Kommentar

Denn sie haben mir meine Kindheit gestohlen

01.03.2022 - Isra Almurad

"Kindheit + Krieg - Sicherheit = das Leben." Ist das eine faire Gleichung?

Es war ein Dienstag, als ich das Dröhnen der Bomben zum ersten Mal hörte. Der Bürgerkrieg hatte begonnen, und ich saß in der Schule. Zu dieser Zeit dankte ich Gott dafür, dass ich mich von meiner Mutter verabschiedet und ihre Hand geküsst hatte, weil jederzeit etwas passieren konnte.

Ich war neun Jahre alt, als ich meine Puppe voller Blut sah, weil eine Bombe auch mein Haus traf. Ich sah rote Lichter, die höllisch durch mein Fenster leuchteten. Die Bombe hatte mich zwar verfehlt und nicht getötet, aber sie hat mein Herz getroffen. Ich hatte solche Angst, dass ich nichts sehen und nichts hören konnte. Ich sah mich im Spiegel und sah mich zugleich nicht.

"Kindheit" und "Krieg" - das sind zwei Wörter, die wir nicht in einem Satz kombinieren sollten, denn Kindheit ist eine weiße, sonnige Wolke, und Krieg ist eine schwarze, schwere Wolke, die regnet und nicht aufsteigen will. Ich frage mich manchmal: Gibt es etwas Schlimmeres als die Wolke des Krieges und die darin verbrachte, verschwendete Kindheit? Ich war ein Kind, als ich Tote auf dem Boden liegen sah. Mein kindliches Ich dachte, dass sie nur schliefen. Dann war ich gezwungen, die Hand meines Freundes loszulassen, um zu fliehen und den Krieg zu überleben.

Das Wort "Kindheit" hat eine tiefe Bedeutung. Die Kindheit bleibt bis zum letzten Tag unseres Lebens in unseren Köpfen verankert, weil sie ein großer und allgemeiner Teil unseres Lebens ist. Das Ungerechte ist, dass wir unsere Kindheit nicht so wählen können, wie wir unsere Kleidung wählen können.

Die Zeit verging, ich wurde älter, und immer noch habe ich Angst davor, das Wort "Krieg" auch nur zu hören. Ich fürchte mich, wenn ich den Klang eines Flugzeugs höre, wenn der Laut einer Sirene an mein Ohr dringt, wenn ich Grausames in den Nachrichten sehe.

Das Leben wird vielen Menschen auf der Erde schwer gemacht, denn es gibt leider grausame Menschen, die nur an die Macht kommen wollen um jeden Preis. Unter ihnen gibt es kriminelle "Staatsoberhäupter", die die Bombardierung von Kindern und Frauen veranlassen, nur weil wir unsere Freiheit gefordert haben. Sie wollen, dass wir gehen und unsere Augen schließen, damit sie alles in Ruhe verschlingen können.

Jeder Mensch, der den Krieg erlebt hat, wird verstehen, was mit dem "Fluch des Krieges" gemeint ist. Ich hatte nicht erwartet, dass der Krieg mehr sein würde als Soldaten, ein verwüstetes Land und verwundete Menschen. Ich hatte nicht erwartet, dass ich den größten Verlust meines Lebens wegen dieses Krieges erleben musste. Der Krieg unterscheidet nicht zwischen Groß und Klein, der Krieg ist rücksichtslos und frisst alles auf und ist niemals satt.


Isra Almurad ist vor fünf Jahren aus Syrien nach Österreich gekommen und macht demnächst die Matura.

Erstveröffentlichung: wienerzeitung.at

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