Rezension

Das Kapital im 21. Jahrhundert

01.04.2016 - Martin Renghart

.Seit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ hatte kaum ein politisches Buch in Deutschland einen so großen kommerziellen Erfolg wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Während die deutsche Übersetzung derzeit in der 8. Auflage vorliegt, hat sich das Werk weltweit mehr als 1,5 Millionen mal verkauft

Sein Thema ist die zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen und Kapital seit dem 18. Jahrhundert. Damit scheint es einen Nerv unserer Zeit zu treffen.

Piketty, der an einer Pariser Hochschule Nationalökonomie lehrt, erklärt, dass es immer dann zu einer erhöhten Vermögenskonzentration kommt, wenn der Prozentwert für Kapitalrenditen über dem Prozentwert des allgemeinen Wirtschaftswachstums liegt, wenn also Erträge aus Geldanlagen höher sind, als Erträge aus realer Arbeit. Für das 19. Jahrhundert geht Piketty von einer Kapitalrendite von 4,5% bei einem Wirtschaftswachstum von 1,5% aus, was auf eine Zunahme der Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen hinweist. Zur weiteren Untermauerung dieser Erkenntnis analysiert Piketty umfangreiche empirische Daten, die er und seine Mitarbeiter zum Teil selbst erhoben haben. Sie reichen im Fall von Frankreich bis in das 18. Jahrhundert zurück. Piketty kommt zu dem Schluss, dass die Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung und mit ihnen die Vermögensunterschiede in den vergangenen 200 Jahren stetig angestiegen sind. Die einzige Ausnahme bildet die Zeit zwischen 1919 und 1945. Diesen Umstand erklärt Piketty mit zwei Faktoren: der explodierenden Staatsverschuldung und Inflation in Folge der Weltkriege und der Erhöhung von Steuern. So setzte Präsident Roosevelt die amerikanische Einkommenssteuer zur Finanzierung seines New Deals in den 1930er Jahren auf 80% (S. 630) – ein Wert, den der Autor auch heute gerne hätte.

Piketty stellt fest, dass die Vermögensverteilung und auch die Einkommensschere weltweit seit Langem auseinandergehen. Die Ursachen dieser Entwicklung sucht der Ökonom in exorbitanten Managergehältern, der selbstständigen und unaufhaltsamen Vermehrung von Kapital und vor allem der Vererbung großer Kapitalansammlungen innerhalb von Familien. Superreichen der ersten Generation wie Bill Gates, die ihr Vermögen durch eigene Erfindungen und Unternehmensgründungen erwirtschaftet haben, stellt er Superreiche der zweiten Generation wie die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt gegenüber, die einen ebenso großen Vermögenszuwachs verzeichnen, ohne dafür je eine Leistung erbracht zu haben (S. 587). Mit großer Sorge sieht der Ökonom ein neues Zeitalter der „Rentiers“ anbrechen, die ohne eigene Arbeit allein von ihren Ersparnissen leben können. Für Piketty waren die Rentiers des 19. Jahrhunderts die klassischen Feinde der Demokratie (S. 562-565), da sie mit ihrem Lebensstil die soziale Gleichheit, ein Grundelement des französischen demokratischen Denkens, in Frage stellten. Vor allem den politischen Einfluss von Spitzenverdienern sieht Piketty kritisch. So ist es seiner Meinung nach weder ein Zufall noch dem demokratischen Entscheidungsprozess förderlich, dass die Abgeordneten des US-Kongresses ein durchschnittliches Vermögen von 15 Millionen Dollar besitzen (S. 695, Anm. 1).

Piketty sieht mehrere Möglichkeiten wie die Politik Raum für mehr Gleichheit und damit auch für mehr Demokratie schaffen könnte. Seine Ideallösung ist eine weltweit gleich hohe progressive Vermögenssteuer (S. 787). Er ist sich aber bewusst, dass sich eine solche Steuer unter den derzeitigen politischen Verhältnissen nicht realisieren lässt. Als Alternative schlägt er vor, in so vielen Einzelstaaten wie möglich eine progressive Einkommenssteuer mit einem Spitzensteuersatz von 80% einzuführen. Ob dieses Vorhaben größere Chancen auf Erfolg hätte, ist jedoch fraglich.

Pikettys große Stärke ist sein interdisziplinärer Zugang. Tatsächlich hat der Ökonom die Wirtschaftswissenschaft von ihrer Fixierung auf die unmittelbare Gegenwart und komplexe mathematische Modelle befreit. Ganz untypisch für einen Ökonomen rekonstruiert er ausgehend von der großen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts die Mentalität der damaligen Rentiers und kommt dabei zu sehr eindrucksvollen Ergebnissen.(z.B. S. 313-320).

Piketty beschränkt sich wegen seiner Materialbasis auf Frankreich, England und die USA.. Das Deutschland  des 19. Jahrhunderts war aber wohl keine Rentiers-Gesellschaft. Auch Pikettys Kritik an der Vorherrschaft der begüterten Oberschicht  trifft für Preußen nicht zu, wo selbst hohe Staatsbeamte innerhalb des Dreiklassenwahlrechts oft nur in der dritten Klasse zu finden waren. Politische und wirtschaftliche Eliten mussten nicht deckungsgleich sein. Am einflussreichsten war oft nicht der „Geldadel“, sondern der weniger vermögende ostelbische Landadel.

Trotzdem präsentiert Piketty auch zur deutschen Geschichte interessante Fakten, auch wenn er leider häufig darauf verzichtet diese in breitere Kontexte einzubetten. Dass der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer zwischen 1914 und 1920 als Folge der Kriegsfinanzierung von 0% auf annähernd 50% gestiegen ist (S. 670) lässt sich selbst in Heinrich August Winklers Standardwerk „Der lange Weg nach Westen“ nicht nachlesen. Dass diese Steuererhöhungen die Inflation anheizten und deshalb auch von Winkler kritisiert werden, unterschlägt er geflissentlich.

Piketty fehlt außer einem Gespür für tiefere historische Zusammenhänge auch eine normative Fundierung seiner Thesen. So thematisiert er das Bedürfnis nach Gleichheit, aber nicht das Empfinden für Gerechtigkeit, wie es etwa von John Rawls in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ ausführlich untersucht worden ist. Für Rawls können Einkommensunterschiede gerechtfertigt sein, wenn in der Gesamtbilanz auch die weniger privilegierten Gesellschaftsschichten profitieren. Piketty aber will diesen differenzierten Gerechtigkeitsbegriff nicht gelten lassen (S. 641), da er letztlich ganz auf seine ökonomische Sichtweise und den Imperativ einer allgemeinen Gleichverteilung fixiert bleibt.

Piketty besitzt das seltene Talent schwierige Sachverhalte für einen größeren Leserkreis aufzubereiten. Trotzdem ist die Lektüre seines 800-Seiten-Wälzers nicht immer ein Vergnügen. Das Denken des Ökonomen kreist fast monomanisch um die von ihm als wünschenswert erachtete Gleichverteilung des materiellen Vermögens. Viele andere wichtige Punkte fallen deshalb unter den Tisch, wie etwa ein gerechter Zugang zu Bildung.

Pikettys Werk ist nicht nur eine historisch-ökonomische Studie, sondern auch ein politisches Manifest. Es ist facettenreich und äußerst inspirierend, man sollte es aber mit einem gesunden Maß an kritischer Distanz lesen.

Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert, Beck-Verlag, München 2014, 816 Seiten, 16,99 Euro. (Bei der Bundeszentrale für politische Bildung ist das Buch auch als Studienausgabe erhältlich.)

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