Rezension

Das gute Leben für alle - Wege in die solidarische Lebensweise

01.05.2019 - Judith Rötgers & Louisa Bäckermann

„Die imperiale Lebensweise mutet den Menschen viel zu – auf unterschiedliche Weise. Sie können also gemeinsam daran interessiert sein, etwas zu verändern. Dort, wo die imperiale Lebensweise alltägliche Probleme erzeugt und dort, wo Ungerechtigkeiten wahrgenommen werden, können Menschen zusammenfinden und solidarische Alternativen entwickeln.“ (S. 80)

Wie kann der Übergang zu einer solidarischen Lebensweise gelingen? In „Das gute Leben für alle“ arbeitet das I.-L.A.-Kollektiv Visionen für eine Gesellschaft aus, die Antworten auf die sozialen, politischen und ökologischen Fragen unserer Zeit geben sollen. Das Buch will zeigen, dass eine Lebensweise fern jeder Ausbeutung denkbar und machbar ist. Dafür stellen die Autor*innen zunächst eine Diagnose des gegenwärtigen Zustands an: Was für viele von uns selbstverständlich geworden ist – per Billigflieger zum Kurzurlaub in den Süden zu fliegen, tropische Früchte zu jeder Jahreszeit zu essen oder ein Eigenheim mit Garten zu besitzen – ist nur möglich, da die Kosten ausgelagert und Umwelt und Menschen anderswo ausgebeutet werden. Global gesehen kann nur eine Minderheit dieser Lebensweise nachgehen, die wegen des enormen ökologischen Fußabdrucks nicht verallgemeinerbar ist. Bereits in ihrem ersten Buch „Auf Kosten anderer?“ analysierte das Kollektiv die Hintergründe und Rahmenbedingungen dieser „imperialen Lebensweise“. Das nun erschienene Buch legt mit Vorschlägen und Visionen für eine gerechtere Gesellschaft nach und schließt damit nahtlos an das Erstlingswerk an. 

Gefordert wird in „Das Gute Leben für alle“ nichts weniger als ein Bruch mit der jetzigen Form des Lebens und Wirtschaftens. Damit verbunden ist auch ein ganz neues Verständnis von Wohlstand, der als Lebensqualität, Zeit, Miteinander von Mensch und Umwelt, Muße und Genuss umgedeutet wird. Unter dem Schlagwort der „realen Utopien“ zeigen die Autor*innen dafür konkrete Alternativen in den verschiedenen Lebensbereichen und benennen zahlreiche Beispielprojekte, die sich schon jetzt der imperialen Lebensweise im Kleinen und Großen widersetzen:  von der solidarischen Landwirtschaft über Repair-Cafés bis Wohnungs- und Energiegenossenschaften. Damit wird auch deutlich, dass sogenannte Scheinlösungen wie die „Green Economy“ ihre Gültigkeit einbüßen und nicht für wahren Wandel sorgen – schließlich führen diese die Ausbeutungslogiken des jetzigen Systems unter anderen Vorzeichen fort.

„Es gilt, einen Wandel gleichzeitig in Alltag, in Institutionen und in Infrastrukturen einzuleiten."  
Stattdessen muss es den Autor*innen nach ans Eingemachte gehen: Der wichtige Beitrag des Buches ist es, dass es die Lösungen nicht nur im korrekten individuellen (Konsum-)Verhalten, sondern vor allem auf struktureller Ebene verortet. Die solidarische Lebensweise ist damit nicht allein durch den Einzelnen erreichbar. Nötig ist vor allem ein Wandel in politischen Strukturen und Infrastrukturen, der die solidarischen Einzelprojekte aus ihrem Nischendasein holt. Dazu gehören für die Autor*innen auch „mentale“ Infrastrukturen, also Glaubenssätze, die fest in unseren Köpfen verankert sind und alternative Lebensweisen undenkbar erscheinen lassen. Dass das nicht nur auf einer abstrakten Utopieebene verhaftet bleibt und konkret wird, liegt daran, dass verschiedene Lebensbereiche abgearbeitet und Beispielprojekte eingeflochten werden. Stark ist insbesondere, dass Sorgetätigkeiten begrifflich entstaubt und als tragende Säule für andere Lebensbereiche identifiziert werden: Tätigkeiten wie die Arbeit im Haushalt oder die Pflege von alten Menschen und Kindern gelten dem Kollektiv als Fundament für unsere Gesellschaft, auf dem alle anderen Bereiche aufbauen. Der Debatte um gesellschaftliche Alternativen gibt das durchaus einen frischen Impuls.
Dazu trägt auch das Bemühen um eine verständliche Sprache bei, bei der ein gewisser links-akademischer Duktus allerdings durchscheint. Dieser lässt vermuten, dass sich das Heft an ein durchaus links-ökologisch-informiertes und westliches Publikum richtet. Die Zusammensetzung der Autor*innenschaft, im Fall des I.L.A.-Kollektivs vorwiegend akademisch und weiß, bestimmt zwangsläufig den Tonfall, in dem Utopien kreiert und Schwerpunkte für eine neue Gesellschaft ausgewählt werden. Dies ist den Autor*innen zwar bewusst, denn sie weisen in ihrer Selbstpositionierung darauf hin. Dennoch wird dadurch der Anschein erweckt, es gäbe nur eine bestimmte Art solidarischen Zusammenlebens: Mit eigenverantwortlichen Individuen, die ihre Gebrauchsgüter in Repair-Cafés bringen, ihr Gemüse vom Acker der SoLaWi holen und sich die restliche Zeit im Energierat des Ortes engagieren. Die hoffnungsvolle, dabei leider ein wenig zu rund anmutende Wortwahl lässt vermuten, dass der Schritt aus der eigenen Blase heraus doch nicht so leicht ist.

Diese Schwäche kennen die Autor*innen jedoch selbst und fordern daher ganz richtig von unterschiedlichen Bewegungen, aus ihrer Komfortzone auszutreten und in den Dialog mit anderen Gruppen zu gehen. Dass häufig linke Gruppierungen dies nicht tun, ist eine berechtigte und wichtige Kritik. „Szene-Sprech auf Flyern und Plakaten“ zu vermeiden, moralisierenden Haltungen durch mehr Kontakt auf Augenhöhe mit Menschen außerhalb der Szene Einhalt zu gebieten oder Nachbarschaftstreffen zu organisieren [vgl. S. 87] sind konkrete Vorschläge dafür, wie Bewegungen es schaffen können, „außerhalb ihrer Blasen [zu] wachsen und Bande mit anderen [zu] knüpfen“ [S. 87].

Die Verwendung der Sprache bringt jedoch mit sich, dass sich einige Formulierungen und Beispiele wiederholen. Mit Spannung in einem Rutsch lässt sich daher das Buch nicht durchlesen. Umso besser eignet es sich als Nachschlageheft und zum Lesen einzelner Kapitel, um Anregungen zu einem bestimmten Themenbereich zu suchen. Will man sich z.B. schlau machen, wie man das hiesige Energie-System fairer gestalten könnte, so ist das Kapitel in sich geschlossen und gehaltvoll dargestellt. Die Links am Seitenrand ermöglichen die Nachrecherche und detailliertere Auseinandersetzung von solidarischen Alternativen. So navigiert uns das Buch durch eine Landschaft von konkreten Utopien, die bereits existieren. Ebenso kennt das Kollektiv die Vielfältigkeit an Formen von Strategien und Protest, die nötig sind und die es häufig betont. Schön wäre es aber doch gewesen, hätten auch noch ein oder zwei verwunderlichere, nicht zu erwartende Strategien wie alltägliche Solidarität, den Weg in das Buch gefunden. Denn im Unerwartbaren, nicht zu Berechnenden und damit unmöglich Verwertbaren konkreter Lebensentwürfe liegt doch die Möglichkeit, solidarische Argumente über derzeitige Profitlogiken hinwegzusetzen.

Schade ist auch, dass die Anstöße, die einzelnen Lebensbereiche solidarisch zu gestalten, stellenweise inhaltlich zu vage behandelt werden. Das lässt sich sicherlich durch das vergleichsweise kurze Format für ein so komplexes Themenspektrum rechtfertigen, das mehr die Breite als Tiefe abzubilden vermag. Daran stößt sich die Leserin besonders bei der Konturlinie „Demokratie“, innerhalb derer Forderungen an Umverteilung und ständige Aushandlungen gemacht werden, die allerdings wenig über wohlklingende Worte hinauskommen. Es ist kaum denkbar, einem Satz wie „Alle Menschen, die von einer Entscheidung betroffen sind, können mitbestimmen.“ [S. 19] zu widersprechen. Ecken und Kanten von basisdemokratischen Aushandlungen und Bürgerbeteiligung, die in einer globalisierten Welt sicher kein leichtes Unterfangen sind, werden aber leider umgangen. Wie kann Teilhabe an demokratischer Aushandlung konkret aussehen und ist Bewegung von unten immer nur gut? Wie kann sichergestellt werden, dass Ungleichheiten dabei fair ausbalanciert werden, dass nicht stets die gleichen Stimmen nur reden? Welche Entscheidungen können auf welcher geographischen Skala diskutiert und getroffen werden? Und gibt es nicht auch gegenwärtige Ansatzpunkte, beispielsweise auf lokalpolitischer Ebene, in denen jetzige Infrastrukturen genutzt werden können, um Wandel herbeizuführen? Das alles sind zentrale Fragen, die einer Diskussion wert sind. Über Demokratie nachdenken ist gerade in Zeiten, in denen EU-Skepsis en vogue und autoritäre Forderungen von rechts viel zu laut sind, eine große Herausforderung, die sich nicht mit dem Schlagwort Demokratisierung aller Lebensbereiche so einfach lösen lässt. Hierfür bräuchte es aber womöglich ein Extra-Heft, das sich nur diesem Thema widmet.

„Die solidarische Lebensweise ist möglich und machbar“ [S. 11] ist eine Aussage, die zurzeit so vielen nur zögerlich über die Lippen geht im Angesicht von schier unüberschaubaren Verstrickungen und der bis dato ungebremst erscheinenden Macht von großen Konzernen. Beim Lesen dieses Buches wird diese Vision jedoch wieder greifbarer und wartet darauf, mit Leben gefüllt zu werden – mit solidarischen Ideen, die wir noch gar nicht denken können, Klar wird dabei, dass wir uns nicht mit einer entpolitisierenden Fairtrade-Werbung, Elektroautos für den umweltbewussten Bürger oder grünen Konsumentscheidungen [im Buch nennen die Autor*innen es „Scheinlösungen“] zufriedengeben können. Gleichzeitig wird die Verantwortung aber auch nicht nur auf Big Players wie internationale Konzerne oder eine abstrakt-allmächtige Politik geschoben: Der herausragende Verdienst des Buches ist zu zeigen, dass Einzelne verantwortlich und mächtig sind, jedoch nicht reduziert auf Konsument*innen, sondern als politisch wirkende Individuen.
 
Das Kollektiv schafft es dadurch, die „vermeintliche[n] Alternativlosigkeiten“ des neoliberalen Systems [S. 79, vgl. S. 91] radikal in Frage zu stellen und eine Richtung vorzuschlagen, welche Konturen wir für ein solidarisches Miteinander-Leben brauchen. Das Heft besticht dadurch mit einer ansprechenden und lesefreundlichen Aufmachung und ist begleitet von Skizzen und Schaubildern in einer undogmatischen Farbgebung, die ohne Signalfarben oder ungewollt wertende Assoziationen auskommt. Positives Denken und Mut zur Kreativität  schwingen in den Zeichnungen mit, die Vielfalt visualisieren sollen.
Insgesamt bleiben die konkreten Schritte, die für einen kulturellen Wandel der Ansprüche und des Bewusstseins nötig werden, zwar wenig transparent und verlieren sich zu oft in allgemeinen Forderungen. Aber das ist vielleicht auch zu viel verlangt. Dem immer wieder im Buch formulierten Anspruch, ein Diskussionsanstoß zu sein und den eigenen Denkraum zu erweitern, wird das Buch in jedem Fall gerecht. Denn das Buch beschreibt die Schritte, die es braucht, um die imperiale Lebensweise Schritt für Schritt zu ersetzen und bietet Hilfslinien in Form von zahlreichen Beispielprojekten und Anknüpfungspunkten, an denen sich entlang gehangelt werden kann.

Wir dürfen gespannt sein, was die nächste Schreibwerkstatt des I.L.A.-Kollektivs nachlegen wird, die ruhig ein wenig kantiger daherkommen darf, ihre positive und motivierende Stoßrichtung aber keineswegs einbüßen sollte.

Bildergebnis für Das gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise


I.L.A. Kollektiv (Hg): Das gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise. Oekom Verlag, 122 S., 20 Euro, 2019




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