Fußball

Das heilige Spiel

15.05.2018 - Dr. Christoph Quarch

Fußball sieht nicht nur aus wie Religion, Fußball ist Religion. Es ist eine kühne These, mit der sich der Philosoph Christoph Quarch („Rettet das Spiel!“) einen Reim darauf zu machen versucht, warum Fußball die Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Dem religiösen Charakter des Fußballs sei es geschuldet, dass das Spiel Menschen über alle Grenzen hinweg zu verbinden und zu harmonisieren vermag. Deshalb sei es nur recht und billig, dem Fußball in Zeiten der Weltmeisterschaft zu huldigen. „Wir haben auf der Welt zur Zeit nichts Besseres“.

Festtagstimmung liegt über dem Land. Die Menschen gehen aufrechter. Sie sind gesprächiger als sonst, ein feines Leuchten flimmert in den Augen. Und dann endlich ist es soweit. Die Fernseher sind eingeschaltet. Mancher sitzt alleine vor dem Monitor, während nebenan sich Freunde treffen und im Stadtzentrum die Masse sich zum Public Viewing sammelt. Viele haben sich dafür noch umgezogen oder ihr Gesicht geschminkt. Und nun tauchen sie mit Wonne ein ins große Spiel, surfen auf der Woge der Begeisterung, weinen, lachen, stürzen in Verzweiflung oder wiegen sich im Freudentaumel. Es ist Fußballzeit, Weltmeisterschaft – und das nicht nur in Russland oder Deutschland, sondern überall auf dieser runden Erde.

Mehr als jeder fünfte Erdenbürger sah im Sommer 2014 das WM-Finale. In einem solchen Maße war noch nie zuvor die Aufmerksamkeit der Menschen synchronisiert. Über alle Kontinente und Kulturen hinweg, aller sozialen und religiösen Gräben spottend, selbst Geschlechterdifferenzen ignorierend, ist der Fußball zum einzigen wirklich globalen Kulturphänomen der Gegenwart geworden. Selbst denen, die das Spiel nicht mögen, sollte das zu denken geben. Fußball ist die kulturelle Signatur der Weltgemeinschaft. Möglich, dass Kulturanthropologen in 200 Jahren von unserer Gegenwart als der „Zeit des Fußballs“ reden werden.

Wie ist das nur möglich? Eine Antwort sei gewagt: Fußball füllt ein Vakuum. Fußball füllt ein Vakuum, das seit dem „Tode Gottes“ (Nietzsche) diese Welt durchwirkt. Fußball ist das, was eine Menschheit, die von allen guten Geistern verlassen scheint, doch noch zu begeistern vermag. Fußball sieht nicht nur aus wie Religion (Fangesänge, Pilgerfahrten, Devotionalien…) – Fußball ist Religion.

Fußball ist keine Ersatzreligion und auch keine Pseudo-Religion. Fußball ist echte Religion; in einem strengen, ursprünglichen Sinne. Er leistet die religio – die Rückbindung – des einzelnen, endlichen Daseins ans große, umfassende Leben; oder ans Geheimnis der Welt, gleichviel. So oder so ist Fußball Religion in exakt dem Sinne, in dem schon die alten Griechen ihre großen Sportwettkämpfe in Olympia oder Nemea als Kultfeiern veranstalteten. Bei ihnen huldigten Athleten und Zuschauer dem Göttervater Zeus, der die Allpotenz des Lebens nicht nur zur Gestalt verdichtet sichtbar machte, sondern sie auch im Namen trug (zên = leben).

Feierliche Rückbindung ans Mysterium des Lebens: das ist, was beim Fußballspiel geschieht. Es erschließt dem Menschen einen Raum und eine Zeit, in der das Leben sich in seiner ganzen Schönheit zeigen darf und damit ganzheitlich erfahrbar wird. Dieser Raum, der durch die Spielfeldgrenzen und das Stadionrund bezeichnet ist, ebenso wie diese Zeit – 90 Minuten + Verlängerung – schneiden aus der Betriebsamkeit und Geschäftigkeit des alltäglichen Lebens eine Bühne, die frei von Zwängen und von Zwecken ist.

Sie gerät zu einer Bühne, wo die Spieler sich in ihrer Individualität entfalten können, auf der sie aber ebenso zu einem Kollektiv verschmolzen sind, ohne das all ihre Kunst vergebens wäre. Diese Bühne sieht Tragödien und Komödien, auf ihr wird gelitten und gejubelt, geblutet und gedacht, gesungen und geweint. Sie lässt alle Facetten des Lebens zu. Und sie entzieht sich jeglicher Berechenbarkeit. Kein Algorithmus wird je den Verlauf eines Fußballspiels errechnen können. Unberechenbarkeit und Selbstgenügsamkeit machen das Spiel zu einem heiligen Geschehen – zu einem Kult inmitten einer technisierten und von ökonomischen Imperativen gefesselten Welt.

Fußball ist im strengen Sinne Religion. Er ist Religion, so wie der große Theologe Friedrich Schleiermacher sie einst definierte: „Sinn und Geschmack für das Unendliche“. Denn unendlich ist das Potenzial der Spielzüge und Spielverläufe. Grenzenlos und unberechenbar sind die Möglichkeiten, die das Spiel zulässt. Grenzenlos und unberechenbar wie das Leben selbst – dem der Spieler deshalb mehr als jeder andere in seiner Wahrheit Rechnung trägt. Religion, so meinte Schleiermacher, heißt Darstellung des Unendlichen im Individuellen. Eben das geschieht beim Fußball. Beim aktiven Spiel genauso wie beim passiven Zuschauen. Und nur so ist zu erklären, dass dieses Spiel zum weltbeherrschenden Kulturphänomen werden konnte.

Freilich wird der Satz, Fußball ist Religion, denen verdächtig sein, die sich als Sachwalter der alten, wohlbekannten Religionen sehen. Ihnen wäre zu erwidern, was schon Schleiermacher ihnen einst ins Stammbuch schrieb: Religion hat nichts zu tun mit Dogmen und Bekenntnissen. Sie hat auch nichts zu tun mit Moral, Gehorsam und Gebot. Nein, sie genügt sich darin, „in kindlicher Einfalt“ dem großen Spiel des Lebens beizuwohnen. Sie gebiert aus sich heraus ihre Mythen und ihr Ethos. Einfach nur, indem sie Menschen ahnen lässt, dass auch in ihrer eigenen Seele jener große Geist des Lebens schlummert, den das Spiel so zauberhaft bezeugt.

Doch es liegt im Wesen einer jeder Religion, dass sie – ohne es zu wollen – all das Lebensfeindliche und Dunkle an sich zieht oder ans Licht bringt. Immer schon griffen die Mächtigen nach ihr. Was einst die Kaiser oder Könige, das sind heute Oligarchen oder Scheichs. Sie wollen sich der Magie des Spiels bemächtigen; doch die religiöse Kraft des Fußballs zeigt sich gerade darin, dass es ihnen zwar gelungen ist, den Spielbetrieb zu einem Marktgeschehen umzuwandeln, doch dem Spiel als solchen konnten sie – bisher – nicht seine Unschuld und den Zauber nehmen. Auch dass ein korrupter Klerus sich des Heiligen bemächtigt, ist nicht neu; auch nicht, dass sich haufenweise Glücksritter und Desperados finden, die als Kreuzritter bzw. Hooligans das Spiel gebrauchen, um sich auszutoben.

Aber all das darf man einer Religion genauso wenig wie dem Fußball als Vergehen oder Makel ankreiden. Ganz im Gegenteil: Sie zeigen ihre Kraft darin, das Lebensfeindliche zu binden und an ihre Spielwelt anzuheften, da es – manchmal wenigstens – auf diese Weise domestiziert oder entschärft werden kann. Die Kraft des Spiels war bislang stark genug, die dunklen Kräfte abzufedern, die es anzieht und ans Licht bringt.

Aber nicht nur das. Das Fußballspiel – wie jede echte Religion – besitzt sogar die Kraft zur Heilung: nicht des Individuums, wohl aber der großen, kollektiven Pandemien, von denen die Gesellschaft derzeit heimgesucht wird. Als erstes wäre hier die jüngst von Manfred Spitzer als Epidemie diagnostizierte Einsamkeit zu nennen. Kein Zweifel: Fußball verbindet – die Spielenden sowieso (auch da übrigens, wo sie Gegner sind), aber ebenso die Zuschauer (auch da übrigens, wo sie Gegner sind). Fußballfans sind nirgends auf der Welt allein. Weder in Las Vegas noch in Tibet. Fußball knüpft ein Netz globaler Zugehörigkeit. Das sollte nicht unterschätzen, wer zu den Verächtern dieses Spiels gehört.

Fußball ist zudem ein Hort der Leiblichkeit. Das ist viel in einer Zeit, in der sich menschliche Präsenz zunehmend digital und virtuell verflüchtigt. Die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz spotten des Leibes als einer minderwertigen Trägersubstanz von Rationalität und Information – die im gleichen Atemzug als Garanten menschlicher Würde und Identität ausgegeben werden. Fußball jedoch wird man nie von einem Leib abstrahieren können – selbst wenn Computerspiele das leibliche Geschehen virtuos simulieren. Denn dass ein Spieler Kopf und Kragen riskiert, dass er seine Knochen hinhält, dass seine Nerven versagen: all das macht das Spiel zum Spiel. Und all das gibt den Spielern Würde, all das macht sie groß und schön; wie die Helden eines Epos oder einer Tragödie.

Eines noch, was nicht verschwiegen werden soll. Auch einem dritten, bedenklichen Trend der Gegenwart bietet der Fußball mit seiner religiösen Kraft Paroli: der Gentrifizierung. Weil er das Leben in seiner fragilen, gefährdeten und tragischen Leiblichkeit feiert, bekundet er es auch in seiner unhintergehbaren Geschlechtlichkeit. Beim Fußball – und man ist geneigt zu fragen: wo denn sonst noch? – dürfen Männer Männer sein. Und weil Männer dort Männer sein dürfen, können Frauen dort auch Frauen sein; ähnlich wie auf dem Oktoberfest, allen Ideologien und Konventionen zum Trotz; ja, sogar vielen der althergebrachten Religionen zum Trotz.

Vielleicht ist es ja – wenn dies zu denken erlaubt ist – ein wirklicher Fortschritt der Menschheit: dass sie fast unbemerkt eine Weltreligion empfing, die sich als stark genug erwiesen hat, die Menschen dieser Erde irgendwie zu verbinden, zu begeistern und auf sonderbare Weise an genau das rückzubinden, was die alten Religionen Gott nannten und worüber sie furchtbar gestritten haben. Fußball hingegen stiftet Frieden – gerade in einer Zeit neuen Kriegsgeschreis.

Vielleicht ist Fußball ein Geschenk des Himmels – und vielleicht geziemt es sich, darüber nicht länger zu reden, sondern es in seiner heiligen und unbedarften Unschuld schlummern zu lassen. Legen wir das Juwel zurück in sein Futteral, hegen und pflegen wir es im Stillen. Und seien wir ihm innig dankbar. Wir haben auf der Welt zur Zeit nichts Besseres.

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