Rezension

Das Buch der Trauer. Wege aus Schmerz und Verlust

15.08.2015 - Gesa Mentel

„Lass dich nicht von der weitverbreiteten Ansicht verleiten, eine Empfindung sei richtig oder falsch, nur weil es in einem Buch behauptet wird. Trauer war und ist immer etwas Persönliches.“ – So Jorge Bucay in seinem Buch über die Trauer.

Warum dann aber ein Buch darüber lesen, wenn das Thema so schmerzhaft ist und am Ende eh jeder für sich selbst entscheiden muss, wie er seinen Verlust verarbeitet? Die Antwort darauf ist recht einfach: Weil der Autor dem ernsten Thema eine angenehme Leichtigkeit verleiht und man beim Lesen – so merkwürdig es auch klingen mag – zwischendurch auch mal lächeln muss, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Das Buch mag ein Ratgeber mit wissenschaftlichen Fakten und philosophischen Weisheiten sein, doch fühlt man sich durch die persönlichen Geschichten und Gleichnisse und Bucays unaufdringliche Schreibweise verstanden und angenommen.

Am Anfang glaubte ich, dass es schwer für mich werden würde, mich mit dem Buch auseinanderzusetzen. Ich darf mich zu den Glücklichen zählen (wenn man es denn so nennen mag), die bisher in ihrem Leben noch keinen geliebten Menschen durch den Tod verloren haben. Doch bereits auf den ersten Seiten erklärt Bucay, dass Trauerarbeit nicht nur geleistet werden muss, um über den Tod hinwegzukommen. Er räumt selbst ein, sich in der gleichen Situation wie ich zu befinden – bis heute wurde ihm niemand aus seinem näheren Umfeld genommen. Aber nur weil einem dies noch nicht widerfahren ist, heißt das nicht, dass man noch nie das Gefühl des Verlusts durchlebt hat. Da ist der Freund, der in eine andere Stadt gezogen ist. Zwar ist er nicht vollkommen aus dem Lebensumfeld verschwunden und man telefoniert regelmäßig, aber der tägliche Kaffeeklatsch gehört jetzt der Vergangenheit an. Oder das perfekte Leben, das sich nur im eigenen Kopf abgespielt hat und das nun der harten Realität weichen muss. Selbstverständlich schenkt Bucay dem Verlust durch den Tod, speziell den des Partners oder den eines Kindes, in seinem Buch besondere Beachtung, aber auch dem Verlust durch Scheidung, dem Verlust der Jugend und der Gesundheit sind kleine Kapitel gewidmet. Letztendlich bringt Bucay die Thematik auf einen gemeinsamen Nenner: Verlust ist schmerzhaft und diesem Schmerz muss Raum und Zeit gegeben werden. Gleichzeitig muss Verlust als solcher akzeptiert werden, weil man sonst nicht weiterkommt.

Der Autor nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in die Dimensionen der Trauer ein, zeigt ihm aber auch wieder Wege hinaus. Das ist nicht einfach, aber doch möglich. Dass wir manch einen Verlust angeblich nicht überleben können, dem widerspricht Bucay gleich zu Anfang. Von der Gesellschaft und auch von den Medien wird uns weisgemacht, dass es unmöglich ist, ohne die Eltern oder den Ehepartner weiterzuleben. Ja, es ist in jedem Fall schwierig und schmerzhaft, doch können wir es überleben und daran wachsen. Bucay schafft es, einen Weg der Trauerarbeit zu zeigen, der die einen aus dem Loch der Traurigkeit zieht und die anderen, die Nüchternen, Rationalen unter uns, zum Nachdenken und Fühlen anregt. Ich gehöre zu Letzteren und nehme einiges aus dem Buch für mich und meine Mitmenschen mit. Ich kann mir nun besser vorstellen, geliebten Menschen in Trauer oder Krankheit beizustehen, worauf Bucay ebenfalls eingeht. Anstatt Standardfloskeln herunterzuleiern oder Aussagen, mit denen man glaubt, es bisher nur gutgemeint zu haben, wie „Du musst jetzt nach vorne schauen“ oder „Es ist besser so wie es gekommen ist“, ist es am besten, einfach nur zuzuhören und da zu sein.In dem Buch stehen zwar Empfehlungen, auf welche Weise und wie viel ein Mensch trauern sollte, doch ist das Wichtigste einfach, dass er trauert: „Jeder Verlust, so gering er auch sein mag, muss verarbeitet werden. Jeder. Nicht nur die großen Verluste rufen Trauer hervor; jeder Verlust ist mit Trauer verbunden.“ Deshalb kann ich auch jedem dieses Buch nur ans Herz legen. Ob man vor kurzem einen geliebten Menschen gehen lassen musste oder sich von einem jahrelangen Traum verabschiedet hat, der nur im Kopf Realität angenommen hat. Bei uns allen besteht die Notwendigkeit zu trauern, wenn wir es nur zugeben.


Jorge Bucay: Das Buch der Trauer. Wege aus Schmerz und Verlust. S. Fischer Verlag. 272 Seiten. 2015. 16,99 €.


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