Attentat von Neuseeland

Das hat nichts mit unseren Medienmachern zu tun?

18.03.2019 - Khola Maryam Hübsch

Nach islamistischen Terroranschlägen wird von Muslimen gefordert, selbstkritisch zu sein. Es ist nun an Zeit zu fragen, was Medienschaffende mit dem Massaker in Neuseeland zu tun haben.

Es ist eine kleine Geste und doch berührt sie dieser Tage auf besondere Weise. Vor der Ahmadiyya-Moschee in Frankfurt hat jemand einen Strauß Blumen abgelegt, daneben eine Kerze angezündet auf der steht: Wir stehen zusammen. Ein christliches Kreuz, ein Herz und ein Halbmond rahmen den Schriftzug. Auf einmal geht es. Muslime gehören dazu, sind im „Wir“ ausdrücklich mitgemeint. Wenn das grausame Massaker in Christchurch eines deutlich gemacht hat, dann dies: Dass die Trennlinie nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen verläuft, sondern zwischen menschenverachtenden Ideologen auf der einen Seite und empathiefähigen Humanisten auf der anderen. 

Es ist ein brüchiges „Wir-Gefühl“, das da beschworen wird. Denn über weiße Terroristen wird anders berichtet, als über muslimisch-stämmige. In England bemüht ein großes Boulevardblatt die Familiengeschichte der Massenmörder; menschelnd wird vom am Krebs verstorbenen Vater des blonden Täters erzählt. Solche Stories verbreiten Informationen, die für die Nachricht nicht relevant sind, sie sind damit nicht einfach neutral. Es sind indirekte Relativierungen, die einem barbarischen Akt ein menschliches Antlitz zu geben suchen. Obwohl keine tragische, noch so traumatisierende Biografie eine Erklärung sein kann für einen Terroranschlag, wird hier doch ein Frame gezeichnet, der suggeriert: Die Tat ist der individuellen, schweren Vorgeschichte einzelner Akteure geschuldet, die emotional vorbelastet in falsche Milieus geraten sind. Diese Art der Rahmung, das Narrativ des verblendeten, durchgeknallten, psychisch Kranken, der ein lone wolf, ein Einzeltäter ist, ist nicht neu. Ob es um den Norweger Anders Breivik oder den Münchener Attentäter von 2016 ging: Sie galten zunächst als Amokläufer ohne politisches Motiv. Es gibt vielleicht keine einheitliche Organisation, der sie angehören, doch was sie sehr wohl vereint ist eine globale, neofaschistische Ideologie: Der Rassismus derjenigen, die den weißen Menschen für überlegen halten und sich im Krieg gegen die vermeintliche Unterwanderung durch den Islam wähnen. 

Es ist ein Krieg, der von Extremisten auf beiden Seiten befeuert wird, indem dem jeweiligen Feind das Menschsein abgesprochen wird.  Der Versuch, eine Legitimation zu schaffen, um „Muslime“ oder „Ungläubige“ zur Projektionsfläche von Hass und Gewalt machen zu können. Hier bekämpfen sich Zwillingsbrüder im Geiste. Und doch ist der Umgang mit ihnen im öffentlichen Diskurs unterschiedlich –  das muss sich dringend ändern. 

Als Muslime nach islamistischen Terroranschlägen in die Verteidigungshaltung gingen und erklärten, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun, wurde zurecht moniert, ihnen fehle es an Kritikfähigkeit. In politischen Leitartikeln, in den Feuilletons, in der Politik wurde gefordert, sich kritisch mit der eigenen Religion zu beschäftigen. Anzuerkennen, dass eine bestimmte Koranexegese den Samen dafür lege, dass eine gewaltaffine und intolerante Lesart des Islams sich so rasant verbreiten konnte. Das war berechtigt. Tatsächlich können Muslime sich gegen die Vereinnahmung ihrer Religion durch Terroristen nur wehren, wenn sie eine theologisch fundierte Argumentation vorlegen, wie Passagen des Korans zu interpretieren sind, die sich mit Gewalt beschäftigen. Diejenigen muslimischen Strömungen, die das getan haben, haben keinen extremistischen Flügel. Für sie ist der Jehad in erster Linie ein Kampf gegen das eigene Ego. Der Koran, so erklären sie, beziehe sich auf einen Verteidigungskrieg, in dem es um den Erhalt der Glaubens- und Gewissensfreiheit ging und der historisch einzuordnen sei. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, alternative Interpretationen und Deutungsrahmen zu schaffen, die die Wahrnehmung von Menschen prägen und damit das Handeln beeinflussen.  

Genauso wie Muslime die Aufgabe haben, sich für eine menschenfreundliche Form der theologischen Auslegung stark zu machen, hat die Mehrheitsgesellschaft in Ländern mit muslimischen Minderheiten einen Auftrag. Sie kann nicht so tun, als gingen sie die rechtsextremen Ränder in ihren Reihen nichts an. Sie kann sich nicht hinter einer „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“-Haltung verstecken, die sie Muslimen lang genug und richtigerweise zum Vorwurf gemacht hat.  Sie muss sich fragen, ob sie es versäumt hat, sich kritisch mit denjenigen anti-islamischen Deutungsmustern auseinanderzusetzen, die massenmedial verbreitet werden. 

In den Medien- und Migrationswissenschaften wird seit Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass in Bezug auf die Islamberichterstattung ein negativer Frame überwiegt. Wenn es um Muslime geht, geht es mehrheitlich um Gewalt, Integrationsschwierigkeiten und Defizite. Themen und Ereignisse werden auf eine Weise eingebettet, dass sich der Eindruck aufdrängt, Muslime seien ein Problem und die Ursache sei der Islam. Es folgt eine moralische Bewertung, die nahelegt, dass islamische Werte nicht mit den Werten des Westens zu vereinbaren seien. Natürlich gibt es Missstände auch in der muslimischen Community und es muss über sie berichtet werden. Doch wenn hauptsächlich „bad news“ eine Rolle spielen und ein Korrektiv durch persönliche Erfahrungen mit Muslimen weitgehend fehlt, entsteht eine gefährliche Schieflage.

Wenn spirituelle Weisheiten des Korans, Überlieferungen des Propheten, sufistische Erzählungen, die das Herz und den Verstand weiten können, nicht ebenso Bestandteil des Allgemeinwissens sind, wie das Wissen über Terroranschläge, die von Radikalen religiös begründet werden, fehlt ein alternativer Frame. Wir müssten viel mehr darüber sprechen, was die Religion des Islams ausmacht:  Über die konsequent gesellschaftskritische Botschaft von Gerechtigkeit und Solidarität, die der Koran formuliert. Über die Weisheiten der islamischen Mystiker, die im Tod des Egoismus das neue Leben besingen und deutsche Dichter und Denker von Goethe bis Lessing tief beeindruckten. Doch diese Frames fehlen. 

Deswegen können sich Rechtsradikale, Islamisten und rechtspopulistische „Islamkritiker“ so viel Gehör verschaffen. Sie vertreten allesamt dasselbe einseitige Islambild, das sie für allgemeingültig erklären und dessen Propagierung langfristig die Gesellschaft spaltet. Wenn Bücher, die den Islam als „faschistische Ideologie“ (Abdel-Samad) bezeichnen, der den „Fortschritt der Gesellschaft“ behindere (Sarrazin) zu Bestsellern werden und Talkformate mit Millionenpublikum über das Ende der Toleranz in der Islamdebatte (Maischberger) diskutieren, haben es Islamstereotype in die Populärkultur hineingeschafft. Es erstaunt dann nicht, dass rund 60 Prozent der Deutschen der Meinung sind, der Islam passe nicht in die westliche Welt und 38 Prozent finden, wer ein Kopftuch trage, könne nicht „deutsch“ sein. Diese Ablehnung kommt nicht von ungefähr. „Der Hass bricht nicht plötzlich aus, er wird gezüchtet“, schreibt Carolin Emcke. 

Ja, Kritik ist wichtig. Doch sie fruchtet nur dort, wo es ein grundsätzliches Gefühl des Angenommenseins auf beiden Seiten gibt. Wo es einen Diskurs auf Augenhöhe gibt, ohne Vorverurteilungen. Was jedoch geschieht, wenn negative Frames die Debatte dominieren? Allzu leichtfertig werden sozio-strukturelle Probleme „muslimifiziert“. Statt nach politischen Lösungen für komplexe Probleme zu suchen, wird nach Restriktionen gerufen. Die langjährigen emotional geführten Diskussionen um Minarett-, Burka-, Kopftuch- und Beschneidungsverbote sind trauriger Beleg dafür. Begründet werden Verbotsforderungen häufig mit der Verteidigung der freiheitlich säkularen Gesellschaft – die man eben damit gefährdet. Wie sehr man sie gefährdet, wurde durch den Terroranschlag in Neuseeland schmerzlich ins kollektive Bewusstsein hineinkatapultiert. 

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