Rezension

Das europäische Jahrhundert

15.01.2019 - Dr. Burkhard Luber

“Die Hurrapatrioten haben den großen Schnabel auf und hausen in den Straßen nach Herzenslust, ohne dass die Polizei sich darum kümmert, ob der Verkehr dadurch gestört wird oder nicht. Wir werden gewarnt vor Umzügen, und die können machen, was sie wollen, bloß weil die für den Krieg sind und die ´Wacht am Rhein´ singen.” (Ein Arbeiter in einer Hamburger Kneipe, Juli 1914 - S. 962)

 

 

Es geht im “Europäischen Jahrhundert” um Macht. Daran lässt Richard Evans, bis 2017 Professor für Neuere Geschichte an der Cambridge University, keinen Zweifel. Aber geht es nicht immer um Macht in der Geschichte? Was also ist das Besondere der europäischen Epoche von 1815 bis 1914? Da ist zum einen die bi-polare Universalität der Macht in diesen hundert Jahren. Auf der einen Seite die Staaten, ihre Regierungen, die Armeen, die Banker und Industriellen - auf der anderen Seite die Revolutionäre, die die Machthaber in frage stellten, die Leibeigenen die sich emanzipierten, die Frauen, die sich von den Konventionen der Männerherrschaft befreiten. Macht war im 19. Jahrhundert an die Stelle von Ruhm und Ehre getreten und es begann die mondial Vormachtstellung Europas. Das monumentale Werk von Evans ist aber nicht auf Politik und Wirtschaft verengt, ein großer Raum nimmt bei ihm auch die Kulturgeschichte ein.

In den ersten Kapiteln widmet sich der Autor den prägenden Faktoren der nachrevolutionären Zeit seit 1789: Die im Wiener Kongreß besiegelte Restauration nach dem Sieg über Napoleon, der Aufstieg Europas in der Welt, gefestigt durch seinen Kolonialismus, der Abstieg des Osmanischen Reichs, später die prägende Politik Bismarcks, die staatliche Einigung Italiens und Deutschlands. Diese politischen Faktoren werden von Evans nicht isoliert betrachtet, sondern in engen Zusammenhang zu Faktoren von Wirtschaft und Technik gesetzt: Dieses Jahrhundert ist auch das Jahrhundert von Dampfschifffahrt und Eisenbahn, Telegraphen, Fahrrad, Automobil und Flugzeug. Es ist auch die erste Phase der Globalisierung mit Vereinheitlichung der Maßeinheiten und der Zeitmessung. Und es ist eine Epoche wachsender Politisierung durch Zeitungen und politische Clubs, aber auch mit revolutionären Attentaten (Sarajewo!). Verschiedene Ideologien wie Liberalismus und Sozialismus kämpfen um die politische Vorherrschaft und das Engagement für mehr Frauenrechte in einer bislang maskulin dominierten Gesellschaft beginnt. Staatliche Interventionen wie die Abschaffung der Leibeigenschaft und die  Politik des Wohlfahrtsstaates schaffen ein Gegengewicht zu Umsturzversuchen. Aber dennoch endet das Jahrhundert des Imperialismus im großen Krieg, mit wenig Kriegsbegeisterung derer, die Opfer der diversen imperialen Strategien wurden und darunter leiden und sterben mussten (siehe das Eingangszitat).

Richard Evans präsentiert eine umfassende Sicht auf das 19. Jahrhundert. Die politischen Geschehnisse nehmen dabei einen wichtigen Raum ein, aber sie sind dabei nicht dominant. Evans würdigt ebenso eingehend die technischen und kulturellen Umbrüche in diesen hundert Jahren. So wird sein Werk zu einer Universalgeschichte Europas in bester Qualität.

 

Bildergebnis für Das europäische Jahrhundert: Ein Kontinent im Umbruch - 1815-1914

Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 - 1914. 1023 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt. 48 Euro


 

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