Kinder

Das Recht auf Allgemeinbildung

01.12.2016 - Anke Fienbork

Es gibt wohl kaum ein Thema, das häufiger in Medien sachlich diskutiert wird und gleichzeitig so viele Emotionen hervorruft wie das Thema Bildung. Die soziale Durchlässigkeit der Kinder an Schulen soll dahingehend verbessert werden, dass Kinder aus ungebildeteren Verhältnissen größere Chancen bekommen sollen, einen höheren Abschluss zu erreichen. Warum scheint sich dies, trotz vielfacher Bemühungen und scheinbar nicht enden wollender Reformen, nicht erfüllen zu können?

Jedes Kind hat das Recht auf die gleiche Allgemeinbildung. In vielen Grund- und Gesamtschulen wird heutzutage das individuelle Lernen praktiziert, obwohl dies die Kluft des Lernstandards zwischen den einzelnen Kindern noch vergrößert. Individuelles Lernen soll den Schüler „da abholen, wo er steht“ und soll akzeptieren, „dass es nun mal Kinder gibt, die komplexe Lerninhalte niemals verstehen werden“. Somit soll jedes Kind individuell nach einem auf ihn zugeschnittenen Lernplan lernen. Das Problem ist, dass die Lehrer somit dem Schüler vorschnell den weiteren Bildungsweg vorgeben. Die frühe Trennung des Bildungsweges in Form von Gymnasium, Realschule und Hauptschule war ein Fehler, der behoben werden musste. Anstatt aus diesem Fehler zu lernen und jedem Schüler dieselbe Basisbildung zukommen zu lassen, müssen heutzutage Arbeitszettel von den Schülern alleine bearbeitet werden, die oftmals in unterschiedliche Schwierigkeitsbereiche unterteilt sind. Früher bestimmte der Lehrer über die spätere Schulform des Kindes und jetzt kann er darüber entscheiden, was das einzelne Kind lernen darf? Warum hält man an einer Lernmethode fest, die das Problem, das man beheben will, noch vergrößert?

 

Viele Grundschulen arbeiten mit der Leselernmethode „Schreiben nach Gehör“. Diese Methode ist unterlassene Hilfeleistung seitens der Lehrer. Die Kinder, die Probleme mit der Rechtschreibung haben, sind darauf angewiesen, dass ihre Eltern zu Hause mit ihnen Diktate schreiben und ihnen die Rechtschreibregeln erklären. Für Eltern, die ihre Kinder auf eine Ganztagsschule schicken, weil sie vollberufstätig sind, ist es eine Zumutung, dies am Abend noch leisten zu müssen. Vor allem, weil die Ganztagsschule doch damit wirbt, Bildung für alle gerechter werden zu lassen. Wenn man bei dem Beispiel Legasthenie beziehungsweise Rechtschreibschwäche bleibt, ist es doch auffällig, dass dieser Begriff heute fast inflationär gebraucht wird. Diesen Schülern wird prognostiziert, dass ihre Rechtschreibung niemals zufriedenstellend werden wird. Ist es nicht sinnvoller, die Zeit zu nutzen, mit den Kindern gemeinsam zu üben, anstatt vorzeitig Diagnosen zu erstellen? Das Wissen, das in Schulen vermittelt werden sollte, tritt immer mehr in den Hintergrund, stattdessen liegt der Fokus auf dem Erlernen von Kompetenzen. Anstatt den Kindern eine Allgemeinbildung zukommen zu lassen, dokumentiert man lieber ihre Unwissenheit. Anstatt den Kindern dabei zu helfen, selbstständig lernen zu können, indem man ihnen vorher das dazu benötigte Wissen vermittelt, dokumentiert man lieber ihre Unselbstständigkeit.

 

Das Wissen und die Bildung muss in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert bekommen, da dies elementar wichtige Bestandteile unseres Lebens sind. Sie bedeuten für den einzelnen Schüler ein Stück Freiheit und eröffnen ihm mehr Chancen im Leben! Der Frontalunterricht gilt heute zu Unrecht als verpönt. Ein wichtiger Aspekt soll hierbei sein, dass einige Kinder sich langweilen würden, wenn sie auf andere Kinder Rücksicht nehmen müssen, die den Sachverhalt noch nicht verstanden haben. Wäre es nicht aber zu begrüßen, gerade im Hinblick auf das Sozialverhalten, das doch sonst heutzutage einen so hohen Stellenwert in der Schule einnimmt, wenn die Schüler lernen, kurzzeitig ihre Bedürfnisse zurückzustellen und mit Respekt warten, bis andere Schüler den Sachverhalt auch verstanden haben? Vielleicht könnte man sich dann auch das wöchentliche Sozialtraining sparen, in dem sich die Kinder im Stuhlkreis mit Respekt und Massagebällen begegnen. Hierbei wird der Anschein der Gleichheit unter den Schülern gewahrt, aber wie gleich werden die Kinder denn wirklich gesehen, wenn man ihnen im Hinblick auf die Chancengleichheit im späteren Leben nicht die gleiche Allgemeinbildung zukommen lässt?

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Abschaffung der Schulnoten. Die Schüler sollen heutzutage nicht mehr nur darauf reduziert werden. Das Sozial- und Arbeitsverhalten des einzelnen Kindes steht heute im Fokus. Man muss sich die Frage stellen, was mit der Individualität des einzelnen Kindes passiert, wenn wir ihre Persönlichkeit benoten. Das Ziel soll sein, das Kind individueller sehen zu können, da man das Gesamtbild des Kindes betrachtet und nicht nur seine schulische Leistung. Aber erreicht man damit nicht genau das Gegenteil, wenn man die Persönlichkeit des Kindes in standardisierte Fragebögen presst? Wie wünscht sich die Schule denn, wie ein Kind sein soll? Wie viel Freiraum bleibt dem einzelnen Kind da noch und sind die Pädagogen überhaupt in der Lage, dies objektiv betrachten zu können, wenn ihnen bei der Schulnotenvergabe doch auch schon Fehler unterlaufen? Wird das Kind dadurch wirklich individueller gesehen oder erreicht man damit genau das Gegenteil?

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