Altern

Demografische Trance

30.08.2013 - Felix Kroll

„Die demografische Chance“ - das Plakat sprang einem nicht ins Auge, doch ließ einen umso heftiger stutzen. Deren Ernst? Schon Kant wusste zwar, dass „unser Entscheiden weiter reicht, als unser Erkennen“, aber nichtsdestotrotz war mir die zu tage tretende Geisteshaltung ein wenig zu positiv gefärbt. Das retuschierte Rot tat sein Übriges und ließ mich seine Signalwirkung spüren, allein nur - was sollte ich fühlen, bei dieser beschwichtigenden Botschaft? Gefahr, oder Geborgenheit?

Zorn & Scham
Der Stier in mir sah jedenfalls dunkelrot. Erzürnt über diese dreist–naiv anmutende Staatspropaganda, beschloss ich der Sache auf den Grund zu gehen und erfuhr, dass sich besagte Ausstellung nur ein paar U–Bahn Stationen entfernt befand. Da ich eh nichts Besseres vorhatte – und dieser gutmenschlichen Kampagne zumindest eine Chance geben wollte, ließ ich mich seit Kindergartentagen mal wieder zu einem Museumsbesuch hinreißen.

Dort angekommen empfing mich ein riesiger Dinosaurier in Turnschuhen. Fürwahr, ich spreche nicht vom korpulenten Ticketverkäufer, sondern von einem Eyecatcher sondergleichen! Indes berührte mich dieser Blickfang tief in meinem Inneren mit Unbehagen, offenbarte er doch unfreiwillige Komik. Zunächst handelte es sich bei diesem Exemplar nicht um eine frisch wirkende Riesenechse, sondern um dessen totes Skelett, welches trotzig behauptete: „Wir werden immer aktiver.“

Genau wie die mir später präsentierten bzw. vorgeführten Rentner, die mehr oder weniger ungelenk über die Leinwand tanzten und als Vorbilder für Vitalität herhalten mussten, kam auch dieser Spruch mir etwas zu bemüht vor. Dennoch weckte dieser Anblick weiteres Interesse, auch wenn der Stier immer heftiger mit den Hufen scharte.

Es erwartete mich eine Fülle an verschieden aufgearbeiteten Informationen in Form von Zahlen, Worten und Bildern, welche in ihrer Gänze wiederzugeben den Rahmen und meine Motivation sprengen würde. Deshalb gibt es an dieser Stelle nur einen kleinen, subjektiven Einblick in meine persönlichen Highlights und Aha–Momente. Es gibt für jeden ernsthaft am Thema interessierten genug verfügbare Informationen und ich sehe es nicht als meine Aufgabe, über diverse unverständliche Fachbegriffe und teils verständliche Ressentiments aufzuklären. Um die Dringlichkeit der demografischen Frage zu verstehen, muss man nicht wissen, was sich hinter der Fertilitätsrate verbirgt. Trotz dessen soll mein unmaßgeblicher Gedankenshizzle als Beitrag zum unausweichlichen Dialog verstanden werden, den wir alle sehenden Auges vor uns her schieben.

Nehmen & Geben
Das Schlagwort Demografie beschäftigt mich nämlich permanent, jedoch nur latent. Keiner weiß befriedigende Antworten zu geben und Prognosen sind in Zeiten schwarzer Schwäne mit Vorsicht zu genießen. Von daher drängt sich – mal abgesehen vom schlechten Wortspiel – mir der Gedanke auf, dass der (Schutz–)Reflex in mir, diese Entwicklung nicht als Chance zu begreifen und dem Phänomen stattdessen mit einem Verfall in Trance zu begegnen, gesellschaftlich von hohem Risiko und menschlich allzu menschlich von großer Schwäche zeugt. Was interessiert mich jetzt das Jahr 2050?

Gleichwohl wollte ich die Scheuklappen meines schon zynisch gewordenen Stieres etwas lockern und betrat also offenen Geistes das Tor zur Unendlichkeit, wo ich erwartete den Gott des langen Lebens zu treffen. Allerdings empfing mich ein dem Maul eines Hais verblüffend ähnlich wirkendes Etwas, was sich als dreidimensionale Darstellung einer statistischen Grafik entpuppte. Eine ältere Dame durchschritt dieses bizarr anmutende Werk und verschwand, was in mir dystopische Assoziationen hervorrief: Schon mal „Soylent Green“ gesehen?

Die fiktive Gesellschaft dort recycelte das alt gewordene Humankapital als Nahrung. In der Realität erhält man zum 100. Geburtstag ein Glückwunschschreiben des Bundespräsidenten, dabei wäre eine Prämie für erlegte Rentner – rein ökonomisch betrachtet – weitaus sinnvoller. Dies soll aber kein hetzerisches Pamphlet gegen gereifte Bevölkerungsschichten werden, ich habe Respekt vor dem Alter, genau wie vor dem Noch–nicht–Alter und weiß, wie konfliktträchtig dieses Thema ist.

Ein wenig mehr Ehrfurcht wäre anscheinend allerdings angebracht, denn wie mich ein weiterer Infotext belehrte, sei es ein Irrtum, dass „die Alten im Generationenaustausch die nehmende Partei darstellen.“ Allein „nehmende Partei“, aber gut. „Finanzieller und praktischer Geldwert der Arbeitsleistung plus der finanziellen Zuwendung zugunsten jüngerer Generationen ergibt, dass die Älteren bis zum 80. Lebensjahr die Gebenden sind.“ Das stürzt den juvenilen Schmarotzer in mir in eine mittelschwere Identitätskrise. Mit 80 lohnt sich mein von oberflächlicher Konsumgeilheit geprägter Lebensstil also erst?

Jugend & Routine
Die Hörner verpassten das rote Tuch meiner vermeintlichen Voreingenommenheit und ich blickte in das Antlitz eines greisen Toreros, der mich überlegen angrinste. Seine dritten Zähne waren so unschuldig weiß, dass sie mich blendeten. Demutsvoll trabte ich Rindvieh von dannen und erwartete im Folgenden den Todesstoß in Form einer weiteren unanfechtbaren Wahrheit, welche meine (arbeits–) moralische Unterlegenheit manifestieren würde.

Et voilà: „Routine schlägt Jugend.“ Irgendeiner sowieso höchst seriösen Untersuchung zufolge, gibt es bei irgendeiner Tätigkeit an irgendeinem Fließband durch ältere Arbeitnehmer zwar „mehr, aber weniger gravierende Fehler.“ Die „Abnahme der Arbeitsleistung bei physischen und kognitiven Aufgaben“ werde mal eben ganz locker durch „Erfahrungswissen und Gewissenhaftigkeit mehr (!) als aufgewogen.“ Der jüngeren Generation wird ganz nebenbei indirekt also pauschal die Zuverlässigkeit aberkannt, da hilft nicht einmal mehr die bessere Bandscheibe, bravo. Da frag ich mich doch, wie es dazu kommen konnte, dass es schon erfolgreiche Klagen gegen die Bevorzugung von Berufseinsteigern gab.

Auf einmal befinde ich mich wieder in Pamplona und irre aufgeregt im Raum umher. Die einseitige Lobpreisung des Alters wirkt auf mich befremdlich, hochstilisiert. Sie ziehen mich an meinem Nasenring durch die Arena, dabei bräuchte mein jugendlicher Übermut eine Verschnaufpause.

Etwas diplomatische Annäherung verschaffte daraufhin meinem vergrätzten Selbstbild ein wenig Labsal. „Altersgemischte Arbeitsgruppen sind produktiver.“ Bin ich also doch zu was zu gebrauchen, puh. Dagegen kann ich nichts einwenden. Es mag sicher auch auf das Verhältnis von Jung und Alt ankommen, doch gegenseitig befruchtende Erfahrungen und Perspektiven, sowie unterschiedlichen Zeiten geschuldetes Wissen, können mit Sicherheit die förderlichen und viel geforderten Synergieeffekte entfesseln, von denen jeder Ökonom feuchte Träume bekommt – und darum geht’s hier ja anscheinend.

Alter & Geld
Es geht um Produktivität und Wohlstandswahrung, nicht um die Bedürfnisse der schrumpfenden, jungen Generation. Kein Wort von Jugendpartizipation, im Vordergrund stehen die sogenannten Best Ager – immer konsumfreudig und vor allem kaufkräftig. Um dieses Potenzial abzuschöpfen, werden hier auf der Ausstellung etliche Möglichkeiten präsentiert. Wenn es nur halb so viele Initiativen für junge Menschen geben würde. Da wären beispielsweise Programme, die unseren fortgeschrittenen Mitbewohnern die „Ängste vor großen Verkehrsknotenpunkten“ nehmen wollen. Effizienteres Arbeiten, aber nicht ohne Hilfe von A nach B kommen, oder was?

Es gibt Software als „Hilfe zur Strukturierung des Alltags vergesslicher Menschen.“ Gleichzeitig fehlen Plätze in der Jugendpsychiatrie, um unvergesslichen Menschen Hilfe zukommen zu lassen und Struktur zu vermitteln. Die Gehirnleistung wird trainiert und Nintendo tourt mit seiner bewegungssensorischen Konsole durch deutsche Altersheime. Der „Cave–o–Bot“ ersetzt als interaktiver Butler in Zukunft hoffentlich junges, kostenintensives Pflegepersonal, ebenso wie der „Sensfloor“, ein intelligenter Teppich, der Türen öffnet, Licht an und aus macht und erkennt, ob jemand grad auf dem Boden ein Verdauungsnickerchen hält, oder einen Schlaganfall erleidet.

Die späteren Alten (also auch ich) dürfen also auf ein wenig Licht am Ende unseres Tunnels hoffen. Wollen wir darüber hinaus hoffen, dass es nicht aus den Scheinwerfern eines verwirrten Geisterfahrers stammt. Widerwillig wiederkaue ich die schwere Kost und stoße auf weiteres, mutmaßlich Mut machendes Material. Ein Sondergutachten der Wirtschaftsweisen klassifiziert die – explizit ökonomischen – Folgen des demografischen Wandels als „beherrschbar“, was mich ungemein beruhigt, denn die haben ja voll Ahnung und so. Doch meine Zuversicht wird beim Weiterlesen zugleich gedämpft: „Je länger jedoch Maßnahmen fehlen, desto höher die Rechnung in Zukunft.“ Welche Vorkehrungen genau getroffen werden sollten bleibt vage und im Angesicht des Weitblicks politischer Entscheidungsträger sind Sorgen also durchaus berechtigt.

Egal welche, die Wirksamkeit familienpolitischer Maßnahmen verpufft zumeist, also welchen Schritt gehen wir vorwärts und wie viele damit zurück? Kinderbetreuung vs. Kindergeld. Frauenerwerbsquote steigern, klar, gerne. Mehr Zuwanderung, logo, ich steh auf bunt. Migration ist der historische Normalfall und Frauen müssen längst nicht mehr Zuhause versauern, wenn sie nicht wollen (schlimm bloß, wenn sie es doch wollen). „Stärkere Willkommenskultur“ und „kulturelle Veränderungen“ müssen her, schwafelt der Text weiter. Aber ist das des Pudels Kern? Bei der ganzen Büffelei kommt das Tier stark ins Schwitzen, deshalb serviert man mir endlich etwas Klares gegen meinen unklaren, sturen Ochsenkopf.

Arbeit & Freiheit
Wir müssen alle länger arbeiten! Damit kann ich doch mal was anfangen. Meine persönliche Konsequenz aus der unumstößlichen Erkenntnis der anhaltenden Steigerung der Lebensarbeitszeit? Umso späterer Einstieg in die Arbeitswelt. Ich weiß, echt asozial von mir, obgleich ich ja eh keine Rente bekomme. Eigentlich auch ökonomisch gedacht, oder? Es bleibt für mich fraglich, ob die gesamtgesellschaftliche Vision des langen Arbeitens im Alter dem Einzelnen später wirklich noch so attraktiv erscheint, wenn er selbst ran muss. Schön und gut, wenn man die Not zur Tugend machen will, aber irgendwie mag mich die Euphorie um das Potenzial, das die demografische Entwicklung angeblich birgt, noch nicht erreichen.

Meine Angriffslust vergeht, die verwundete Stiernackenmuskulatur zollt ihren Tribut. Ich setze mich und versuche taumelnd meine verwirrten Gedanken zu ordnen. Inmitten dieser Phase der Konfusion huscht mein Blick über eine ebenso konfus gestaltete Stellwand mit bunten Sprüchen drauf. „Besserverdienende ärgern sich häufiger“ etwa, oder „Risikofreudige Menschen sind zufriedener.“ Ich entnehme diesen Aussagen die unterschwellige Botschaft „F****n fürs Vaterland!“

Die aus dem Stasi–Jargon stammende und fälschlicherweise oft auch von pazifistischen Weggefährten skandierte Parole könnte im wortwörtlichen Sinne wahre Wunder wirken. Ich sehe die Plakate einer Anti–Kondom–Kampagne bildlich vor mir: „Machs ohne“ – im Hintergrund eine selig strahlende Großfamilie, deren Mitglieder alle den gleichen Pulli tragen. Dabei muss ich schon das Eingeständnis machen, dass ich als Mittzwanziger noch kinderlos bin und es die nächsten Jahre auch zu bleiben plane, ist ein wenig egoistisch motiviert.

Auch der allseits so geschätzte Herr Precht attestierte der jungen Generation eine überzogene Vorstellung vom viehischen Trieb und befand: „Eros schlägt Caritas.“ Sollen wir also die romantische Liebe beerdigen und uns möglichst früh – und vor allem häufig – mit Nächstbestem arrangieren, um fürs gesellschaftliche Wohl unsere selbstsüchtige Lebensplanung auf dem Altar des Artenerhalts zu opfern? Oder hat er recht und wir leben uns zu Tode, weil der Individualismus uns versklavt und zu Beziehungsnomaden macht?

Verzweiflung & Versöhnung
Vielleicht ist der Umstand der weitverbreiteten Kinderlosigkeit auch einfach den realen Zuständen geschuldet: Kids are time, time is money, and money makes the world go round. Mehr als zwei Kinder planen selbst die aufopferungsvollsten meiner gleichaltrigen Weggefährten nicht. Überhaupt: Mit Großfamilien verbinden viele Menschen prekäre Lebensverhältnisse oder zumindest Armut. Ist das wirklich nur noch ein Klischee? Immerhin, bei den Wollnys fand ich es ganz urig. Irgendwie.

Wie auch immer. Das blutige Ritual scheint vollzogen und der pöbelnde Mob schleift meinen vor Angstschweiß stinkenden Kadaver durch Sun–City, während der Papst am Weltjugendtag meiner Generation mitleidig den Verlust ihrer Würde zubilligt. Ich muss raus hier. Mir wurde noch mal deutlich vor Augen geführt, dass soziale und politische Strukturen sich verändern, Landstriche sich leeren und Gebäude verfallen werden. Abermals auferstehen aus Ruinen? Da sehe ich doch lieber meine Chance in der Trance und Wandel gelassen durch den Wandel, solange das noch möglich ist. Nach mir die Sintflut in Form von Kinderebbe, vor mir ein verantwortungsloses Dasein und ausschweifende Freudlosigkeit.

Wieder zurück in der Sonne mildern sich die dunklen Impressionen ab und mir wird der hoffnungsvolle Charakter des Gesehenen langsam gewahr. Mein Stier setzt sich die leicht–rosarot gefärbte Sonnenbrille auf, fläzt sich in Grün und leckt sich die Wunden. Nicht nur er sollte seine innere Balance finden, es täte auch denjenigen Vertretern von Alt und Jung gut zu Gesichte stehen, die sich ständig echauffieren über die andere (natürlich ausschließlich nehmende) Partei und deren zweifelsohne vorhandenen Querschläger. Wir sollten uns fernab von Alter und Herkunft vorurteilsfrei auf Augenhöhe begegnen und einen einfühlend–schonungslosen Dialog führen, dann könnte es auch klappen – trotz aller Widrigkeiten – den Mehrgenerationshausfrieden zu wahren. Auf gute Nachbarschaft.

Foto: © Wissenschaftsjahr1

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