Reflexionen

Das gläserne Schauspiel

01.09.2019 - Tooba Qaiser

Es ist fast so wie jedes Mal und kein Mal. Die kühle Nachtluft, das Tosen des Meeres, die gefährlichen Klippen und die Einsamkeit üben ihre zeitlose Macht auf ihren Geist aus. Als ob diese Naturgewalten nur darum geschaffen wurden, dem Menschen seine Nichtigkeit vor Augen zu führen. Eine transzendente Ruhe lässt die Luft in eine sinnsuchende Melodie schwingen an deren Klang das Herz Trost und Hoffnung findet. Sie weiß, dass diese Momente kostbar sind. Sie weiß, dass sie verheißungsvoll sein können, wenn sie es zulässt. Und doch müssen unzählige Menschen vor ihr diese Aussicht genossen haben. Ob sie wohl wussten, dass sie zu ihrer Existenz einen Schatz hinzugefügt haben? Eine neue Dimension? Kann man denn nach Anblick solcher Manifestationen von absoluter Schönheit, Pracht und Ehrfurcht gewöhnlich weiterleben? Wie lebhaft und berauschend das Kräftewirken der Natur hier auch sein mochte, auf ihre Gefühlswelt hatte dieses Schauspiel stets eine sedierende, ernüchternde Wirkung. Für sie musste es einfach Schauspiel sein, so perfekt, harmonisch aufeinander abgestimmt. Als wäre es ein Zauber und sein Künstler weilte hinter einer gläsernen Mauer, gebaut aus unserer Realität. Und doch ist es kein Zauber, sondern ein Schauspiel der Wirklichkeit, mit der Macht den Menschen von den Fesseln seiner von ihm selbst geschaffenen Illusionen zu befreien (z.B. Scheinfreuden etc.).

Sie spürt wie die Stille dieser einzigartigen, sternenklaren Nacht ihr ganzes Wesen liebevoll umhüllt, sie vom Lärm narzisstischer Eitelkeiten befreit und den verborgenen Sehnsüchten und Gefühlen ihres Herzens eine Stimme verleiht. Eine Stimme, deren Macht wir tagtäglich fürchten, die wir unterdrücken und vor ihr flüchten in die Welt der Illusionen und des Materialismus. Eine Stimme, die ganz leise fragt, aber einem Erdbeben gleich alle unsere Perspektiven und Gedanken zum Wanken bringt. Wollen wir denn nicht alle ganz tief in unserem Inneren mehr über die wahre Essenz unserer Existenz erfahren? Ist es nicht so, dass uns unsere blinde, egozentrische Lebensweise, die nur den physischen und intellektuellen Oberflächlichkeiten frönt, wie eine leblose, trockene Wüste erscheint? Ist es nicht so, dass wir ganz tief in unserem Herzen wissen, dass wir nach einem Quell dürsten, der unserer trockenen Existenz eine tiefere Dimension zu geben vermag? Wir wissen, dass wir mit jedem Tag unserem eigenen Tod näherkommen und doch verdrängen wir diese sinnstiftende Erkenntnis, nur um dann bereits im Leben tot zu sein.

„Mein Geist umgeben
Von Allmacht pur,
Mein ganzes Leben
Ein Schauspiel nur.“

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