Rezension

Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne.

01.02.2020 - Dr. Burkhard Luber

“Die widersprüchlichen Strukturen der Gegenwartsgesellschaft sperren sich sowohl gegen allzu schlichte Fortschrittsnarrative als auch gegen alarmistische Verfallsdiagnosen. Einfache Lösungen sind nicht zu erwarten, im Gegenteil: Wer Ambivalenzen aushalten und produktiv mit ihnen umgehen kann, ist in der Spätmoderne klar im Vorteil.” (auf dem Backcover des Buches)

 

Andreas Reckwitz, Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt/Oder hat 2017 eine eindrucksvolle Analyse der spätmodernen Gesellschaft unter dem Blickwinkel der “Fetischisierung” des Einzelnen und einzelner events vorgelegt - man könnte es die omnipräsente Kuratierung nennen, ikonisiert in der Selfie-Hype - die auch in dieser Zeitschrift bereits unter Die Gesellschaft der Singularitäten besprochen wurde.

In seinem neuen Buch “Das Ende der Illusionen” beschreibt Reckwitz nun die Spätmoderne unter gesamtgesellschaftlicher Perspektive. Er macht es sich dabei erfreulicherweise nicht einfach, verzichtet auf schnelllebige Erklärungsmuster, sondern arbeitet gleichermaßen intensiv wie extensiv, hier in sympathischer Weise Niklas Luhmann ähnlich, der sich auch stets gegen frühzeitigen Ergebniserfolgsdruck gewandt und erst einmal für eine möglichst gründliche Analyse plädiert hat. Wie Luhmann verzichtet Reckwitz dabei erfreulicherweise auf den inflationären Begriff der “Postmoderne”.

In “Das Ende der Illusionen” legt Reckwitz den Schwerpunkt auf drei Themen:

- Eine, die bisherige traditionelle Fokussierung auf die sogenannte “Nivellierte Mittelstandsgesellschaft” hinter sich lassende, neue Stratifikationssicht auf die moderne postindustrielle Gesellschaft und Ökonomie

- Den, was Reckwitz “kognitiv-kulturellen” Kapitalismus nennt und die in ihm sich ausdrückenden und agierenden Individuen

- Welche Möglichkeiten ein “einbettender Liberalismus” als Überwindung des “apertistischen Liberalismus” (beides Begriffe von Reckwitz) bietet, also eine Ablösung der zur Zeit vorherrschenden persönlichen Lebenshaltung und gesellschaftlichen Perspektive, die undifferenziert Offenheit und Flexibilität a priori immer von vornherein als gut und wünschenswert bewertet.

Im ersten Aufsatz seines Buches stellt Reckwitz die “Hyperkultur” (das Ausschöpfen der auf den globalen Märkten zirkulierende Ressourcen) zur permanenten Selbstentfaltung dem “Kulturessenzialismus” gegenüber, in dem die eigene Kultur sich gegenüber anderen definiert, abgrenzt und behaupten muss. Wenig verwunderlich stehen beide Formen der Kulturalisierung in einem latenten Konflikt miteinander. Damit sich dieses Konfliktverhältnis nicht aggressiv-bedrohlich entlädt, führt Reckwitz die Kategorie der Kultur als “das Allgemeine” ein, ein Prozess in dem immer wieder ausgehandelt werden muss, was ein Kollektiv als gemeinsam Geteiltes und Verbindliches für alle in seinem Rahmen anerkennt.

Im zweiten Aufsatz ersetzt Reckwitz den traditionellen Begriff bzw. die ihm entsprechende analytische Kategorie der nivellierten Mittelstandsgesellschaft durch eine gesellschaftliche wie ökonomische Dreiteilung:

- Eine aufsteigende, hochqualifizierte Mittelklasse von Akademiker*innen, die im Sinne einer urbanen Klasse vornehmlich in den Metropolregionen, Großstädten und Universitätsstädten lebt

- Eine stagnierende traditionelle Mittelklasse die vornehmlich in ländlichen und kleinstädtischen Regionen lebt und arbeitet (das frühere Klientel der alten SPD, B.L.)

- Eine absteigende neue prekäre Unterklasse, die nicht nur materiell unten angesiedelt, sondern auch kulturell entwertet ist: Ihre meist körperliche Arbeit ist deutlich weniger angesehen als Wissen- und Kommunikationsarbeit; harte Routinetätigkeit wird geringer bewertet als geistig-intellektuelle Innovationen. Diese soziale Entwertung führt in der Unterklasse oft zu Pessimismus und Fatalismus.

Kennzeichnend für dieses neue Gesellschaftsprofil ist die Gleichzeitigkeit von sozialen Aufstiegs- und Abstiegsprozessen und die gleichzeitig stattfindenden kulturellen Prozesse der Aufwertung und Abwertung.

Besonders interessant in Reckwitz´ Analyse ist, wie er den kulturellen Wertewandel beschreibt, der im Übergang von der industriellen zur postindustriellen Spätmoderne stattfindet. Im industriellen Zeitalter galten als Tugenden Pflichterfüllung und Selbstdisziplin, die mit Leistungsorientierung und Anpassung an Normerwartungen einhergingen. Im postindustriellen Zeitalter verlieren diese Tugenden ihren Wert zugunsten einer umfassenden kulturellen Liberalisierung. Die Menschen wollen jetzt völlig nach ihren selbstdefinierten persönlichen Bedürfnissen  leben, den Wünschen ihres Ichs nachkommen, dessen Potenziale voll entfalten und das alles so gestalten dass es für sie emotional befriedigend und subjektiv sinnvoll ist. Die individuelle Selbstentfaltung wird in der postindustriellen Spätmoderne zum maßgeblich orientierenden Leitwert.

In den zwei folgenden Aufsätzen beschreibt Reckwitz den neuen kognitiv-kulturellen Kapitalismus, der den traditionellen klassenantagonistischen Kapitalismus abgelöst hat und die Entwicklung der Hyper-Individualisierung in der Spätmoderne.

Meist vermeiden es Wissenschaftler an ihre Analysen auch Fragen der politischen Operationalisierbarkeit anzuschließen. Erfreulicherweise entzieht sich aber Reckwitz dieser Frage nach einem angemessenen neuen Gesellschaftsmodell für die Spätmoderne nicht. Dabei haben seine politische Überlegungen keinerlei deklamatorischen Charakter sondern Reckwitz leitet sie in seinem fünften Aufsatz in überzeugender Weise aus seiner Gesellschaft-Analyse der Spätmodernen ab. Dafür bezieht er sich auf den von ihm geprägten Begriff des “apertistischen Liberalismus”, der den klassischen Neoliberalismus in der Spätmodernen abgelöst hat. Apertistisch ist dieser Liberalismus, weil er auf permanente wirtschaftliche, soziale und kulturelle Öffnung und Grenzüberschreitung abzielt. Dieser apertistische Liberalismus ist laut Reckwitz in eine mehrfache Krise geraten, die mit dem üblichen links-rechts-Schema nicht mehr angemessen adressiert werden kann, und sich in dreifacher Weise manifestiert:

- Ökonomisch in einer Überdynamisierungskrise, bei dem die neue Klasse von hochqualifizierten Aufsteigern einer prekären Klasse von Absteigern gegenübersteht.

- Kulturell in einer Desintegration der Gesellschaft, in der die einzelnen Subjekt immer egoistischer ihre Rechte gegen gesellschaftliche Normen durchsetzen wollen.

- Politisch in einer zunehmenden politischen Verdrossenheit der Bürger und ein starker Vertrauensverlust für die politischen Institutionen.

Auf diese Krise des apertistischen Liberalismus konzentriert sich der überall zu konstatierende Populismus mit dessen Ziel einer nostalgischen Politik, die den vergangenen Zustand von souveränen Nationalstaaten, die regulierende Industriegesellschaft und die kulturelle Homogenität wiederherstellen soll. Das wird erwartbar schiefgehen, weil auch der Populismus sich nicht den alles bestimmenden drei Haupt-Faktoren, die die Spätmoderne prägen, entziehen kann: Der Globalisierung der Ökonomie, dem Produktionsprofil der Postindustrialisierung (Ablösung zentralistischer Strukturen) und der Pluralisierung des kulturellen Milieus.

Reckwitz sucht deshalb nach einer Lösung für die Überwindung des apertistischen Liberalismus, die sowohl den Vereinfachungen und Sackgassen des Populismus, der eine neue “Gemeinschaft” fordert, als auch den Fantasien einer überall steuerbaren und jederzeit regulierbaren Gesellschaft entgeht. Ausgangspunkt ist sein analytischer Befund, dass die spätmoderne Gesellschaft kein homogenes Kollektiv mehr ist, sondern in vielfältigen Lebensstilen pluralisiert und in neuen Klassen stratifiziert ist und ein multiethnisches Profil aufweist. Als Überwindung des apertistischen Liberalismus stellt Reckwitz sein Modell des “einbettenden Liberalismus” vor:

Der “einbettende” Liberalismus ist sowohl Sozialliberalismus, der die Illusion des apertischen Liberalismus beendet, dass gesellschaftlicher Fortschritt quasi naturwüchsig und verlustfrei über die Marktmechanismen erreicht werden könnte als auch Kulturliberalismus, der die sich verstärkt ausbreitende kulturelle Desintegration bearbeitet.

Das muss für Reckwitz auf fünf Ebenen erfolgen:

- Ein neuer Gesellschaftsvertrag, der die gesellschaftliche Notwendigkeit aller Tätigkeiten prinzipiell anerkennt und die sozialen Unterschiede zwischen ihnen abmildert

- Dem Entgegenwirken von immer stärker sich kontrastierenden räumlichen Parallelgesellschaften (Metropole vs ländliche Räume), die die naturwächsigen Marktprozesse reguliert

- Eine Grundversorgung an Infrastruktur

- Die Suche nach Grundregeln, die Anerkennung und gegenseitige Respektierung ermöglicht trotz Heterogenität der Ethnien und Lebensstile in der Gesellschaft, wobei diese Grundregeln aber nicht a priori feststehen sondern ständig neu erarbeitet und ausgehandelt werden müssen

- Eine Kultur der Reziprozität, die das ausschließliche Vertreten der subjektiven Interessen und Rechte, wie es im apertistischen Liberalismus vorherrscht, ablöst zugunsten einer Verantwortung, individuelle Vorteile  z.B. in der Bildungssozialisation, in der staatlichen Alimentierung und in der Reichtumsakkumulation durch ein angemessenes Engagement in der Gesellschaft zu honorieren; ein Verhaltensstil, der rechtlich nur bedingt zu regeln ist, sondern in die Auffassung hineinreicht, was ein politisches Gemeinwesen ausmacht.

Ob ein solches neues Paradigma gelingt ist natürlich offen. Fest steht nur, dass der klassische Begriff der Fortschritts, der uns seit der Aufklärung als Maßstab der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung dient, im 21. Jahrhundert so nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Das neue Buch von Reckwitz ist in der Gegenwartsanalyse brilliant und beschreibt zusätzlich überlegenswerte praktische politische und gesellschaftliche Alternativen zu den schwerwiegenden Problemen des gegenwärtigen apertistischen Liberalismus. Es ist ein dicht geschriebenes Buch, das hohe Aufmerksamkeit verlangt, auch wenn Reckwitz freundlicherweise der/dem Leser*in schon gleich in seiner Einleitung ausdrücklich freistellt, wie sie ihre Lektüre organisieren wollen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es verlegerisch, aber auch unter Lektorats-Aspekten unverständlich, warum für dieses dicht geschriebene Buch nicht ein Sachregister generiert wurde, was auf dem IT-Stand heutiger Textproduktion ja ohne viel Aufwand, weil automatisch, hätte erfolgen können und den Leser*innen die Möglichkeit, schneller und besser Querverbindungen zwischen den fünf Aufsätzen herzustellen, ermöglicht hätte. Ein ärgerliches Defizit, das bei der nächsten Auflage des Buches unbedingt korrigiert werden sollte.

Dankenswerterweise gleicht Reckwitz dieses verlagstechnische Defizit durch die überaus feinmaschiger Gliederung seines Textes, die immer wieder mit der Hilfe von Aufzählungen bei der Argumentation arbeitet, in guter Weise aus, so dass zusammen mit dem erfreulicherweise sehr ausdifferenzierten “Ausführlichem Inhaltsverzeichnis” am Ende des Buches der Leser doch gut in der Publikation navigieren kann.

Außerdem helfen die eingestreuten konkreten Beispiele des Autors aus der Wirtschaft und Gesellschaft seine analytischen Argumentationen besser zu verstehen. Besonders eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang, wie Reckwitz das Beispiel eines Nike-Laufschuhs vorstellt und zeigt, dass dieser keineswegs ein simples Nur-Lauf-Produkt darstellt, sondern erhebliche “kulturelle” und identifikatorische Elemente mit sich führt.

Einige m.E. Leerstellen, die die Brillanz der Ausführungen von Reckwitz keineswegs in Frage stellen, aber doch genannt werden sollen:

Reckwitz fokussiert bei seinen Analysen in erster Linie den Weltnorden, sicher aus dem Befund, dass sich in dessen Politik und Ökonomie dort die Spätmoderne am drastischsten entfaltet. Sofern er überhaupt andere Teile der Welt in den Blick nimmt, sind es aufsteigende Großmächte wie Indien und China, oder auch die sog. “Tigerstaaten” Asiens. Eigentümlich ist in diesem Zusammenhang bei Reckwitz die Leerstelle Afrika (auch - fast gänzlich - unadressiert: Südamerika). Natürlich, Reckwitz schreibt für ein Publikum im Weltnordern, aber bei seiner Neu-Justierung der gesellschaftlichen Stratifizierung auch unter mondialen Gesichtspunkten sollte m.E. der besonderen Prekariats-Situation der afrikanischen Gesellschaften und Ökonomien im Weltkapitalismus doch einen wichtigeren, analytischen wie empirischen Stellenwert zuerkannt werden als die nur einmal auftauchende allgemeine Referenz (auf S. 71). Dies scheint mir umso wichtiger zu sein, weil bei Reckwitz punktuell die, durchaus geläufige Perspektive vorherrscht, dass der Weltsüden durchweg als mondialer newcomer auftaucht, der sich zwingend in seiner Orientierung auf dem Weg zum Weltnorden befindet. Zu dem Befund von Reckwitz auf Seite 17 und 18, dass sich Weltnorden und Weltsüden immer mehr aneinander angleichen, passt der Pauperismus Afrikas kaum (dass es dort auch aufsteigende Metropolen wie zB Johannesburg oder Nairobi gibt, soll dabei nicht übersehen werden).

Auch wenn sicherlich die Digitalisierung nicht als überall wirksames Heilmittel und allfälliger “Glücksbringer” apostrophiert werden sollte, sind aber die auf Digitalisierung beruhenden Arbeitsprozesse gerade im internationalen Rahmen vielleicht doch noch nicht voll ausgeschöpft, wie sie z.B. in The Great Convergence von Richard Baldwin (in dieser Zeitschrift bereits besprochen) entworfen werden.

Und noch eine Anmerkung: Weil Reckwitz in seiner Analyse sehr oft von Gewinnern und Verlieren spricht, wäre es vielleicht nicht abwegig die Spätmoderne auch unter spieltheoretischen Aspekt des Nullsummenspiels = die Gewinne der einen Gruppe sind automatisch die Verluste der anderen, zu betrachten. Damit könnte der von Reckwitz im letzten Aufsatz propagierte “einbettende Liberalismus” vielleicht einen zusätzlichen Aspekt erhalten: Wie werden die gegenwärtigen win-lose Situationen zugunsten von win-win Situationen überwunden, in denen zumindest schnittmengenartig gemeinsame Interessen unterschiedlicher Gruppen in der Gesellschaft verfolgt werden.

Unabhängig von diesen diskreten Einwänden, bleibt festzuhalten, dass Reckwitz (erneut) eine brillante Gesellschaftsanalyse gelungen ist, die weit über die traditionellen, mit Dichotomien operierenden Erklärungsmuster wie KIassen (im marxistischen Sinne), Links vs Rechts, oder Populismus vs Globalisierung hinausgeht. Der nicht immer leicht zu folgenden Diktion (die aber durchgehend durch gute Gliederungselemente im Text kompensiert wird) steht ein erheblicher Erkenntnisgewinn gegenüber, weil Reckwitz die neuen, oft von uns nur diffus wahrgenommen Einzelphänomene der Spätmodernen präzise benennt und analysiert. Es bleibt zu hoffen, dass sein abschließendes Modell eines “einbettenden Liberalismus” auch Eingang in die aktuelle politische Debatte findet, die ja oft entweder von gesellschaftsanalytischem Unvertändnis oder - schlimmer - von populistischen “Lösungen” für die Probleme des 21. Jahrhunderts geprägt ist.

Das Ende der Illusionen

Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Edition suhrkamp 2735. 3. Auflage 2019. 306 Seiten. 18 Euro


 

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