Gesellschaft

Das freundliche Gesicht des Bösen

01.01.2021 - Mohammad Saboor Nadeem

Je mehr ich über die Motive von Menschen recherchiere, die zu gewaltbereiten Extremisten werden, stoße ich in unterschiedlichen Aufsätzen stets auf pathologische Ansätze als Erklärung für ihr Verhalten. Daraus leiten dann auch Behörden, Politiker und Geheimdienste Maßnahmen zur Bekämpfung von Extremismus ab. Oft stellen sie den Weg der gewaltbereiten Extremisten so dar, als hätten sie keine andere Chance im Leben gehabt, als zu Extremisten zu werden.

Nach jedem Terroranschlag wird immer wieder nach dem Motiv gefragt. Die am häufigsten gestellte Frage lautet: Warum werden Menschen zu gewaltbereiten Extremisten? Die Antworten auf diese Frage sind nicht einfach und genauso vielfältig und individuell, wie es Extremisten gibt.

Unzählige Experten und Politiker lassen dann ihren Meinungen freien Lauf, ohne dass sie in ihren generellen Aussagen aktuelle empirische Studien berücksichtigen. Auch der wissenschaftliche Diskurs in Deutschland konnte sich noch nicht ganz von diesem Gedanken befreien. So wird versucht, das Verhalten von gewaltbereiten Extremisten immer auch ein Stück weit zu relativieren. Doch die persönlichen Motivationen einer Person können nicht immer aus den gesellschaftlichen Verhältnissen abgeleitet werden. So entsteht am Ende immer wieder der Eindruck, dass Terroristen entweder psychisch krank oder Außenseiter der Gesellschaft seien, die von äußeren Umständen dazu gezwungen worden sind. Manchmal ist das Motiv für eine Gewalttat viel dunkler, schandhafter und bizarrer oder moralisch so sehr verwerflich, dass, wenn sie darauf angesprochen oder zur Rechenschaft gezogen werden, in Ausreden flüchten oder es leugnen, als dass sie es sich selber erklären könnten. Laut empirischen Untersuchungen fallen gewaltbereite Extremisten oft in diese Kategorie. Manchmal handeln Menschen, ohne zu wissen warum sie es tun.

Dass das Problem aber größer wird, so dass kognitiver Extremismus plötzlich durch alle Gesellschaftsschichten hindurchgeht, zeigt, dass Antworten, die Extremisten als Außenseiter oder psychisch krank erklären, unbefriedigend sind. Der öffentliche Diskurs muss neu ausgerichtet werden, indem wir nach dem “Wie” fragen, anstatt nach dem “Warum”. Wer anfängt, nach persönlichen Motiven zu suchen, wird sich eher verlaufen und schneller nach pathologischen Erklärungsmustern greifen und zu unbefriedigenden Ergebnissen kommen. Dieses Muster ist z.B. immer wieder nach einem Terroranschlag zu erkennen. Wir sind geschockt, fassungslos und begreifen die Welt nicht mehr.
Wer sich dann aber mit den konkreten Umständen beschäftigt, wird intellektuell eher nachvollziehen können, dass Extremisten und extremistische Organisationen sich als revolutionäre Bewegung verstehen, die mit ihrem Narrativ viele normale Menschen ansprechen.

Dafür benutzen extremistische Organisationen moderne Mittel und sprechen mit ihrem Narrativ menschliche Emotionen, Wünsche, Bedürfnisse und Ängste an, die viele von ihren Sympathisanten teilen. Damit können sie dem gewöhnlichen Alltag einen Sinn geben. Dies erklärt auch, warum viele Menschen verschiedener Couleur in extremistischen Milieus, vom Professor bis zum jugendlichen Schulabbrecher, zu finden sind. Aber nur äußerst wenige von ihnen werden gewaltbereit.

Manche Diskussionen und Berichterstattungen zeigen, dass Nachbarn, Freunde oder Angehörige besonders gewaltbereite Extremisten im Nachhinein als ursprünglich nett, hilfsbereit und freundliche Wesen portraitieren, die über Nacht zu Monstern mutiert seien. Da ist es für den öffentlichen Diskurs sicherlich naheliegend, zu fragen, warum diese ursprünglich “netten” Personen plötzlich zu gewaltbereiten Extremisten geworden sind. Damit ist der Gesellschaft aber nicht geholfen zu verstehen, wie es dazu kam. Indem wir dann auch noch diese Extremisten aus unserer Gesellschaft subtrahieren und sie nicht mehr als Menschen, die mit und unter uns leben, sehen, sondern sie als sadistische Monster betrachten, machen wir sie erst im Nachhinein zu Außenseitern. Extremisten aber leben in derselben Gesellschaft und Realität wie wir. Und, um es mild zu formulieren, fordern sie genau die sozialen und moralischen Normen und Werte heraus, auf die sich unsere Gesellschaft im Grundgesetz geeinigt hat. Die Frage muss dann gestellt werden, welche Gründe gibt es in unserer Gesellschaft, dass Menschen anfangen grundlegende Werte in Frage zu stellen.

Sie alle sind Teil unserer Gesellschaft, in der sie sozialisiert worden sind. Sie gehen in dieselben Schulen, nutzen dieselben Medien und haben denselben Tagesablauf, wie die meisten von uns. Doch dann passiert etwas. Sie radikalisieren sich und fangen an, diese Gesellschaft abzulehnen, in der sie aufgewachsen sind. Einige wenige von ihnen sogar so sehr, dass sie mit aller Gewalt gegen diese Gesellschaft vorgehen, um ihrer Abneigung Ausdruck zu verleihen. Die Mehrheit der Extremisten erwächst aus unserer Mitte, die dann unsere Identität, Werte und unseren Zusammenhalt infrage stellen.

Ich gebe zu, es fällt unserer Ratio schwer, die Bösen im Arendtschen Sinne als “normal” zu verstehen. Und genau aus diesem Grund neigen wir eher dazu, Extremisten im Nachhinein zu entmenschlichen, sie auszuschließen und zu doppelköpfigen Monstern zu machen. Es zeigt, wie verzweifelt wir im Grunde sind, indem wir in der Art und Weise, wie wir über Extremisten sprechen, ihnen ihre Menschlichkeit ab- und von uns freisprechen. Diese Taktik hilft uns in Wirklichkeit nur dabei, unsere Gewissensbisse zu reduzieren, damit sie uns nicht länger plagen, um dann schnell wieder zu vergessen, dass weitere Extremisten aus unserer Mitte erwachsen. Zumindest solange, bis ein weiterer Extremist gewaltbereit wird.

Weil es eben so schwierig ist, die tief in einem Menschen liegenden Wünsche und Emotionen zu begreifen und seine Motive zur erraten, sollten wir eher fragen:
Wie kommt es dazu, dass Menschen extremistischen Organisationen beitreten? Welche sozialen Netzwerke haben dazu beigetragen? Und wo und wie treten diese Netzwerke auf? Diese Fragen zum Beispiel beschäftigen sich mit konkreten anfänglichen Umständen für gewaltbereiten Extremismus und nicht mehr mit der inneren Verfassung eines Extremisten. Sie sind nicht nur leichter zu beantworten, sondern helfen auch der Bevölkerung, den graduellen Prozess, also Radikalisierung, besser zu verstehen und wachsamer auf die gesellschaftlichen Entwicklungen zu schauen. Bei einer Radikalisierung ist es unglaublich schwer, ihren Beginn und das Ende zu erkennen. Es darf nicht von der Idee ausgegangen werden, dass bestimmte Faktoren, wie bei einer Fließbandproduktion, zusammenkommen, damit am Ende ein Extremist daraus wird. Extremisten sind keine Objekte, sondern Menschen mit radikalen Ansichten. Eine Lösung für dieses sicherlich schwierige Problem können wir nur dann gemeinsam finden, wenn die Gesellschaft dazu bereit ist, ihren bisherigen Umgang mit dieser Thematik zu hinterfragen.

Wir sollten eher integrative Gespräche darüber in unseren sozialen Milieus fördern und damit gleichzeitig den Ursachen der Radikalisierung entgegenwirken. Denn so sind wir auch schneller in der Lage zu analysieren was in unserer unmittelbaren Gesellschaft falsch läuft, wenn plötzlich Menschen, die uns umgeben, sich immer mehr trauen, verfassungsrechtliche Werte und Normen, durch Wort und Tat, infrage zu stellen. Es wird uns mit diesen Fragen eher gelingen, extremistische Netzwerke aus unserer Mitte aufzudecken und so langfristig jenen Extremisten das Handwerk zu legen, die offensichtlich vor unseren Augen neue Anhänger rekrutieren bzw. andere mit ihrem verfassungsfeindlichen Gedankengut für sich gewinnen. Dabei wird ebenso deutlich, wie entscheidend Arbeitskollegen oder Freundschaften, also soziale Netzwerke, im Radikalisierungsprozess sein können. Das Böse bleibt böse, so kann aber das Gesicht des Bösen durchaus sehr freundlich wirken.

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