. Die soziale Herkunft und die Globalisierung beeinflussen stets das Humorverständnis von Menschen. Jedoch können beide Faktoren sich auch gegenüberstehen, wenn es darum geht, was guter und schlechter Humor sei. Humor ist deshalb relativ, weil er an kulturelle Werte gebunden ist. Ein Großteil unserer Witze im Alltag hat oft ernsthafte Absichten zur Grundlage, die Zustimmung oder Ablehnung beim Publikum finden.

So bedienen sich Künstler meist allgemein bekannter Vorurteile, des Misstrauens und profitieren dabei sogar von Hass gegen herrschende Personen oder Gruppen. Dadurch können bestehende Machtverhältnisse infrage gestellt werden. Somit ist diese gewaltfreie Form des kulturellen Widerstands sehr effektiv, um die soziale Identität abzulehnen, die durch einen dominanten politischen Akteur diktiert und den Menschen aufgezwungen wird. Deshalb gilt weiterhin, dass Humor ein sehr effektives und friedliches Mittel des Widerstands gegen Extremisten ist.

 

Darüber lacht die Welt

Wer sich im Internet auf die Suche nach Beispielen dafür macht, wird staunen, wie viele humoristische Beiträge in sozialen Medien, wie z.B. YouTube oder Twitter, zu finden sind. Doch nicht nur Privatpersonen haben sich an dieser Form des kulturellen Widerstands gegen die Terrororganisation IS beteiligt, auch große TV-Sender, wie der saudische MBC oder die britische BBC, zeigen Produktionen, mit denen sie das furchteinflößende Narrativ brechen wollen.

So portraitiert ein spöttischer Sketch der BBC, der angelehnt ist an die amerikanische Realityshow “The Real Housewives”, die angeblich frommen und sittenstrengen IS-Hausfrauen, als ähnlich einfältig, gehässig und materialistisch, wie die echten Darstellerinnen aus der amerikanischen Realityshow. Die Parodie “The Real Housewives of ISIS” spielt fiktiv in Rakka, der ehemaligen Hochburg des sog. IS-Kalifats in Syrien.

Dabei legen die Autoren dieser satirischen Sendung den gespielten IS-Hausfrauen pointierte und schwarzhumorige Sätze in den Mund, typisch britisch. So sinniert eine Figur darüber, dass es nur noch drei Tage bis zur nächsten Hinrichtung seien und sie nicht wüsste, welches Kleid sie zu diesem besonderen Anlass anziehen sollte. In der nächsten Szene präsentieren zwei Figuren ihrer Mitbewohnerin den gleichen Sprengstoffgürtel, woraufhin eine dieser beiden Frauen dies in einem confession-shot kommentiert: “Was für eine Schlampe! Sie wusste, dass ich den Gürtel vor ihr hatte. Sie muss ja alles von mir kopieren.” Dann endet dieser bitter-lustige Sketch mit der kurzen “Und sehen Sie nächste Woche”-Sequenz, in der eine der karikierten IS-Hausfrauen, die mit einer Kette an den Herd gebunden ist, erzählt: “Ali hat mir eine acht Meter lange Kette gekauft. Das ist so toll! Damit komme ich jetzt bis fast vor die Haustür.”

Mehrere Millionen Menschen haben diesen fast zweiminütigen Sketch im Netz angeklickt und gesehen. Einige Zuschauer finden diesen Sketch geschmacklos, weil sie der Meinung sind, dass man dadurch das grausame Verhalten von Terroristen verharmlose.

Wer sich aber näher mit den Spuren im Netz beschäftigt hat, die vor allem europäischen IS-Kämpfer und IS-Hausfrauen hinterlassen und damit ihre Ausreise zelebriert haben, wird schwer die Komik selbst in ihren Postings ignorieren können. Darunter findet man Postings von IS-Hausfrauen, die ihren Nachfolgerinnen empfehlen, sich hochwertige Reizunterwäsche aus der Heimat mitzubringen, weil es im Islamischen Staat schwierig sei, an so etwas heranzukommen. Oder europäische IS-Kämpfer, die in schwerer Kampfausrüstung, also mit Handgranaten und der Kalaschnikow behangen, im Schneidersitz sitzen und kleine Katzenbabys knuddeln. All dies offenbart uns durchaus eine gewisse Komik am Verhalten und an ihrer Lebensweise im sog. Kalifat. Sicherlich sind diese Postings selbst gar nicht witzig gemeint. Denn letztendlich portraitieren sie unzensiert ein Ideal, das immer mehr Menschen davon überzeugen soll, dass das Leben dort normal sei. Also dass auch dort Reizunterwäsche getragen werden kann, Katzenbabys als süß gelten und Nutella zum Frühstuck gegessen wird. So etwas darf nicht unkommentiert stehengelassen werden.

Der IS ist zweifelsfrei unmoralisch. Die brutalen Gewalttaten gegen die Menschheit sind auch keineswegs lustig. Doch die Männer und Frauen, die sich freiwillig der brutalsten Terrororganisation der Welt angeschlossen haben, sind oft ein Witz und verdienen es, ausgelacht zu werden. Die Kritik, sowohl an meinem Artikel, als auch an anderen Formaten, die sich über Extremisten lustig machen, ist deshalb so interessant, weil sie uns darüber nachdenken lässt wie ein verhältnismäßiges Gegennarrativ aussehen sollte. So komme ich zu dem Schluss:

In einer Demokratie hat niemand das Recht, gleich wie mächtig er oder sie ist, vor Spott verschont zu bleiben. Dies gilt besonders für die Feinde unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Deshalb gilt hier durchaus das Gebot des kulturellen Widerstandes durch humoristische Kriegsführung! 

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